Marcel Reich-Ranicki »Ich bin nicht glücklich. Ich war es nie«
Ein Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki zum 90. Geburtstag
»Ja, kommen Sie schnell!«, ruft er in die Sprechanlage, als wir in der Frankfurter Gustav-Freytag-Straße an der Haustür klingeln. In der Wohnung, in der er seit Jahrzehnten lebt, ist beinahe alles unverändert. Die Brecht-Statue ist noch da, die Thomas-Mann-Büste und die Reich-Ranicki-Büste, die vielen Bilder. Teofila Reich-Ranicki sitzt rauchend im Esszimmer und zeichnet ihre Betreuerin. Marcel Reich-Ranicki nimmt im Wohnzimmer in seinem schwarzen, verstellbaren Ledersessel Platz. Neben sich das Telefon, die Fernseh-Fernbedienung und die Sessel-Fernbedienung.
DIE ZEIT: Wie geht es Ihnen?
Marcel Reich-Ranicki: Das Leben ist scheußlich, wenn man alt ist. Sehr unangenehm. Ich kann Ihnen nur sagen, es ist kein Vergnügen, so alt zu sein.
ZEIT: Sie blicken auf eine gewaltige Lebensstrecke zurück. Als Sie 1974 zur FAZ kamen…
Reich-Ranicki: 73!
ZEIT: Jetzt sitzen wir hier wie Großvater, Vater und Kind. Gefällt Ihnen das?
Reich-Ranicki: Das ist mir zu kompliziert. Ich kann Ihnen nur sehr schwer folgen.
ZEIT: Ihre Schüler gehen in Rente, und Ihre Enkel bekommen langsam weiße Haare. Sie haben eine unglaublich lange Zeit die Literaturkritik dominiert. Wer sind Ihre Nachfolger, Ihre Zöglinge?
Reich-Ranicki: Weinzierl, Hage, Wittstock.
Das Telefon klingelt. Er hebt ab.
Ja. Liebling, ich war so lange bei Petra Roth, und hier sind Greiner und die Radisch. Gibt es irgendetwas Neues? Was soll ich mit diesem Botschafter? Kommen Sie morgen um elf. Ja, dieser Lyriker hat auch wieder angerufen. Dieser Lentz . Ja, ja, ja. Ich finde diese Lyrik nicht sehr gut, jedenfalls nicht für die Frankfurter Anthologie. Kommen Sie um elf.
Er legt auf. Zu seinen Besuchern:
Das war Kathrin Fehlberg. Sie ist sehr gut. Meine Sekretärin. Eine Germanistin. Ein Zögling von Thomas Anz. Der holländische Botschafter will mir einen Orden verleihen. Im Namen der Königin. Völlig überflüssig.
ZEIT: Lesen Sie noch gerne?
Reich-Ranicki: Ich lese die ZEIT, den Spiegel, häufiger als früher. Ich lese Zeitungen.
ZEIT: Wo ist Ihre Liebe zur Literatur geblieben? Lesen Sie die deutschen Gegenwartsromane?
Reich-Ranicki: Selten.
ZEIT: Liegt das an den Romanen oder an Ihnen?
Reich-Ranicki: Das hat etwas mit mir zu tun. Ich frage mich: Muss ich schon wieder einen Roman lesen?
ZEIT: Haben Sie das Gefühl, die Literatur der Gegenwart spricht nicht mehr zu Ihnen?
Reich-Ranicki: Ja, ja, ja, so ist es.
ZEIT: Und Sie vermissen die Literatur nicht?
Reich-Ranicki: Das Ganze steht im Schatten einer einzigen Tatsache. Dass ich jetzt neunzig Jahre alt werde. Es ist scheußlich.
ZEIT: Das hat Ihnen die Lust an den Büchern genommen?
Reich-Ranicki: Das hat mir die Lust an allem weggenommen. An allem.
ZEIT: Weil alles keine Zukunft hat?
