Heute würde man es so sagen: Richard Wagner hatte von seiner Heimatstadt Leipzig die Nase ziemlich voll. Damals drückte man sich ein bisschen gewählter aus. Und so schrieb der 56-jährige Komponist 1869, vierzehn Jahre vor seinem Tod und bereits als berühmter Mann, an seinen alten Freund und ehemaligen Weggefährten Heinrich Laube, den Direktor des gerade eröffneten Neuen Theaters am Augustusplatz: »Lieber Laube! Sie würden mich zu aufrichtigem Dank verbinden, wenn Sie Ihre Stellung zu dem Leipziger Stadttheater dafür verwenden wollten, dass meine Opern auf demselben ganz und gar nicht mehr gegeben würden.«

Immer wieder hatte Richard Wagner mit ansehen müssen, wie man seine Stücke in Leipzig entweder gar nicht aufführen wollte oder in recht provinzieller, den Ansprüchen des Meisters nicht genügender Manier auf die Bühne brachte. Im Jahr 1833 wurde ihm für seine erste Oper Die Feen zunächst eine Aufführung in Aussicht gestellt, dann aber jedoch mit dem Hinweis, die Oper sei nicht aufführbar, der Plan widerrufen. 13 Jahre später geschah mit dem Fliegenden Holländer das Gleiche, obwohl Wagner die Partitur extra noch einmal bearbeitet hatte.

Als man Mitte der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts endlich, und nur auf Drängen von Opernfreunden und Gewandhausmusikern, Tannhäuser und Lohengrin ins Repertoire des Leipziger Theaters aufnahm, blieben die Säle leer. Erst wenige Jahre vor Wagners Tod und nach zähen Verhandlungen kam der Ring in den Jahren 1878/79 nach Leipzig. Endlich eine Inszenierung, die Richard Wagner versöhnlich stimmte: »So möge ich denn nun glücklich wieder in meine Vaterstadt heimgekehrt sein, von welcher sonderbare musikalische Umstände mich so lange Jahre fern hielten.«

Im Jahr 2013 wäre Wagner 200 Jahre alt geworden. Überall in Leipzig beginnt sich mit Blick auf dieses Jubiläum reges bürgerschaftliches Engagement zu entfalten. Es soll den zu Lebzeiten geschmähten und nach 1989 in der »Musikstadt« beinahe gänzlich in Vergessenheit geratenen Komponisten – immerhin der einzige hier geborene mit Weltruhm – wieder ins Gedächtnis zurückbringen. Oder anders gesagt: Seit einiger Zeit wagnert es in Leipzig an allen Ecken.

So hat nach jahrelanger Abstinenz die Oper die berühmte Hamburger Lohengrin -Inszenierung von Peter Konwitschny nach Leipzig übernommen. An den nördlichen Promenaden-Anlagen des Innenstadtrings wurde jüngst der Grundstein für die Klinger-Treppe gelegt; das einst zu Ehren Wagners geplante Denkmal mit einem Sockel von Max Klinger hatte dieser zu Lebzeiten nicht fertigstellen können. In der vergangenen Woche trug sich die letzte noch lebende Wagner-Enkelin, Verena Lafferentz-Wagner, ins Goldene Buch der Stadt ein. Und auf Bestreben des Kulturamts wurde ein Kuratorium eingesetzt, um ein Konzept für das Wagner-Jahr zu erarbeiten.

Zur Eröffnung der Festtage gab es viel Klamauk

Gerade hat Leipzig »Wagner-Festtage« erlebt. Organisatorin war die erst vor wenigen Jahren gegründete Richard-Wagner-Gesellschaft Leipzig 2013 e. V. Zur offiziellen Eröffnung versammelten sich allerdings höchstens 40 Besucher am Fuße des Fockeberges, um in einer Prozession auf den »Grünen Hügel« Leipzigs zu ziehen. Auf die per Megafon gestellte Frage eines Moderators »Sag mir, wer du bist!« antwortete die kleine Menge trotzig: »Ich bin ein Wagnerist.«

Dort, wo die Leipziger nach dem Zweiten Weltkrieg die Trümmer ihrer zerbombten Stadt abgeladen hatten, stand ein Gerüst aus Stangen und Planen auf der Anhöhe. Aus Sicht der Veranstalter war es die Baustelle eines künftigen Festspielhauses, die es einzuweihen galt. Dazu wurde »braune Wagner-Brühe« gereicht. Der ursprüngliche Festredner namens »Armin Schlingenmief« hatte, wie dem Publikum mitgeteilt wurde, leider abgesagt. Auch wenn sich das alles selbst natürlich nicht ernst nahm – der Abend bot kaum mehr als Klamauk und hinterließ bei vielen Zuschauern Ratlosigkeit.

