ZEITmagazin: Herr Hader , Sie sind katholisch, ist Ihnen der Glaube eine Stütze?

Josef Hader: Nein, eher im Gegenteil.

ZEITmagazin: Wie meinen Sie das?

Hader: Ich habe mich von meiner katholischen Erziehung gelöst. Das war für mich eine Art Rettung.

ZEITmagazin: Inwiefern?

Hader: Ich bin auf dem Land aufgewachsen und war in einem katholischen Internat. Grundsätzlich muss man sagen, dass ich eine sehr gute Zeit erwischt habe, katholisch erzogen zu werden, die beste in 2000 Jahren, nämlich die siebziger Jahre. Es war kurz mal ein wenig das Fenster offen, später hat es der polnische Papst wieder zugemacht, und der deutsche lässt gerade die Gardinen runter. Aber es war doch so, dass ich mir als Kind immer so unvollkommen vorkam.

ZEITmagazin: Warum?

In meiner gläubigen Familie und auch beim Pfarrer hatte ich das Gefühl, Erwachsene haben nie Zweifel. Erst als ich merkte, dass die genauso unsicher sind wie ich, verlor ich das Gefühl, deformiert zu sein.

ZEITmagazin: In welchem Moment haben Sie das gemerkt?

Hader: Das war im Griechischunterricht, als ich die Dialoge des Sokrates von Platon las. Da wird gefragt: Welche Werte haben wir? Und Sokrates spricht mit all jenen, die diese Werte vertreten, und alle sind sehr selbstsicher, aber am Ende kommt raus, nichts ist sicher. Wir wissen nichts, das ist die einzige Gewissheit, die wir haben. Und ich habe mir gedacht, großartig! Schon vor über 2000 Jahren hat jemand so gedacht.

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ZEITmagazin: Sind Sie noch in der Kirche?

Hader: Ja, aber ich glaube, es ist jetzt der Punkt erreicht, wo ich nicht mehr kann. Ich bin auch aus Rücksicht auf meine Mutter dringeblieben und sage manchmal scherzhaft, dass ich noch einen Papst abwarten will. Aber alle Kardinäle sind vom jetzigen Papst oder vom vorigen Papst ernannt worden, die werden wieder so einen wählen. Ich glaube, das geht jetzt stramm ins 19. Jahrhundert zurück.

ZEITmagazin: Was gefällt Ihnen nicht an der Kirche?

Hader: Die ganze Struktur dieser Männergesellschaft. Das Zölibat ist ja nur dafür gut, dass man in größtmöglicher Abhängigkeit von der Zentrale bleibt. Diese seltsame, kranke Struktur, wo ausschließlich Leute zum Zug kommen, die sich für eine menschenfremde Lebensweise entscheiden. Auch diese kranke Sexualität, die nun als Skandal an die Öffentlichkeit kommt. Aber auch dort, wo es keinen Skandal gibt: Wie viele verkrüppelte Leben so eine Struktur hervorrufen kann. Dann dieses Gemeindeleben, das dadurch, dass es nur noch so wenige Priester gibt, völlig ruiniert wurde im Lauf der letzten 20 Jahre. Dass man das alles in Kauf nimmt, nur damit das Zölibat bleibt.