Das schlimmste Foto zeigt er gegen Ende. Das aus dem Münchner Altenheim, das mit dem schwarzen Bein. Ein tiefes Atmen geht dann immer durch die Reihen des Publikums. Ein Stöhnen der Bestürzung: Wie kann man diesem Menschen nur das Sterben vorenthalten? Der da liegt in seinem Bett bis auf die Knochen abgemagert, den Mund offen, die Gliedmaßen verrenkt, den rechten Unterschenkel und Fuß bereits verfault. Wer kann da noch von Menschenwürde sprechen? Und was muss ich tun, damit mir so ein Schicksal niemals widerfährt?

Es sind diese Fragen, die dem Redner die Zuhörer zutreiben. So auch an diesem Vormittag in einem Seminarhaus im oberbayerischen Kochel. Unten liegt idyllisch der See, oben referiert Wolfgang Putz über "Entscheidungen am Lebensende". Von Gerichtsbeschlüssen und Diagnosen spricht der Anwalt, von juristischen Tatbeständen und medizinischen Indikationen. Keine leichte Kost, die er in dreieinhalb Stunden darbietet.

Doch die rund 30 Rentner, allesamt ehemalige Lehrer, folgen Putz achtsam. Sie machen Notizen, haken nach ("Muss eine Patientenverfügung schriftlich sein?"), erzählen von der eigenen Ehefrau im Koma und der Mutter, die in ihren letzten Tagen gegen ihren Willen noch künstlich ernährt wurde. In der Pause bedrängen sie ihn mit weiteren Fragen – und kaufen sein Buch. Am Abend in der Münchner Volkshochschule, beim zweiten Termin an diesem Tag, wird es ähnlich sein.

Hundertmal hat Wolfgang Putz diesen Vortrag gehalten, vor Anästhesisten und Palliativmedizinern, Altenpflegerinnen und Krankenhausschwestern, Theologen und Jurastudenten. Immer wieder angereichert mit neuen Gerichtsfällen und schockierenden Fotos. Wolfgang Putz ist ein Missionar für das selbstbestimmte Sterben. Niemand darf das Leben eines Patienten künstlich verlängern, wenn dieser es selbst nicht gewollt hat: So lautet seine Botschaft. Seit 25 Jahren verkündet er sie. Als Autor oder Lehrbeauftragter der beiden Münchner Universitäten, als Sachverständiger in Ethikkommissionen oder Mitverfasser der Bayerischen Patientenverfügung, mit der mehr als eine Million Deutsche ihren letzten Willen niedergelegt haben.

Da empfahl der Anwalt seiner Mandantin, zur Schere zu greifen

Vor allem aber vertritt er sie als Anwalt. In 260 Fällen haben Putz und die Kollegen seiner Münchner Kanzlei Menschen vertreten, die siech und in Bewusstlosigkeit lagen, aber nicht sterben konnten, weil sie mit medizinischer Hilfe am Leben gehalten wurden. In der Regel erfolgt dies mit einer Magensonde, mit der synthetische Nahrungsmittel über die Bauchdecke in den Körper des Patienten gepumpt werden. Einmal installiert, erlaubt die Nahrung aus dem Schlauch das Leben um Jahre zu verlängern (siehe ZEIT Nr. 23/09). Der bisherige Rekord liegt bei 28 Jahren.

"Jeden Tag wird damit in Deutschland viele Tausend Mal das Recht gebrochen", sagt Putz. Die allermeisten Patienten haben die künstliche Ernährung, davon gibt sich Putz überzeugt, über einen so langen Zeitraum niemals gewollt. Aus seiner Arbeit kennt er das schließlich, wie Menschen – schriftlich in einer Patientenverfügung oder mündlich – festgelegt haben, wie und ab wann sie sterben wollen. Der Anwalt hilft ihnen, den Wunsch durchzusetzen. Meist gelingt ihm das auf außergerichtlichem Weg. Manchmal jedoch landen die Fälle vor Gericht.

Bisher hat Putz am Ende jedes Mal gewonnen. Jetzt steht die Entscheidung in seinem größten Fall bevor, es geht um ihn selbst. Am kommenden Mittwoch um neun Uhr beginnt vor dem Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe die Verhandlung über einen dramatischen Sterbefall. Das Gericht hat bereits angekündigt, es werde eine Grundsatzentscheidung fällen. Der Beschluss könnte, da sind sich Beobachter einig, auf diesem Feld Rechtsgeschichte schreiben. Wolfgang Putz nennt den Prozess die "Vollendung meiner Tätigkeit". Doch diesmal wird der Jurist nicht als Ankläger oder Verteidiger vor dem Richter stehen. Beschuldigt ist niemand anderes als er selbst.