Reich-Ranicki: Das ist ja noch milde ausgedrückt. Keine Zukunft! Es ist schon eine Zukunft da. Aber die ist der Tod. Als meine Frau und ich uns mit zwanzig Jahren kennengelernt haben, war es sehr unwahrscheinlich, dass wir überleben. Wenn wir uns vorgestellt haben, wie wird das sein, wenn wir achtzig sind ... oh Gott! Aber neunzig? Neunzig! Schrecklich, schrecklich.
ZEIT: Und es gelingt Ihnen nicht, diese lange Lebenszeit als Ernte einzufahren und stolz zu sein auf Ihre großen Leistungen und Ihr Leben?
Reich-Ranicki: Sie wollen von mir, dass ich von Zufriedenheit spreche. Sie wollen hören, ja, ich bin zufrieden, ich habe dies erreicht, ich habe das erreicht. Das ist nicht zu haben. Na ja, Kinder, was wollt ihr?
ZEIT: Sie sind der wichtigste Literaturkritiker Deutschlands. Jeder Tankwart kennt Sie, wie Sie zu sagen pflegen.
Reich-Ranicki: Ja, das stimmt. Ich hatte Freude daran, dass jeder Tankwart mich kannte. Viele Leute haben mich gekannt. Aber das ist vorbei. Das war so. Ich komme heute in mein Büro bei der FAZ . Und es gibt da junge Leute, die kennen mich nicht. Die gehen an mir vorbei, die gucken mich nicht einmal an.
ZEIT: Schmerzt Sie das?
Reich-Ranicki: Es verwundert mich. Es gibt nur noch zwei Menschen, die ich in der FAZ kenne.
ZEIT: Liegt es am Gang der Zeit, dass die Jugend die Alten vergisst, oder liegt es daran, dass die Art der Literaturkritik, für die Sie stehen, nicht mehr gefragt ist?
Reich-Ranicki: Ihr stellt Fragen, die sehr berechtigt sind, aber ich kann sie nicht beantworten.
ZEIT: Vom Urteil der Literaturkritik hängt heute nicht mehr so viel ab wie zu Ihrer Zeit. Es ist eine große Versöhnlichkeit eingetreten. Bei Ihnen ging es um mehr.
Reich-Ranicki: Sprechen Sie weiter! So ist es. So wie Sie es sagen, stimmt es ganz genau. Trotzdem mache ich immer weiter. Ich mache die Frankfurter Anthologie, ich schreibe jede Woche meine Kolumne für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung .
ZEIT: Aber nicht mehr mit derselben Freude?
Reich-Ranicki: Nein, nicht mehr mit derselben Freude. Ich bin nicht glücklich. Ich bin überhaupt nicht glücklich. Ich war es nie in meinem Leben. Ich war es nie. Ich war nie in meinem Leben glücklich. Das ist etwas, was ich nicht kenne. Und es gibt noch etwas, was ich nicht kenne. Ich kenne keinen Stolz. Alle fragen mich: Sind Sie stolz? Aber das Wort Stolz ist mir nicht bekannt.
ZEIT: Waren Sie nicht stolz, dass Ihr Leben sogar verfilmt wurde?
Reich-Ranicki: Ach, der Film war für mich eine große Enttäuschung.
ZEIT: Sagen Sie das nicht zum ersten Mal? Sie haben den Film doch immer gelobt?
Reich-Ranicki: Natürlich habe ich ihn gelobt. Aber aus dem Film hätte man etwas ganz anderes machen können.
ZEIT: Was war falsch, zu viel Unterhaltung?
Reich-Ranicki: Im Gegenteil. Zu wenig Unterhaltung. Ein enttäuschender Film. Er hat mich nicht berührt.
ZEIT: Die Unterhaltung ist Ihnen wichtig. Als Literaturchef der FAZ haben Sie darauf Wert gelegt, dass Literaturkritiken unterhaltsam und verständlich sein müssen. Der Leser war Ihnen sehr wichtig. Ihre Liebe zur Literatur war nie so blind, dass Sie die Leser aus den Augen verloren hätten.
