Bayern Bella BavariaSeite 3/3

Sommer am Hopfensee bei Füssen

Sommer am Hopfensee bei Füssen

In den hinreißenden Barockkirchen am Weg nach Füssen, in Vilgertshofen oder Schongau, in Bernbeuren oder Seeg, packt einen geradezu Sammelwut nach »welschen Kindlein«. So nannte man die Putten, als sie in Bayern noch neu waren – auch die feisten Englein mit ihren mannigfachen Verrenkungen, Spielereien, Aufputzen kamen als italienischer Import nach Bayern und flattern seither scharenweise durch den Stuck bayerischer Kirchen wie Wespenschwärme um einen Zwetschgendatschi. Im Georgskirchlein auf dem Auerberg bei Bernbeuren sind sie sparsamer vertreten, wahrscheinlich ist es ihnen dort oben, auf 1055 Höhenmetern, zu kalt. Die Römer aber besiedelten strategisch auch den Auerberg, kein Wunder bei den allumfassenden Spähmöglichkeiten von dieser Anhöhe. Von den Bregenzer Alpen bis zu den Chiemgauer Bergen schweift bei klarer Sicht der Blick, zu Füßen wellt und fältelt sich das Allgäuer Kuhwiesengrün, kleine Seen spiegeln aus dem Fleckerlteppich silbern herauf.

In Füssen lernt man anderntags, dass nicht einmal die vermeintlich so urbayerische Viehwirtschaft eine einheimische Errungenschaft ist. In der großen Schau des Klosters St. Mang, die anhand faszinierender Einzelbiografien von Legionären und Dynasten, von Bettelmönchen und Kastraten, von Delinquenten, Frauenhelden und gebildeten Humanisten einen großen Bogen durch die Beziehungsgeschichte von Jahrhunderten zieht, sind in einer Vitrine auch römische Kuhglocken ausgestellt. Die Römer waren es, die das Vieh zu einer wirtschaftlichen Größe, der heute üblichen Risthöhe, züchteten. Später ging dieses Wissen verloren, die Allgäuer Kühe schrumpften wieder auf Kälberformat, und erst im 19. Jahrhundert besann man sich zurück auf antike Zuchtprinzipien.

Anzeige

Das sehr ansehnliche, bunt verwinkelte und lebendige Füssen, an der Kante der Alpen gelegen, war für Italien-Transfers durch die Jahrhunderte eine wichtige Zwischenstation. Ausgesprochen italienisch geprägt ist das Kloster St. Mang mit seinen venezianisch halbrunden Fenstern am Kirchenbau, den Barockinterieurs von Carlo Andrea Maini oder Francesco Bernardini. Die Via Claudia verlief genau auf der heutigen altstädtischen Reichenstraße, die vom Hochschloss überragt wird wie ein apenninisches centro storico vom castello. Vom temperamentvollen abendlichen Corso-Betrieb italienischer Städte könnten erdschwerere schwäbische Gemeinwesen vielleicht noch ein bisschen lernen – hierzulande erstirbt die italianità immer noch gern mit dem Ladenschluss. Vorm Café Dolce Vita allerdings palavern zwei exzellent frisierte ältere Herren, Typ Trappatoni, an ihrem Stehtischchen, dunkelblaue Pullover um die Schultern geknotet, den gefalteten Corriere unterm Arm, als wären sie Venezianer auf den Zattere. Um ihr fixes Geplänkel zu verstehen, müsste man wohl den Fortgeschrittenen-Kurs Dai! Parliamo Italiano der Volkshochschule Füssen belegen. Für Pasta, Vino, Macchiato besteht jedenfalls Auswahl: Dolomiti, Dolce Vita, San Marco, Enoteca Giovino, La Perla, Aquila, Tutto al Forno, Osteria, Pizza Pasta Americana, Beim Olivenbauer, Pizzeria Roma Città, Michelangelo, Bella Italia, Bella Vista, Da Luigi, Zanghellini, Riviera heißen die italienischen Etablissements des 14000-Einwohner-Städtchens. Wen es nun dringlich in die original bellezza zieht, der hat es von Füssen nicht weit: 131 Kilometer, gute eineinhalb Autostunden, sind es bis an die grün-weiß-rote Grenze am Reschenpass/Passo di Resia.

 
Leser-Kommentare
  1. Zunächst muss man festhalten dass es sich hierbei um keine "Italo-Romantik", wie bei den Preußen die seit Goethes Reisen so wohlwollend nach Italien blicken. Das genannte Augsburg war eben eine römische Stadtgründung und auch nach dem Kollaps des römischen Reiches sind die alten Handelsbeziehungen natürlich bestehen geblieben, viele Römer blieben auch hier und mischten sich mit Bajuwaren und Alemannen. Die Via Claudia war auch im Mittelalter eine wichtige Fernstraße. Insofern wurde man natürlich auch inspiriert von italienischer Renaissance. Umgekehrt ging das aber auch, so haben die Fugger maßgeblich das geprägt was wir heute als "Finanzwirtschaft" und Kapitalismus bezeichnen (bereits vor 500 Jahren eröffnete in Augsburg eine Börse). Und die Zwiebeltürme auf besagtem Rathaus sind ebenfalls eine augsburger Schöpfung.

    Das Handwerkerviertel ist übrigens _nicht_ die Altstadt, das denken die meisten Auswärtigen und sogar einige Augsburger wahrscheinlich weil es dem Klischee einer Altstadt entspricht (enge Gassen usw.). Ist aber eine recht junge Stadterweiterung. Die Altstadt ist die Achse zwischen Basilika und Dom auf der Hochterasse, seit über 2.000 Jahren besiedeltes Stadtgebiet. Das Zentrum war ebenfalls nicht am Dom, ganz im Gegenteil. Zwischen Bischof - der auch weltlicher Fürst des Umlandes war - und den Stadtbürgern gab es viel Knatsch, so dass die Bischofsstadt mit einer eigenen Stadtmauer innerhalb der Stadt abgetrennt war. Bewegte Zeiten waren das.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service