 

Der 21. Dezember 2007, Erika K. liegt im Bett ihres Pflegeheims im hessischen Bad Hersfeld und atmet nur noch flach. Seit einer Hirnblutung befindet sich die 77-Jährige im Koma. Sie ist leichenblass, ihre Gelenke sind grotesk angewinkelt. Ein Arm war der alten Frau amputiert worden, weil er abzufaulen drohte. Die längste Zeit hat sie eine Magensonde ernährt. Doch jetzt hängt der Schlauch ohne Beutel aus dem Bauch. Nach mehr als anderthalb Jahren zähen Kampfes mit dem Heim haben die Kinder mit Hilfe ihres Anwalts Putz durchgesetzt, die künstliche Lebenserhaltung zu beenden. Jetzt wachen Sohn und Tochter an der Seite ihrer Mutter und warten darauf, dass sie stirbt.

Da plötzlich macht das Heim einen Rückzieher: Man könne das Sterben nicht zulassen, müsse die künstliche Ernährung wieder aufnehmen. Die Kinder geraten in Panik: Waren alle Mühen um einen würdigen Tod ihrer Mutter umsonst? Es ist kurz vor Weihnachten. Weder der Arzt ist zu erreichen noch der Vormundschaftsrichter, nur ihr Anwalt. Und der trifft eine folgenschwere Entscheidung.

Wolfgang Putz rät seiner Mandantin zur Selbsthilfe: "Schneiden Sie die Sonde ab."

Mit einer Pflasterschere des Heimes trennt sie den Schlauch durch, dessen Ende in den Bauch zurückrutscht. Nun eskaliert die Situation vollends. Das Heim ruft die Polizei, die Tochter wird festgenommen. Als ihre Mutter kurze Zeit später stirbt, ist sie nicht dabei. Die Heimleitung erstattet Anzeige gegen die Angehörigen und deren Anwalt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Putz angezeigt wird. Seinen Gegnern – und derer gibt es viele – gilt der Sterbeanwalt als einer, der zu leichtfertig über den Lebensschutz hinweggeht, und als einer, der das Selbstbestimmungsrecht verabsolutiert. Wo über ihn gestritten wird, in einschlägigen Internetforen etwa, bezichtigt man ihn gar der Euthanasie. Putz als Advocatus Diaboli der Sterbehilfe. Einmal zeigt der CDU-Abgeordnete und jetzige Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe, den Anwalt bei der Polizei an. Doch das Verfahren wurde, wie alle anderen auch, eingestellt.

Bei dem Rechtsstreit aber, der nun vor dem BGH entschieden wird, ist alles anders. Entgegen aller Erwartungen verurteilt das Landgericht Fulda den Anwalt wegen versuchten Totschlags zu neun Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von 20.000 Euro. Zwar sei die Einstellung der künstlichen Ernährung richtig gewesen, befindet der hessische Richter. Ihre Wiederaufnahme bezeichnet er gar als "Körperverletzung". Die Magensonde jedoch eigenhändig zu zerstören sei aktive Sterbehilfe gewesen und damit strafbar.

Eine seltsame Begründung, viele bezeichnen dieses Urteil als falsch. Selbst der Generalstaatsanwalt, also der aktuelle Vertreter der Anklage, hat sich bereits von der Fuldaer Entscheidung abgesetzt. Am Mittwoch, da ist sich Putz sicher, wird das oberste Strafgericht der Republik ihm recht geben und ihn freisprechen. Ein solcher Entscheid wäre für Putz der "letzte Puzzlestein eines Bildes". Er würde "den Ärzten die verbliebene juristische Angst nehmen, das Sterben zuzulassen". Aufgeregt wie damals vor dem Staatsexamen sei er. Jahrelang hat er vergeblich gehofft, dass ein solches Strafverfahren bis zum Karlsruher Gerichtshof kommt. Da drängt sich leicht der Verdacht auf, er habe dieses Exempel bewusst selbst statuiert. Um erst als "Märtyrer der Sterbehilfebewegung" dazustehen, wie Kritiker ihm vorwarfen, und dann damit in den rechtskundlichen Lehrbüchern einen Hauch Unsterblichkeit zu erlangen.