Reich-Ranicki: Das war mir immer wichtig. Ich habe das von der Theaterkritik. Alfred Kerr, Herbert Ihering, Siegfried Jacobsohn, Julius Bab, die schrieben alle für das Publikum.
ZEIT: Und das hat Sie nie ermüdet, immer verständlich sein zu müssen?
Reich-Ranicki: Was heißt hier verständlich sein müssen , ich wollte verständlich sein. Ich wollte den Leuten mitteilen, dass Kabale und Liebe ein sehr wichtiges Stück ist. Dass Shakespeare ein großartiger Autor ist.
ZEIT: Die Leute könnten sich doch auch ein bisschen anstrengen, um das zu verstehen.
Reich-Ranicki: Nein, es ist wichtig, mit der Kritik Erfolg zu haben. So wie die Theaterkritik. Alfred Kerr hatte eine große Wirkung auf mich. Der war interessant, der war lebendig.
Das Telefon klingelt.
Ja. Ja. Ach, Lieber, muss das sein. Also, jetzt in diesen Tagen geht das nicht. Nein, nein, nein, diese Woche bin ich vollkommen belegt. Dann rufen Sie mich nächste Woche an, dann werden wir uns verabreden. Rufen Sie mich an, gut, adieu.
ZEIT: Sie haben häufig davon gesprochen, dass Ihre Karriere in der Bundesrepublik auch von Antisemitismus überschattet war. Nehmen Sie wahr, dass es inzwischen in Deutschland junge Autoren gibt, die sich sehr deutlich zu ihrer jüdischen Kultur bekennen?
Reich-Ranicki: Wen meinen Sie?
ZEIT: Jemand wie Maxim Biller zum Beispiel.
Reich-Ranicki: Der ist mir sehr fremd. Irgendjemand hat mir gerade geschrieben, Biller habe mich in einem Buch interessant beschrieben.
ZEIT: Er porträtiert Sie in seinem Buch Der gebrauchte Jude als jüdischen Außenseiter und Einzelgänger.
Reich-Ranicki: Mag er das schreiben. Mag er das vermuten. Ich habe damit nichts zu tun. Überhaupt nicht, aber überhaupt nicht. Vergessen Sie bitte nicht, die Juden in der deutschen Literatur haben eine enorme Rolle gespielt. Heine oder Tucholsky. Solche Figuren haben mich interessiert. Oder denken Sie an einen Mann, der mich nicht leiden konnte, den ich nicht leiden konnte: Hans Mayer. Da war vieles enorm.
ZEIT: Sie empfinden sich also selber nicht als Außenseiter?
Reich-Ranicki: Jetzt passen Sie mal auf. Ich bin in Polen in der Ortschaft Włocławek geboren. Mein Vater war ein polnischer Jude, meine Mutter war eine deutsche Jüdin. Meine Eltern beschäftigten sich mehr mit Musik als mit Literatur. Ich habe sehr viel gelesen, von Anfang an. Ich kam nach Deutschland, ich wurde in kurzer Zeit, in sehr kurzer Zeit der beste Deutschschüler. Und natürlich war ich als der glänzende Deutschschüler in der Schule ein Außenseiter.
ZEIT: Wegen des Jüdischen, wegen des Polnischen oder wegen der glänzenden Begabung?
Reich-Ranicki: Wegen allem zusammen. Ich habe als Vierzehnjähriger meine Lehrer verrückt gemacht, wenn ich gesagt habe, das stimmt nicht, das steht nicht im Faust, das steht in der Iphigenie. Es gab in der Schule keinen großen Unterschied zwischen jüdischen und nichtjüdischen Schülern. Aber da war ein einziger Schüler, das war dieser Reich. Er war der einzige, der die deutsche Literatur wie kein anderer kannte. Das war die Sonderrolle. Das war ganz klar.
ZEIT: Haben Ihre Eltern diese besondere Begabung erkannt?
Reich-Ranicki: Meine Mutter hat sie erkannt. Das Erste, was sie mir schenkte, war eine Ausgabe des Wilhelm Tell .
