Mit viel rosa Luftballons und bei den Damen beliebt: Jón Gnarr ist Komiker und könnte bald Bürgermeister von Reykjavík sein © Alva Gehrmann

Jón Gnarr kennt in Island jeder, er ist der beliebteste Komiker der krisengeschüttelten Vulkaninsel. Nun will er Bürgermeister von Reykjavík werden und schlendert zu diesem Zweck über den Laugavegur, die Flaniermeile der Hauptstädter. Hier reihen sich in wellblechverkleideten Holzhäusern niedliche Cafés, Clubs und Designerläden aneinander.

Viele Passanten halten an, als sie den 43-Jährigen mit seinen rosafarbenen Luftballons sehen. Nur zu gern nennt Jón Gnarr die Punkte seiner Partei Besti Flokkurinn. So verspricht er, als Bürgermeister sich und seine Freunde zu bereichern, kostenlose Handtücher im Schwimmbad einzuführen, das Parlament bis 2020 von Drogen zu befreien, und, ach ja, Reykjavík zu entschulden. Wie? Das werde man dann sehen!

Besti Flokkurinn, »Die beste Partei«, ist inklusive ihres Spitzenmannes eine typisch isländische Unternehmung: Jeder packt mit an, alles wird spontan geregelt. Die Kandidatenliste haben sie vor drei Wochen präsentiert, das Büro, das der Freund eines Freundes zur Verfügung stellt, haben sie vor zwei Wochen eröffnet, und das Programm steht seit Freitag. Gewählt wird diesen Samstag.

Spaßparteien mehren sich. Christoph Schlingensief trat 1998 mit »Chance 2000« und dem Slogan »Scheitern als Chance!« zur Wahl des Deutschen Bundestages an. »Die Partei« des ehemaligen Titanic- Chefredakteurs Martin Sonneborn kandidierte für den Landtag in Nordrhein-Westfalen. Beide bekamen kaum Stimmen. Hape Kerkeling lockte über 1,3 Millionen Zuschauer in den Film Isch kandidiere!, seine Horst-Schlämmer-Partei (HSP) beschränkte sich allerdings aufs Kino.

Schon Anfang der Achtziger wurde in Großbritannien die »Offizielle Partei der rasenden verrückten Monster« gegründet, von einem Monty-Python-Sketch inspiriert. In Kanada gab es bis Anfang der Neunziger die »Rhinozerospartei«. Die »Polnische Partei der Bier-Freunde« holte 1991 bei den Wahlen zum Sejm drei Prozent.

Noch kein Satiriker ist bisher so weit gekommen wie Jón Gnarr in Reykjavík. Der letzten Umfrage zufolge wollen 43,9 Prozent der Bürger seine Partei wählen, die konservative Unabhängigkeitspartei und die Sozialdemokraten bekommen beide nur noch 21,1 Prozent der Stimmen, die Links-Grünen nicht mehr als 9,8 Prozent. Besti Flokkurinn brauchte noch nicht mal eine Koalition.

Gut anderthalb Jahre ist es nun her, dass der Inselstaat mit seinen 320.000 Einwohnern in die Finanzkrise stürzte. Viele Isländer sind verschuldet, die Arbeitslosigkeit stieg von zwei auf fast acht Prozent. Der Eyjafjöll-Vulkan schuf 70 neue Jobs, weil um ihn herum einiges aufgeräumt und repariert werden muss, doch selbst auf ihn ist kein Verlass: Seit Sonntag verschnauft er sich.

Die Idee mit der Partei war Jón Gnarr im Herbst 2009 gekommen. Er wollte zeigen, wie absurd Islands Politik im Großen wie im Kleinen ist. Reykjavík hatte in vier Jahren vier Bürgermeister. Immer waren innerparteiliche Streitereien der Grund für den Wechsel. Derzeit regiert Hanna Birna Kristjánsdóttir von der Unabhängigkeitspartei, die ihren Gegenkandidaten wegzulächeln versucht.