 

Von einem solchen Coup träumen viele Juristen, warum nicht auch Putz? Gefallsucht und Besserwisserei, die beiden Berufskrankheiten jedes Anwalts, sind dem Mann mit dem grauen Bart und den kurz geschorenen Haaren nicht völlig fremd. "Überall, wo man den Fachmann braucht, werde ich gerufen", sagt er mit hörbarem Stolz. Sein bayerisches Timbre füllt leicht einen großen Gerichtssaal. In jungen Jahren hat er als Volontär das journalistische Handwerkszeug gelernt. Noch immer formuliert Putz beispielreich, direkt und gern mit einem Schuss Polemik. Das Buch zum Prozess hat er schon beinahe fertig geschrieben. Hat er den ganzen Plot also provoziert?

"Nein, überhaupt nicht", wehrt Putz ab. Die Aufforderung zum Durchschneiden der Magensonde sei "vielleicht frech" gewesen. Aber niemals habe er geglaubt, damit vor Gericht zu landen – und dann auch noch schuldig gesprochen zu werden. Seine Verurteilung mache ihm mehr zu schaffen, als er es vorher vermutet habe. Er äußert sich nicht nur wütend über den "ahnungslosen Richter, dem ich in der Verhandlung den Unterschied zwischen Medikation und Indikation erklären musste". Immer wieder betont er, wie tief ihn der Vorwurf der jungen Staatsanwältin getroffen habe, er mache sich zum "Herrn über Leben und Tod". Eine andere Prozessteilnehmerin hatte während der Verhandlung in den Augen des sonst so unerschütterlich Selbstbewussten Tränen gesehen.

Das hätte Mutter nicht gewollt, sagten die Kinder – Putz aber zweifelte

Tief religiös ist Putz erzogen worden. Bevor er sonntags zum Skifahren fuhr, so erzählt er, musste er in die Frühmesse am Bahnhof. Und auch wenn er vor ein paar Jahren aus der Kirche ausgetreten sei, als Christ fühle er sich noch immer. "Mein Leitbild ist die Lehre von Jesus Christus." Er arbeitet oft mit Theologen zusammen und sagt, er liebe es, christlichen Lebensschützern mit Bibelzitaten Contra zu geben.

Vielleicht ist es die Freiheit des Christenmenschen, auch über das Ende selbstbestimmt zu entscheiden, die ihn bis heute motiviert. Oder es sind seine sieben Semester Medizinstudium und der Studentenjob als Hilfspfleger. Um Geld zu verdienen, schob er im Münchner Universitätskrankenhaus viele Schichten in jener Zeit, als die Maschinenmedizin nahezu alles machte, was sie konnte. Ganz sicher treibt ihn der Wille, recht zu behalten. Als junger Medizinanwalt – Putz’ zweites Standbein sind Haftungsfälle – hatte der Jurist gelernt, dass eine Behandlung immer sinnvoll sein muss und sie die Zustimmung des Patienten braucht: Das sind die Säulen des Medizinrechts. Doch ausgerechnet wenn es ans Sterben gehe, würden diese Regeln "oft dreist ignoriert". Das hat nicht aufgehört, ihn zu wurmen.

Plagen ihn niemals Zweifel an dem Todeswunsch seiner Mandanten? Selten, sagt Putz. Der Patientenwille müsse ja gut dokumentiert sein. Wobei ein Restrisiko natürlich immer bleibe. Kürzlich vertrat er eine Frau, die bewusstlos war und der beide Beine abgenommen werden mussten. Das hätte die Mutter niemals gewollt, sagten ihre Kinder und beauftragten Putz, die Klinik zum Sterbenlassen zu bewegen. Die Ärzte waren schon fast überzeugt, dem Anwalt selbst ging die Sache aber zu schnell. Schließlich war in der Patientenverfügung von Amputation keine Rede. Er setzte sich stattdessen dafür ein, die Kranke aufwachen und selbst entscheiden zu lassen. Die Angehörigen schäumten, wollten ihrem Rechtsbeistand sogar kurzzeitig das Mandat entziehen. Der aber setzte sich durch. Als die Frau schließlich erwachte, wollte sie auch ohne Beine weiterleben.

So etwas könnte in Zukunft häufiger geschehen, sinniert der Anwalt, "dass man zu schlampert mit dem Willen des Kranken umgeht". Unmittelbar sehe er diese Gefahr noch nicht. Aber das neue Gesetz zur Patientenverfügung (siehe Kasten) und der gesellschaftliche Bewusstseinswandel, an dem Putz selbst so kräftig mitgewirkt hat, verändern den Umgang mit dem Lebensende. "Da muss man schon aufpassen, dass es nicht irgendwann heißt: Der hat eine Patientenverfügung, den können wir ruhig sterben lassen."