DIE ZEIT: Herr Schloter, sind Sie manchmal traurig?

Carsten Schloter: Warum sollte ich traurig sein?

ZEIT: Weil Sie sich als dynamischer Manager verstehen, aber gar kein richtiger sein dürfen.

Schloter: Das stimmt ja überhaupt nicht. Ich arbeite in einer der dynamischsten Branchen, die es gibt.

ZEIT: Nun, Sie führen ein Unternehmen, das zur Mehrheit dem Staat gehört und für Sie doch wie ein Gefängnis sein muss. Ihre Wärter haben so lustige Namen wie Wettbewerbskommission, Preisüberwacher und Bundesamt für Kommunikation.

Schloter: Man hat in jedem System verschiedene stakeholder. Das können Umweltschützer, Konsumentenschützer, Gewerkschaften oder eben Regulatoren sein. Natürlich wäre es viel bequemer, niemanden zu haben, der widerspricht – und nur "rein" unternehmerisch tätig sein zu dürfen. Aber das Prinzip des nackten Liberalismus hat sich überholt. Der Beweis ist erbracht, dass jedes System ein Gleichgewicht braucht, verschiedene Kräfte, die unterschiedliche Interessen vertreten. Man kann natürlich immer noch den Neoliberalen spielen und sagen, der Markt regle alles selbst, aber das stimmt einfach nicht.

ZEIT: Ihr Vorgänger, Jens Alder, hat den Job hingeschmissen, weil ihm der Einfluss des Regulators zu stark wurde. Man kann also offenbar auch verzweifeln in Ihrem Job.

Schloter: Auch ich habe Tage der Verzweiflung, aber diejenigen ohne Verzweiflung sind immer noch viel zahlreicher. Und es ist alles eine Frage der inneren Einstellung. Nein, im Ernst: Mein Vorgänger hat sich für eine Expansionsstrategie der Swisscom im Ausland eingesetzt. Aber durch einen Entscheid des Hauptaktionärs, also des Bundes, konnte er diese Strategie in der Öffentlichkeit nicht mehr vertreten. Er hatte ein Glaubwürdigkeitsproblem. Und das höchste Gut eines Managers ist seine Glaubwürdigkeit, und die hängt leider nicht immer von ihm selbst ab. Also musste er sich eine neue Herausforderung suchen.

ZEIT: Ihre Swisscom ist auch eine komische Firma, weil sie keine richtige Konkurrenz hat. Das macht Sie offenbar so verzweifelt, dass Sie sich öffentlich für die Fusion von Orange und Sunrise ausgesprochen haben.

Schloter: Das ist aber jetzt sehr provokativ. Zu den Tatsachen: Im Breitbandgeschäft sind unsere Marktanteile vergleichbar mit einer deutschen oder einer französischen Telekom im Heimmarkt. Im Mobilfunkbereich haben wir jedoch höhere Marktanteile. Aber das ist bezeichnend. In dem Markt, der stark reguliert ist, haben wir einen deutlich kleineren Marktanteil als in dem Markt, in dem jeder Teilnehmer mit eigener Infrastruktur und also weniger Regulierung agiert. Das heißt, unsere Wettbewerber erreichen schlechtere Ergebnisse, wenn sie nicht auf unsere Infrastruktur zurückgreifen müssen. In dem Markt, in dem der Wettbewerb spielt, performt also Swisscom besser als die anderen.

ZEIT: Und trotzdem wünschen Sie sich mehr Wettbewerb.

Schloter: Ja, weil der Mobilfunkmarkt bald gesättigt ist, es gibt nur noch Zuwächse in der Datenkommunikation. Und unsere Mitbewerber haben eine kritische Größe, sie sind nicht sehr rentabel. Jeder unserer Mitbewerber generiert bloß einen Cashflow von 150 bis 200 Millionen Franken pro Jahr, und das bei zwei Milliarden Umsatz. Es muss also nicht viel passieren – und die haben plötzlich keinen Cashflow mehr. Wenn sie sich aber zusammenschließen, können sie Synergien nutzen, sodass sie kombiniert bald etwa 700 Millionen Cashflow hätten. Betriebswirtschaftlich macht diese Fusion also Sinn, und so entstünde tatsächlich mehr Wettbewerb.

ZEIT: Und das wünschen Sie sich.

Schloter: Ja, wir wünschen uns diese Fusion, weil so das exogene Risiko der Regulierung gesenkt würde. Regulierung spielt sich im Parlament ab, und da weiß man nie, was am Ende rauskommt. Wir behaupten uns lieber im Wettbewerb als beim Lobbying im Parlament. Denn mehr Wettbewerb würde unser Unternehmen stärken. Ein Problem der letzten 18 Monate war für uns das Schwächeln der Kabelnetzbetreiber, sie hatten und haben hausgemachte Probleme. Sie verloren ihre Glaubwürdigkeit als potenter Mitbewerber der Swisscom. Und das erhöhte das Risiko von zusätzlicher Regulierung.