ZEIT: Sie sprechen häufig besonders liebevoll von Ihrer Mutter. In Ihrer Autobiografie Mein Leben bleibt Ihr Vater ganz im Hintergrund, erscheint als Versager. War das so?
Reich-Ranicki: Der Vater war ein gütiger Mensch. Aber Sie haben recht, ein Versager.
ZEIT: Und Sie wollten kein Versager sein.
Reich-Ranicki: Ja, das wollte ich auf keinen Fall sein. Ich hatte nach dem Krieg keinen Beruf. Ich hatte keine Arbeit.
ZEIT: Da hat Sie die Literatur gerettet.
Reich-Ranicki: Nein, sie hat mich nicht gerettet. Es war überhaupt nicht klar, was ich machen sollte. In Warschau war ich ein vollkommener Außenseiter. Es war klar: Ich habe in Polen nichts zu suchen. Ich musste aus Polen raus. Ich bin allein hierhergekommen. Meine Frau und unser Sohn waren noch in England. Ich bin mit einem Wörterbuch hierhergekommen, mit einem deutsch-polnischen Wörterbuch in zwei Bänden. Es steht hier, ich kann es Ihnen zeigen. Es ist das beste und älteste deutsch-polnische Wörterbuch, aus dem Jahr 1905. Die große Frage war, wovon werde ich leben? Die Hoffnung war, ich werde leben, weil ich die Wörterbücher habe. – Warum lachen Sie? Ich habe diese beiden Wörterbücher hier stehen. Ich habe sie nicht einen Augenblick verwendet. Sie lagen immer da, und sie liegen da bis heute.
ZEIT: Ihre ersten Artikel in Deutschland haben Sie dann für die Welt geschrieben.
Reich-Ranicki: Die wollten das einfach haben.
ZEIT: Bald kamen Sie zur ZEIT .
Reich-Ranicki: Ich war bei der Gruppe 47. Ich war da kurz und habe gesagt, was ich von irgendeiner Erzählung halte. Daraufhin hat mich Rudolf Walter Leonhardt sofort engagiert. Aber die Redaktion hat mich nie im Haus haben wollen.
ZEIT: In seinem Buch zum 50-jährigen Bestehen der ZEIT hat Karl-Heinz Janßen geschrieben, man habe Sie für »rabulistisch« gehalten. Wollen Sie aus diesem Nebensatz wirklich schließen, die gesamte ZEIT- Redaktion sei antisemitisch gewesen?
Reich-Ranicki: Nein, das will ich nicht. Aber ich muss Ihnen eine merkwürdige Geschichte erzählen. Die ZEIT hatte einen Mitarbeiter in Zürich, François Bondy. Der wurde zu Konferenzen nach Hamburg eingeladen. Einer wurde nicht eingeladen, einer kam nicht rein, das war ich. Ich war nie einen Tag, eine Stunde in der Redaktion. Mitarbeiter kamen von weit her, ich saß in Hamburg-Niendorf und durfte nicht kommen. Ich bin nicht geduldet worden. Ist das Antisemitismus? Ich weiß es nicht.
ZEIT: Es war Joachim Fest, der Sie dann zum Literaturchef der FAZ gemacht hat. Später haben Sie sich mit ihm entzweit. In Ihrer Autobiografie erzählen Sie, wie Sie von Fest zur Präsentation seines Hitler-Buches in Wolf Jobst Siedlers Haus in Berlin eingeladen worden seien und wie sie Albert Speer unter den Gästen erblickt hätten. Sie haben das Fest und Siedler verübelt. Aber Sie hätten sich auf dem Absatz umdrehen und gehen können.
Reich-Ranicki: Als ich Albert Speer sah, kam er schon auf mich zu. Er wurde mir von Wolf Jobst Siedler in die Arme geschoben. Speer war bezaubernd zu mir.
ZEIT: Haben Sie mit ihm gesprochen?
Reich-Ranicki: Ja, ich habe mit ihm gesprochen.
ZEIT: Worüber?
Reich-Ranicki: Das weiß ich nicht mehr.
Das Telefon klingelt.
