MusikgeschichteEiner zu viel

Richard Wagners Erbe ist in seiner Geburtsstadt Leipzig bisher nur halbherzig gepflegt worden. Bis zum Jubiläum im Jahr 2013 soll sich das ändern. von Jana Hensel

Im Jahr 2013 wird Richard Wagners 200. Geburtstag gefeiert

Im Jahr 2013 wird Richard Wagners 200. Geburtstag gefeiert  |  © Hulton Archive/Getty Images

Heute würde man es so sagen: Richard Wagner hatte von seiner Heimatstadt Leipzig die Nase ziemlich voll. Damals drückte man sich ein bisschen gewählter aus. Und so schrieb der 56-jährige Komponist 1869, vierzehn Jahre vor seinem Tod und bereits als berühmter Mann, an seinen alten Freund und ehemaligen Weggefährten Heinrich Laube, den Direktor des gerade eröffneten Neuen Theaters am Augustusplatz: »Lieber Laube! Sie würden mich zu aufrichtigem Dank verbinden, wenn Sie Ihre Stellung zu dem Leipziger Stadttheater dafür verwenden wollten, dass meine Opern auf demselben ganz und gar nicht mehr gegeben würden.«

Immer wieder hatte Richard Wagner mit ansehen müssen, wie man seine Stücke in Leipzig entweder gar nicht aufführen wollte oder in recht provinzieller, den Ansprüchen des Meisters nicht genügender Manier auf die Bühne brachte. Im Jahr 1833 wurde ihm für seine erste Oper Die Feen zunächst eine Aufführung in Aussicht gestellt, dann aber jedoch mit dem Hinweis, die Oper sei nicht aufführbar, der Plan widerrufen. 13 Jahre später geschah mit dem Fliegenden Holländer das Gleiche, obwohl Wagner die Partitur extra noch einmal bearbeitet hatte.

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Als man Mitte der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts endlich, und nur auf Drängen von Opernfreunden und Gewandhausmusikern, Tannhäuser und Lohengrin ins Repertoire des Leipziger Theaters aufnahm, blieben die Säle leer. Erst wenige Jahre vor Wagners Tod und nach zähen Verhandlungen kam der Ring in den Jahren 1878/79 nach Leipzig. Endlich eine Inszenierung, die Richard Wagner versöhnlich stimmte: »So möge ich denn nun glücklich wieder in meine Vaterstadt heimgekehrt sein, von welcher sonderbare musikalische Umstände mich so lange Jahre fern hielten.«

Im Jahr 2013 wäre Wagner 200 Jahre alt geworden. Überall in Leipzig beginnt sich mit Blick auf dieses Jubiläum reges bürgerschaftliches Engagement zu entfalten. Es soll den zu Lebzeiten geschmähten und nach 1989 in der »Musikstadt« beinahe gänzlich in Vergessenheit geratenen Komponisten – immerhin der einzige hier geborene mit Weltruhm – wieder ins Gedächtnis zurückbringen. Oder anders gesagt: Seit einiger Zeit wagnert es in Leipzig an allen Ecken.

So hat nach jahrelanger Abstinenz die Oper die berühmte Hamburger Lohengrin -Inszenierung von Peter Konwitschny nach Leipzig übernommen. An den nördlichen Promenaden-Anlagen des Innenstadtrings wurde jüngst der Grundstein für die Klinger-Treppe gelegt; das einst zu Ehren Wagners geplante Denkmal mit einem Sockel von Max Klinger hatte dieser zu Lebzeiten nicht fertigstellen können. In der vergangenen Woche trug sich die letzte noch lebende Wagner-Enkelin, Verena Lafferentz-Wagner, ins Goldene Buch der Stadt ein. Und auf Bestreben des Kulturamts wurde ein Kuratorium eingesetzt, um ein Konzept für das Wagner-Jahr zu erarbeiten.

