"Ja, kommen Sie schnell!", ruft er in die Sprechanlage, als wir in der Frankfurter Gustav-Freytag-Straße an der Haustür klingeln. In der Wohnung, in der er seit Jahrzehnten lebt, ist beinahe alles unverändert. Die Brecht-Statue ist noch da, die Thomas-Mann-Büste und die Reich-Ranicki-Büste, die vielen Bilder. Teofila Reich-Ranicki sitzt rauchend im Esszimmer und zeichnet ihre Betreuerin. Marcel Reich-Ranicki nimmt im Wohnzimmer in seinem schwarzen, verstellbaren Ledersessel Platz. Neben sich das Telefon, die Fernseh-Fernbedienung und die Sessel-Fernbedienung.

DIE ZEIT: Wie geht es Ihnen?

Marcel Reich-Ranicki: Das Leben ist scheußlich, wenn man alt ist. Sehr unangenehm. Ich kann Ihnen nur sagen, es ist kein Vergnügen, so alt zu sein.

ZEIT: Sie blicken auf eine gewaltige Lebensstrecke zurück. Als Sie 1974 zur FAZ kamen…

Reich-Ranicki: 73!

ZEIT: Jetzt sitzen wir hier wie Großvater, Vater und Kind. Gefällt Ihnen das?

Reich-Ranicki: Das ist mir zu kompliziert. Ich kann Ihnen nur sehr schwer folgen.

ZEIT: Ihre Schüler gehen in Rente, und Ihre Enkel bekommen langsam weiße Haare. Sie haben eine unglaublich lange Zeit die Literaturkritik dominiert. Wer sind Ihre Nachfolger, Ihre Zöglinge?

Reich-Ranicki: Weinzierl, Hage, Wittstock.

Das Telefon klingelt. Er hebt ab.

Ja. Liebling, ich war so lange bei Petra Roth, und hier sind Greiner und die Radisch. Gibt es irgendetwas Neues? Was soll ich mit diesem Botschafter? Kommen Sie morgen um elf. Ja, dieser Lyriker hat auch wieder angerufen. Dieser Lentz . Ja, ja, ja. Ich finde diese Lyrik nicht sehr gut, jedenfalls nicht für die Frankfurter Anthologie. Kommen Sie um elf.

Er legt auf. Zu seinen Besuchern:

Das war Kathrin Fehlberg. Sie ist sehr gut. Meine Sekretärin. Eine Germanistin. Ein Zögling von Thomas Anz. Der holländische Botschafter will mir einen Orden verleihen. Im Namen der Königin. Völlig überflüssig.

ZEIT: Lesen Sie noch gerne?

Reich-Ranicki: Ich lese die ZEIT, den Spiegel, häufiger als früher. Ich lese Zeitungen.

ZEIT: Wo ist Ihre Liebe zur Literatur geblieben? Lesen Sie die deutschen Gegenwartsromane?

Reich-Ranicki: Selten.

ZEIT: Liegt das an den Romanen oder an Ihnen?