Ja. Ja. Liebe, ich freue mich, dass du hier bist. Hast du irgendwelche Neuigkeiten erfahren? Oje, oje. Ich werde die Herrschaften hier fragen, ob sie das für möglich halten. Also, ich werde morgen mit dir telefonieren, adieu.
Er legt auf. Zu seinen Besuchern:
Folgende Sensation. Bei Hanser erscheint im August ein Buch von dem Autor Gstrein, haben Sie davon gehört? Es soll ein Roman über die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkéwicz sein.
ZEIT: Und das interessiert Sie?
Reich-Ranicki: Ja, so was interessiert mich.
ZEIT: Was ist denn daran interessant?
Reich-Ranicki: Was hat mir diese Frau angetan! Eine unglaubliche Figur. Sie wollte die Frankfurter Anthologie nicht mehr im Insel Verlag haben. 33 Bände sind erschienen. Verrückt.
ZEIT: Wird sie den Suhrkamp Verlag zugrunde richten?
Reich-Ranicki: Vorläufig hat sie die Frankfurter Anthologie zugrunde gerichtet. Aber die erscheint jetzt bei S. Fischer. Die Berkéwicz glaubt, ich sei daran schuld, dass ihre Bücher nicht erfolgreich sind. Was hat Unseld mit mir geredet! Kannst du nicht was für die Ulla tun, kann die Ulla nicht einen Preis bekommen.
ZEIT: Aber Sie sind unbestechlich.
Reich-Ranicki: Ja, ja.
ZEIT: Erinnern Sie sich an die Sendung im Literarischen Quartett, in der Sie Ulla Hahn verrissen haben, obwohl Sie Ihr Entdecker waren?
Reich-Ranicki: Ich hätte das Buch nie in die Sendung nehmen sollen. Ich war zu scharf.
ZEIT: Und die legendäre letzte Sendung mit Sigrid Löffler. Haben Sie hinterher nie gedacht, dass Sie ihr Unrecht getan haben?
Reich-Ranicki: Nein! Ich hätte sie nie ins Quartet t lassen sollen. Eine tiefunanständige Frau.
ZEIT: Interessieren Sie sich noch dafür, wer den Literaturnobelpreis bekommt? Was halten Sie von Herta Müller?
Reich-Ranicki: Zu Herta Müller möchte ich mich nicht äußern.
ZEIT: Und Elfriede Jelinek?
Reich-Ranicki: Was war das? War das Literatur? Ich weiß es nicht.
ZEIT: Sie wissen es.
Reich-Ranicki: Damals war ich schon nicht mehr so konsequent an Literatur interessiert. Jelinek hat mich nicht sehr interessiert. Das ging mich nichts an. – Aber sagt mal, wollt ihr meine Frau jetzt mal begrüßen?
Das Telefon klingelt. Reich-Ranicki telefoniert im angrenzenden Arbeitszimmer.
ZEIT: Frau Reich-Ranicki, Ihr Mann hat sich bei uns beklagt, dass ihn keiner mehr kennt, dass sich niemand mehr für ihn interessiert. Dabei klingelt hier dauernd das Telefon.
Frau Reich-Ranicki: Ja, das Telefon klingelt ständig. Ich freue mich für ihn, dass er noch so viele Kontakte hat.
ZEIT: Ihr Mann redet dauernd davon, dass er so einsam sei. Aber er kann es gar nicht zu Ende aussprechen, weil schon wieder das Telefon klingelt.
Frau Reich-Ranicki: Gott sei Dank.
Reich-Ranicki:(ruft aus dem Arbeitszimmer) Kann jemand helfen? Das Faxgerät funktioniert nicht.
Während die Besucher den versehentlich gezogenen Netzstecker wieder am Gerät befestigen, stellen sie fest: Im einst mit Büchern überfüllten Arbeitszimmer sind die meisten Regale leer.
ZEIT: Herr Reich-Ranicki! Was haben Sie mit Ihren Büchern gemacht?
Reich-Ranicki: Viele habe ich weggegeben, die, die ich nicht mehr brauche.