Zur Eröffnung der Festtage gab es viel Klamauk

Gerade hat Leipzig »Wagner-Festtage« erlebt. Organisatorin war die erst vor wenigen Jahren gegründete Richard-Wagner-Gesellschaft Leipzig 2013 e. V. Zur offiziellen Eröffnung versammelten sich allerdings höchstens 40 Besucher am Fuße des Fockeberges, um in einer Prozession auf den »Grünen Hügel« Leipzigs zu ziehen. Auf die per Megafon gestellte Frage eines Moderators »Sag mir, wer du bist!« antwortete die kleine Menge trotzig: »Ich bin ein Wagnerist.«

Dort, wo die Leipziger nach dem Zweiten Weltkrieg die Trümmer ihrer zerbombten Stadt abgeladen hatten, stand ein Gerüst aus Stangen und Planen auf der Anhöhe. Aus Sicht der Veranstalter war es die Baustelle eines künftigen Festspielhauses, die es einzuweihen galt. Dazu wurde »braune Wagner-Brühe« gereicht. Der ursprüngliche Festredner namens »Armin Schlingenmief« hatte, wie dem Publikum mitgeteilt wurde, leider abgesagt. Auch wenn sich das alles selbst natürlich nicht ernst nahm – der Abend bot kaum mehr als Klamauk und hinterließ bei vielen Zuschauern Ratlosigkeit.

Leserkommentare
  1. 1. Wagner

    Ich vergöttere die Musik von Wagner und auch seine Persona

    • th
    • 01. Juni 2010 14:13 Uhr

    (s.u. Zitat), welche nur durch die Überzeugung von der völligen Manipulierbarkeit des Medien-Kulturbetriebs erklärt werden kann.
    Was vielleicht einer gewissen wagnerianischen Tradition entsprechen mag.

    Die Tatsache, dass Bach, Mendelssohn-Bartholdy und Schumann "sich nachhaltiger im Gedächtnis der Stadt verankern konnten" nicht mit deren Wirken zu erklären, sondern mit geschicktem Marketing "nach 1989", ist einfach unglaublich.

    Im Übrigen ist mir Leipzig als stolze "Bach-Stadt" sehr viel sympathischer, als eine ohne historischen Bezug künstlich kreierte "Wagner-Stadt". Laßt das Festspielhaus in Bayreuth, wo es hingehört!

    Zitat:
    "Bis zur Wagner-Stadt Leipzig ist es offenbar noch ein langer Weg. Zumal die Weichen, die nach 1989 gestellt worden sind, in eine andere Richtung führen. Leipzig ist Bach-Stadt, Robert Schumann und Felix Mendelssohn-Bartholdy haben hier gewirkt und sich nachhaltiger im Gedächtnis der Stadt verankern können.

    Solch ein Gedächtnis, man sieht es an dem weit über die Grenzen der Stadt bekannten Bach-Fest, hat häufig in erster Linie mit Stadtmarketing und einer institutionellen, finanziellen Förderung zu tun. Davon sind die Wagner-Vereine in Leipzig weit entfernt. Und so bleibt fraglich, ob das Engagement der Bürger trotz seiner guten Absichten auch über das Jahr 2013 hinaus je aus den Anfängen herauskommt."

  2. A) Von einer Leipziger Wagner-Abstinenz vor dem Konwitschny-Lohengrin kann keine Rede sein, standen doch in den letzten 10 Jahren ohne Unterbrechungen Wagner-Dramen mit auf dem Spielplan. Unter anderem erst vor kurzem eine Inszenierung des Lohengrin - nur eben nicht von Konwitschny! Parsifal, Tannhäuser, Tristan, Lohengrin habe ich seit 2003 dort gesehen - habe ich etwas vergessen?

    B) Die Tristan-Inszenierung in Leipzig kann leider auch nicht gerade eben viel. Ein Ruderboot mit zerbrochenen Paddeln und ein blinde Tristan. Wenig inspirierend in jeglicher Beziehung. 200 Besucher ist dafür doch toll...

  3. Kurz nach dem Krieg wollte die in "Drei Linden" ausgelagerte Leipziger Oper den "Tristan" aufführen, wozu man die Kammersängerin Margarete Bäumer aus Dresden eingeladen hatte. Am Abend der Vorstellung trat der Intendant vor den Vorhang und verkündete, dass die Sängerin sich erkältet habe, weshalb man statt dessen "Lakme" geben werde. So genoss ich die einzige Lakme meines Lebens, eine rare Gelegenheit.

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