Rathaus und Perlachturm in Augsburg © BAYERN TOURISMUS Marketing GmbH

Nach Italien! Ein neunjähriger Schüler aus Augsburg folgte in diesem frostigen Frühjahr dem notorischen Drang der Bayern in den Süden. Im wattierten Anorak, mit blauem Ranzen und einer aus dem Atlas kopierten Karte riss er aus, um in Italien Gold zu schürfen, wie er den polizeilichen Suchtrupps erklärte. Er kam nur zwanzig Kilometer weit bis Großaitingen, und was das Gold des Südens anging, so war er ein wenig spät dran. Das hatten längst andere vor ihm über die Alpen nach Bayerisch-Schwaben geschafft: die Römer, die Fugger, die Künstler des Barock, die Touristen der fünfziger Jahre mit ihren glitzernden Gondelchen und Espressotässchen als Souvenirs.

In Augsburg und der Allgäuer Grenzstadt Füssen kann man sie heuer geballt erleben: jene italianità, zu der das Bayernland seit zweitausend Jahren sein ganz spezielles Verhältnis pflegt. Nirgendwo gibt es mehr selbst ernannte »nördlichste Städte Italiens« als auf bajuwarischem Terrain, nirgendwo rücken bei Föhnwind die Alpen und das jenseitige bel paese so greifbar nahe wie im Freistaat. Und nirgendwo wird eine solche Piazza-Anmutung kultiviert wie in weiß-blauen Fußgängerzonen. Wie sich die bayerisch-italienische Liebesgeschichte entwickelt hat, zeigt die eben eröffnete Landesausstellung des Hauses für Bayerische Geschichte an mehreren Spielorten in Augsburg und Füssen.

Die aparten Schauplätze allein sind jede Anreise nach Bayerisch-Schwaben wert. Das brandneue Staatliche Textilmuseum in einer historischen Kammgarnspinnerei des Augsburger Industrieviertels zeigt in seinen weiten Fabrikhallen Sehnsucht, Strand und Dolce Vita – die jüngere Geschichte und Gegenwart der bayerisch-italienischen Verbindungen: von den Ziegelarbeitern des 19. Jahrhunderts, die als frühe Migranten nach Bayern strömten, bis zum Capri-Sonne-Traum der ersten Nachkriegsreisen, Isetta und Vespa inbegriffen. Fußball-Legionäre, Modemacher, die nach Rom pilgernden nazarenischen Maler der Romantik, Südfrüchtehändler und Eiskonditoren treten ebenso auf wie weniger Erfreuliches: die faschistische Allianz Mussolini/Hitler und die Soldaten an der mörderischen Dolomitenfront des Ersten Weltkriegs.

Das Maximilianmuseum mit seinem glasüberdachten Skulpturenhof, ein exemplarischer Renaissancebau in Augsburgs historischer Mitte, hat sich im Ausstellungsteil Künstlich auf Welsch und Deutsch der reichsstädtischen Kunst des 15. bis 17. Jahrhunderts verschrieben: Augsburger Ruhmes- und Prosperitätszeiten, in denen die damalige »Moderne« der Renaissance das spätgotisch-altdeutsche Gemeinwesen überflutete. Werke von Holbein, Cranach, Dürer, von Hans Burgkmair, Elias Holl und Tizian verdeutlichen den »welschen« Einfluss auf Malerei, Plastik und Baukunst. Der Zeitgeist wehte von Süden, und in der innovativen Wirtschaftsmetropole Augsburg scheute man ihn nicht. Nüchterne Kaufmannsgeschlechter, »Pfeffersäcke« waren die ersten Importeure der avancierten Formensprache: so die Fugger mit dem Renaissance-Damenhof in ihrem Stadtpalais (mit seinen Rundarkaden und Rotmarmor-Pilastern heute noch eine Enklave des Mediterranen in der Altstadt).

Damals blühte der Italienhandel, die Handelshäuser besaßen Kontore im venezianischen Fondaco dei Tedeschi, die Fugger finanzierten die Päpste in Rom und spendierten ihnen die vatikanische Schweizergarde. Aus Augsburg transportierten Säumer Waffen, Felle, Brillen, Wolle und technische Gerätschaften über die Alpen, von Süden kamen die edlen Seidenstoffe und Gläser, aber auch, laut einer Chronik von 1572, »Gewürznelken, Granatäpfel, Seifen, Malvasierweine, Schreibpapier, Feigen, Mandeln, Safran«. Die Beziehungen brachten den freidenkerischen Humanismus ins Schwabenland, das frühe Dolce Vita der Musik-, Tanz- und Theatergruppen; die Maximilianstraße wurde zu einer Prachtmagistrale.

Wo hat sich das heutige Augsburg, bekannt eher als industriegeprägte, etwas spröde no nonsense- Stadt, südländischen Charme, italienische Grandezza bewahrt? Etwas erschlagen steht man vor Elias Holls Hauptwerk, dem titanisch überhöhten, kantig-ausladenden Rathaus, bis auf die Zwiebeltürme ein riesiger Giebelbau reinster italienischer Renaissance-Tradition, ohne Palladios und Sansovinos Vorbilder nicht denkbar. An »Klotzen statt kleckern« muss man denken, vor allem im prunkstrotzenden Goldenen Saal nach dem Vorbild des Dogenpalasts: eine (wie es damals hieß) »maiestöttische« Ruhmeshalle der bürgerlichen Elite, die den Fürstenhäusern Paroli bieten wollte. Den frei stehenden Perlachturm daneben nennen die Augsburger »unseren Campanile«.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war der Hollsche Baustil ebenso eine Novität wie die gewaltige Anlage des Augustusbrunnens vor dem Rathaus; der Schöpfer Hubertus Gerhard hatte beim großen italienischen Skulpteur Giambologna gelernt. Der erhobene Bronzefinger des römischen Imperators und Stadtgründers Augustus weist logischerweise nach Süden. Auf den Stufen vor den antikisierenden Flussgöttern schlecken heute Schüler an Eiswaffeln, die vielleicht aus dem beliebten Cortina um die Ecke stammen, Augsburgs ältester und angeblich bester Gelateria, seit 1951 in der Stadt. Der fast siebzigjährige Besitzer Ennio Bez aus Longarone in der Provinz Belluno verwendet für seine Eiskreationen nur Naturprodukte wie selbst geschlagenen Rahm – der »Bollen«, wie der Schwabe sagt, kostet seit Jahren fünfzig Cent.