Das Gespräch führten Ulrich Greiner und Iris Radisch
- Datum 02.06.2010 - 06:58 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27.05.2010 Nr. 22
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dessen putzige Poltrigkeit das knallharte Kalkül verdeckt, hat mit der Überfülle an Macht, die ihm zuwuchs und deren, auch politisch gezielten Gebrauch mehr als genug Schaden angerichtet in der deutschen Literatur. Da nennen wir mal als Beispiel Gerd Gaiser und haben überhaupt kein Mitgefühl wegen des altersbedingt absterbenden Spasses am Leben und Lesen und des bei lebendigem Leib in Vergessenheit Geratens.
?
"Macht"? Über wie viele Divisionen verfügt denn MRR? Man könnte doch allenfalls von Einfluß reden, den sich MRR mit der Macht (sic) des Wortes erarbeitet hat; nur seine Eloquenz und Intelligenz hat ihm die Stellung ermöglicht, die er inne hat.
Und Schaden für die deutsche Literatur? Doch wohl kaum! Welcher Kritiker hat denn mehr Leser zum Buch greifen lassen?
Und Gerd Gaiser? Ist das wirklich so ein Verlust? Und hindert MRR wirklich die Lektüre??
ach gottchen, na wirklich, dieses gegreine über angebliche macht...wirklich gute kunst überlebt auch ohne komerziellen erfolg - dan wird man eben artist's artist!
ob das bei ihrem autor der fall ist, sei mal dahin gestellt, die zeilen, die der herr ryder ausgegraben hat, sprechen nicht gerade dafür*
schade für mmr, dass er so unlustig geworden ist, aber werden wir erstmal 90...jedenfalls MUSS ein kritiker ne meinung haben und die auch verständlich und treffend artikulieren - wer sie anzweifeln will, schreibt dann eben seit soundsoviel uhr im morgengrauen zurück! er musste ja auch einstecken, so ist das ja nicht - wurde er nicht in einem auf ihn gemünzten roman sterben gelassen? hat er sich da beschwert?
ich meine er mag ein poltriger mann sein (schätze auch mal deswegen, und nicht etwa aus anti-s., wurde er damals bei der zeit nicht eingeladen;) ...)& altmodische ansichten vertreten, aber machtmissbrauch - weil er ne meinung hat???
*das ich mit diesem aufrechten zionimus-sympathisanten jemals einer meinung bin, darf ich also auch noch erleben ;)
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"Macht"? Über wie viele Divisionen verfügt denn MRR? Man könnte doch allenfalls von Einfluß reden, den sich MRR mit der Macht (sic) des Wortes erarbeitet hat; nur seine Eloquenz und Intelligenz hat ihm die Stellung ermöglicht, die er inne hat.
Und Schaden für die deutsche Literatur? Doch wohl kaum! Welcher Kritiker hat denn mehr Leser zum Buch greifen lassen?
Und Gerd Gaiser? Ist das wirklich so ein Verlust? Und hindert MRR wirklich die Lektüre??
ach gottchen, na wirklich, dieses gegreine über angebliche macht...wirklich gute kunst überlebt auch ohne komerziellen erfolg - dan wird man eben artist's artist!
ob das bei ihrem autor der fall ist, sei mal dahin gestellt, die zeilen, die der herr ryder ausgegraben hat, sprechen nicht gerade dafür*
schade für mmr, dass er so unlustig geworden ist, aber werden wir erstmal 90...jedenfalls MUSS ein kritiker ne meinung haben und die auch verständlich und treffend artikulieren - wer sie anzweifeln will, schreibt dann eben seit soundsoviel uhr im morgengrauen zurück! er musste ja auch einstecken, so ist das ja nicht - wurde er nicht in einem auf ihn gemünzten roman sterben gelassen? hat er sich da beschwert?
ich meine er mag ein poltriger mann sein (schätze auch mal deswegen, und nicht etwa aus anti-s., wurde er damals bei der zeit nicht eingeladen;) ...)& altmodische ansichten vertreten, aber machtmissbrauch - weil er ne meinung hat???
