Brücken schlagen – Tim Ebert unterstützt Olga Larin bei ihren Zukunftsplänen © Ruediger Schall für DIE ZEIT

Olga Larin tippt im Foyer der Zeppelin University (ZU) auf einem kleinen Laptop: »Hello, I am Olga, I am seventeen years old and from Russia. Today I want to tell you something about my family.« Tim Ebert schaut ihr, das Kinn auf die Hände gestützt, zu und hakt ein: »Im Englischen sagt man auch ›I’d like to‹, das ist höflicher als ›I want to‹.«

Olga ist Hauptschülerin der neunten Klasse in Friedrichshafen; Tim studiert Corporate Management & Economics im dritten Semester an der ZU. Im Normalfall würde der eine von der anderen nichts wissen. Er, der aussichtsreiche Nachwuchsakademiker von der exklusiven Bodensee-Uni, und sie, das Mädchen mit dem holprigen Deutsch, das demnächst seinen Abschluss an einer Schulart machen wird, die als Synonym für Chancenlosigkeit gilt – auch wenn sie in der gleichen Stadt wohnen, liegen doch Welten zwischen den beiden.

Die Initiative »Rock your Life« (RYL) hat sie zusammengebracht. Olga und Tim sind ein Coaching-Paar, eines von bislang 85 in Friedrichshafen: Studenten der ZU helfen Hauptschülern zwei Jahre lang bei der Vorbereitung auf deren Schulabschluss und erleichtern ihnen den Einstieg in Ausbildung und Beruf. An diesem sonnigen Frühlingstag bereitet das Tandem gemeinsam Olgas mündliche Englischprüfung vor. »Ich will von meiner Familie erzählen, meiner russischen Herkunft und warum wir vor fünf Jahren aus dem Ural nach Deutschland gekommen sind. Jetzt überlegen wir uns, was ich genau sagen könnte«, erklärt Olga.

Alle zwei, drei Wochen treffen sie sich, fast täglich telefonieren sie miteinander. Coach Tim will seinem Schützling in erster Linie »Mut machen«, »einfach da sein«, wie der 22-Jährige sagt. An zweiter Stelle steht die praktische Hilfe: Damit Olga einen guten Hauptschulabschluss schafft, paukt er mit ihr Mathe und Englisch; gleichzeitig hilft er ihr bei der Berufsorientierung und der Suche nach Praktikumsplätzen.

Dass ihr ein Student zur Seite steht, findet die Siebzehnjährige klasse. »Ich will meine Noten verbessern, da ist einer von der Uni genau der Richtige«, sagt sie. Ihr ist klar, dass sie es mit einem Hauptschulabschluss auf dem Arbeitsmarkt nicht leicht haben wird. Umso wichtiger sei es, gute Praktikumsbewerbungen loszuschicken. Ihre Eltern könnten ihr dabei aufgrund unzureichender Deutschkenntnisse kaum helfen, »aber Tim weiß, wie das aussehen muss, er hat Erfahrung«.

Den Impuls für das ehrgeizige Sozialprojekt hat vor gut eineinhalb Jahren der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück bei einem Besuch an der Friedrichshafener Privat-Uni gegeben. Bei einer Diskussion mit den Studenten zeigte er sich überzeugt, dass die Perspektivlosigkeit in sozial benachteiligten Schichten vererbbar sei. Die These stachelte den Ehrgeiz der Studierenden an, einige taten sich zusammen, um das Gegenteil zu beweisen – damit war »Rock your Life« geboren.

Der Name steht für die Überzeugung, dass es sich lohnt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen – es zu »rocken«, wie Christina Veldhoen sagt. Die 27-jährige ZU-Absolventin ist Mitgründerin und eine der beiden Geschäftsführerinnen der gemeinnützigen GmbH, zu der sich die studentische Initiative mittlerweile gemausert hat. Zusammen mit ihrer Kommilitonin Elisabeth Hahnke hatte Veldhoen während ihres Masterstudiums eine Berufsberatung für Hauptschüler gegründet und zum Thema soziales Unternehmertum geforscht, daran knüpfte die elfköpfige »Steinbrück-Gruppe« an.