»Dresden hat die bedeutendere Wagner-Tradition«

Parallel dazu lud der ehrwürdige, über 100 Jahre alte Richard-Wagner-Verband zu einer Reihe von Veranstaltungen rund um den Geburtstag des Komponisten am 22. Mai 1813 ein – unter anderem wurde eine Ausstellung des Leipziger Comic-Zeichners Schwarwel eröffnet. Dessen ernsthafte Auseinandersetzung mit Wagner kann nicht in Abrede gestellt werden, trotz der ungewöhnlichen Form, mit der er sich dem Genie nähert. Dennoch, auf der Vernissage in einem Seitentrakt des Treppenhauses der Volkshochschule – mehr muss man eigentlich nicht sagen – sahen die gut 20 Anwesenden ziemlich verloren aus. Von einem Wagner-Aufbruch war auch dort nicht viel zu spüren.

Selbst vor 1989 war Wagner in Leipzig präsenter, weil, wie ein Enthusiast vermutet, »seine antisemitische Tendenz in der DDR nicht so gestört hat«. Trotz allem halten die Akteure an ihrem Vorhaben fest, sie glauben an einen Neubeginn. So will David Timm, Universitätsmusikdirektor und Vorsitzender der Richard-Wagner-Gesellschaft Leipzig 2013 e. V., dazu beitragen, dem lange umstrittenen Lieblingskomponisten Adolf Hitlers nicht »mit zu viel Respekt und blinder Verehrung« zu begegnen. Er fordert, wieder mehr Werke Wagners in der Oper zu zeigen. Auch sollten »die ursprüngliche Klanggestalt, die frische und spannende Dynamik und Dramatik« seiner Werke wieder im Mittelpunkt stehen. Und auch Thomas Krakow, der Vorsitzende des Richard-Wagner-Verbandes, hat sich viel vorgenommen: »Bis 2013 muss den Leipzigern bewusst werden, was sie an diesem Sohn der Stadt haben.« Bis dahin erwartet er, dass es an der Pleiße ein Wagner-Haus geben wird, denn »das Verhältnis des Komponisten zu seiner Vaterstadt Leipzig könnte ein Museum füllen«.

»Dresden hat die bedeutendere Wagner-Tradition«

Dennoch zwingt sich der Eindruck auf, dass man es in Leipzig mit einem höchst kleinteiligen Engagement und einer unübersichtlichen Gemengelage an Akteuren zu tun hat, die zum Teil, so klagen einige hinter vorgehaltener Hand, eher gegeneinander als miteinander arbeiten. Peter Konwitschny, der Chefregisseur der Leipziger Oper, ätzt deshalb bereits: »Die Wagner-Stadt Leipzig, die gibt es gar nicht, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel eine Tristan -Wiederaufnahme-Premiere von 211 Gästen besucht wird, abzüglich der Angereisten.«

Auch sieht Konwitschny einen Zickzackkurs bei der Stadt. »Ein von ihr berufenes Kuratorium soll nun darüber wachen, dass wir alle, die beruflich mit Wagner zu tun haben, uns auch das Rechte zum Jubiläum einfallen lassen. Dabei werden wir 2013 nahezu alle Wagner-Opern im Spielplan haben«, sagt er. »Die Mittel, um zusätzlich die besten jetzt entstehenden Ring -Inszenierungen einzuladen und so Leipzig zum Ort konzentrierter zeitgemäßer Interpretation und Diskussion zu machen, sind von der Stadt gestrichen worden. Das bedauere ich zutiefst.«

Derweil rät Sven Friedrich, Direktor des Bayreuther Richard-Wagner-Museums, zu leiseren Tönen: »Dresden hat die bedeutendere Wagner-Tradition, schon weil Richard Wagner selbst eine tiefere Beziehung zu Dresden als zu Leipzig hatte.« In der Elbstadt hatte Wagner sieben Jahre lang als Königlich-Sächsischer Kapellmeister an der Dresdner Hofoper gewirkt; Der fliegende Holländer und Lohengrin wurden dort unter anderem uraufgeführt.

Bis zur Wagner-Stadt Leipzig ist es offenbar noch ein langer Weg. Zumal die Weichen, die nach 1989 gestellt worden sind, in eine andere Richtung führen. Leipzig ist Bach-Stadt, Robert Schumann und Felix Mendelssohn-Bartholdy haben hier gewirkt und sich nachhaltiger im Gedächtnis der Stadt verankern können.

Solch ein Gedächtnis, man sieht es an dem weit über die Grenzen der Stadt bekannten Bach-Fest, hat häufig in erster Linie mit Stadtmarketing und einer institutionellen, finanziellen Förderung zu tun. Davon sind die Wagner-Vereine in Leipzig weit entfernt. Und so bleibt fraglich, ob das Engagement der Bürger trotz seiner guten Absichten auch über das Jahr 2013 hinaus je aus den Anfängen herauskommt.