*das ich mit diesem aufrechten zionimus-sympathisanten jemals einer meinung bin, darf ich also auch noch erleben ;)
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"Macht"? Über wie viele Divisionen verfügt denn MRR? Man könnte doch allenfalls von Einfluß reden, den sich MRR mit der Macht (sic) des Wortes erarbeitet hat; nur seine Eloquenz und Intelligenz hat ihm die Stellung ermöglicht, die er inne hat.
Und Schaden für die deutsche Literatur? Doch wohl kaum! Welcher Kritiker hat denn mehr Leser zum Buch greifen lassen?
Und Gerd Gaiser? Ist das wirklich so ein Verlust? Und hindert MRR wirklich die Lektüre??
Zu Gaiser findet sich folgendes: "Vor allem aber sollte der wohl beste Roman über den aussichtslosen Kampf einer deutschen Jagdstaffel am Ende des Zweiten Weltkriegs der Vergessenheit entrissen werden: Die sterbende Jagd beschreibt anderthalb Tage auf einem kleinen Flugplatz irgendwo im Norden. Gaiser gelingt es, die herausragende soldatische Tugend und den besonderen Ethos der Flieger mit dem grundsätzlichen Dilemma vieler deutscher Soldaten glaubhaft und stimmig zu verknüpfen. Zweifel und Skepsis gegenüber der moralischen Legitimität der politischen Führung treten gegen die Dienstpflicht und ein fragloses Funktionieren-Müssen in einem höchst anspruchsvollen Kampffeld zurück. Möglichkeiten des Widerstands kommen nicht zur Sprache, obwohl die Notwendigkeit spürbar ist. Und auch hier wieder: unnachahmlicher Jargon."
Mmmmm. Es lese, wer lesen möchte. Aber Verlust???
Zu Gaiser findet sich folgendes: "Vor allem aber sollte der wohl beste Roman über den aussichtslosen Kampf einer deutschen Jagdstaffel am Ende des Zweiten Weltkriegs der Vergessenheit entrissen werden: Die sterbende Jagd beschreibt anderthalb Tage auf einem kleinen Flugplatz irgendwo im Norden. Gaiser gelingt es, die herausragende soldatische Tugend und den besonderen Ethos der Flieger mit dem grundsätzlichen Dilemma vieler deutscher Soldaten glaubhaft und stimmig zu verknüpfen. Zweifel und Skepsis gegenüber der moralischen Legitimität der politischen Führung treten gegen die Dienstpflicht und ein fragloses Funktionieren-Müssen in einem höchst anspruchsvollen Kampffeld zurück. Möglichkeiten des Widerstands kommen nicht zur Sprache, obwohl die Notwendigkeit spürbar ist. Und auch hier wieder: unnachahmlicher Jargon."
Mmmmm. Es lese, wer lesen möchte. Aber Verlust???
Zu Gaiser findet sich folgendes: "Vor allem aber sollte der wohl beste Roman über den aussichtslosen Kampf einer deutschen Jagdstaffel am Ende des Zweiten Weltkriegs der Vergessenheit entrissen werden: Die sterbende Jagd beschreibt anderthalb Tage auf einem kleinen Flugplatz irgendwo im Norden. Gaiser gelingt es, die herausragende soldatische Tugend und den besonderen Ethos der Flieger mit dem grundsätzlichen Dilemma vieler deutscher Soldaten glaubhaft und stimmig zu verknüpfen. Zweifel und Skepsis gegenüber der moralischen Legitimität der politischen Führung treten gegen die Dienstpflicht und ein fragloses Funktionieren-Müssen in einem höchst anspruchsvollen Kampffeld zurück. Möglichkeiten des Widerstands kommen nicht zur Sprache, obwohl die Notwendigkeit spürbar ist. Und auch hier wieder: unnachahmlicher Jargon."
Mmmmm. Es lese, wer lesen möchte. Aber Verlust???
...ich mit Herrn MRR in einigen Punkten querliege...und obwohl im Vordergrund des Artikels das langsame Sterben steht...bewundere ich die Größe und Kompetenz dieses Mannes.
Ein rührendes Interview, das von Reich-Ranicki getragen wird und lebt. Ich denke, Reich-Ranickis sog. Begabung besteht in seinem nahbaren Charme. In den Archiven von Die Zeit lese ich manchmal seine alten Beiträge. Sehr nett.
Ein paar Worte zu den Thesen:
"Die Zeit: Vom Urteil der Literaturkritik hängt heute nicht mehr so viel ab wie zu Ihrer Zeit. Es ist eine große Versöhnlichkeit eingetreten. Bei Ihnen ging es um mehr."
Ja. Ja, ich kenne solche Aussagen, bspw. von einem spannenden Literaturwissenschafts-Professor, mit dem ich befreundet bin. Übertragen auf andere öffentliche Themen oder Fragen, so viel: Daran kann man arbeiten. Zumal ist Ihre Die Zeit sehr relativistisch, folglich versöhnlich, was sie leserlich, aber auch unkritisch und bisweilen austauschbar macht.
Damit möchte ich andeuten, dass nicht jede Redaktion es so hält. Ich möchte keine Namen nennen, aber mir fallen auf Anhieb zwei Kritiker ein, die in anderen Zeitungen mehr reißen als die Zeit-Redaktion. Man denke an lauwarme Limonaden wie Kehlmann.
"Die Zeit: Die Leute könnten sich doch auch ein bisschen anstrengen, um das zu verstehen."
Eventuell bringt das Ihr Dilemma auf den Punkt. Man muss sich einmal vor Augen führen, dass Sie von Literaturkritik oder Kunstkritik, Werkkritik - und nicht von Topologie, Quantenmechanik oder Zelluären Automaten sprechen.
Nach meinem Dafürhalten sind die meisten - oder alle? - sog. Literaturkritiker, die ich kenne, mehr Literaturbesprecher und -autoren als -kritiker.
ach gottchen, na wirklich, dieses gegreine über angebliche macht...wirklich gute kunst überlebt auch ohne komerziellen erfolg - dan wird man eben artist's artist!
ob das bei ihrem autor der fall ist, sei mal dahin gestellt, die zeilen, die der herr ryder ausgegraben hat, sprechen nicht gerade dafür*
schade für mmr, dass er so unlustig geworden ist, aber werden wir erstmal 90...jedenfalls MUSS ein kritiker ne meinung haben und die auch verständlich und treffend artikulieren - wer sie anzweifeln will, schreibt dann eben seit soundsoviel uhr im morgengrauen zurück! er musste ja auch einstecken, so ist das ja nicht - wurde er nicht in einem auf ihn gemünzten roman sterben gelassen? hat er sich da beschwert?
ich meine er mag ein poltriger mann sein (schätze auch mal deswegen, und nicht etwa aus anti-s., wurde er damals bei der zeit nicht eingeladen;) ...)& altmodische ansichten vertreten, aber machtmissbrauch - weil er ne meinung hat???
*das ich mit diesem aufrechten zionimus-sympathisanten jemals einer meinung bin, darf ich also auch noch erleben ;)
Ich bin jetzt 65 Jahre alt und ich kann mit der heutigen Popmusik auch nix mehr anfangen.
nichts anderes zu tun als Kommentare auf Zeit Online zu schreiben ;-)? Geniessen Sie Ihr Leben und Ihren Ruhestand. Raus aus dem virtuellen und rein ins richtige Leben. Viel Erfolg!
nichts anderes zu tun als Kommentare auf Zeit Online zu schreiben ;-)? Geniessen Sie Ihr Leben und Ihren Ruhestand. Raus aus dem virtuellen und rein ins richtige Leben. Viel Erfolg!
Ein gutes Interview, ein sehr gutes Interview! Man sollte es für einen Preis vorschlagen! Leicht und doch tiefgründig, porträtierend, dem Mann angemessen! Fast Literatur.
Dem kann ich nur zustimmen!
Dem kann ich nur zustimmen!
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