Rudi Völler, Andreas Brehme, Thomas Berthold und Jürgen Klinsmann (v.l.n.r.) feiern den WM-Sieg von 1990 © David Cannon/Getty Images

Auch ein Mensch, der 80 Millionen Deutsche zu Weltmeistern gemacht hat, kann manchmal einsam sein. Es ist ein Samstag im Mai, der Tag des Pokalfinales in Berlin, und Andreas Brehme steht auf einem Fußballacker tief in Schleswig-Holstein und reibt sich seine kreideweißen Beine. Es ist kalt, es regnet, der Wind zerrt an den Bannern eines Autohauses und reißt an Brehmes Resthaar. Kaum hörbar raunt er: "Scheiße, du…"

Ist dies der Ort für einen Weltmeister?

Noch immer denkt jeder, der den Namen Brehme hört, zuerst an diesen Titel. An diesen einen Augenblick im Sommer 1990, in diesem glücklichen deutschen Jahr. Daran, wie ein junger Mann mit Schlagersängerfrisur im WM-Finale gegen Argentinien zum Elfmeter antrat und den Ball hart und flach ins linke Eck schoss. Deutschland war Weltmeister. Zum letzten Mal, bis heute.

Zwanzig Jahre liegt der Schuss zurück. Seinetwegen steht Brehme nun auf diesem Dorfplatz bei Neumünster. Sein Ruhm soll heute auf einen neuen Kleinlaster abstrahlen, den ein Autokonzern hier präsentiert. 2500 Menschen sind gekommen, um Brehme mit einer Auswahl von Altnationalspielern gegen eine Dachdeckertruppe kicken zu sehen. Aber Jürgen Kohler hat verletzt abgesagt. Rudi Völler hat zu tun. Jürgen Klinsmann macht sowieso nie mit. Und Franz Beckenbauer ist mit dem FC Bayern beim Pokalfinale in Berlin.

Also kreuzt Brehme an diesem Nachmittag mit Hansi Müller, Dieter Eilts und Mario Basler übers Kleinfeld. Zwei Stunden lang hat er in einem Bierzelt auf den Anpfiff gewartet, hin und wieder ein Autogramm geschrieben und in Kameras gelächelt – seit zwanzig Jahren öffentliches Gut, von allen geduzt, der Andy. Basler saß da und rauchte, Müller schimpfte über den "weichen Platz", Brehme hielt sich mit Espresso wach. Einmal fragte eine Hostess ihre Kollegin: "Weißt du, wer der Alte ist?" – "Kann ich dir auch nicht sagen."

Jetzt, auf dem Rasen, tritt ihm dauernd so ein junger Türke in die Knochen. Gejohle an der Bande. Zwanzig Prominentenspiele macht Brehme jedes Jahr, viel kann er dabei nicht gewinnen. Er tritt an gegen so viele Erinnerungen und Erwartungen, gegen sein altes Ich. Brehme wird in diesem Jahr fünfzig. Seine weiten Pässe erinnern noch an 1990, hoch und weit in den Strafraum, genau auf die Fußspitzen der Stürmer. Aber die Jahre haben Brehmes Bauch gerundet und seine Schritte kurz gemacht. Immer wenn der Türke angelaufen kommt, trippelt ihm Brehme in seinem schwarzen Dress entgegen wie ein Pinguin.

Auch deshalb sind die Zuschauer gekommen. Sie wollen sichergehen, dass ihre Idole altern wie sie selbst. An der Seitenlinie, auf einem kleinen Podest, steht der Reporter Ulrich Potofski und ruft Wörter wie "Legenden", "Länderspiele", "unsterblich" in den Regen.

In den neunziger Jahren, als Andreas Brehme ein berühmter Fußballspieler war, war Potofski ein bekannter Fußballmoderator. Heute kommentiert er Big Brother auf RTL2. Andreas Brehme hatte seinen letzten Posten als Assistenztrainer in Stuttgart. Vier Jahre ist das her.

Eine Viertelstunde vor Schluss lässt Brehme sich auswechseln. Das Publikum applaudiert, er winkt kurz zurück und verschwindet im Bierzelt. Demnächst steht ein Spiel gegen italienische Spitzenköche an. Im Süden, in der Sonne. Dort soll es einen anderen Andreas Brehme geben – einen, der Tage auf Golfplätzen verbringt, in Stadionlogen sitzt, auf Benefizgalas tanzt. Der ausgesorgt hat. Vielleicht hat Andreas Brehme sein Lächeln für diese Orte aufgehoben.

Was wird noch aus dem, der schon Weltmeister ist? Was macht ein Mensch aus diesem Titel? Und was macht dieser Titel aus einem Menschen?

Jede Weltmeisterschaft ist eine Schicksalslotterie, alle vier Jahre werden Ruhm und Reichtum vergeben, in diesem Sommer in Südafrika. Doch was bleibt vom großen Los? Da sind ein paar Bilder, die wir gut zu kennen glauben: Brehmes Schuss, Matthäus’ Trotzgesicht, Beckenbauers stiller Spaziergang auf dem Rasen von Rom, Helmut Kohl auf der Tribüne. Wir erinnern uns an Schnauzbärte und Nackenspoiler. Daran, dass Nationalspieler vor zwanzig Jahren mit Udo Jürgens noch Schallplatten besangen und dass der Fernsehkommentator Rubenbauer hieß und Gegenspieler "giftig" nannte. 26 Millionen Deutsche schauten sich 1990 das Finale an, Fernsehrekord für 16 Jahre. Aber streicht man die wenigen Standbilder und Spielszenen im Kopf, dann ist das Bild von dieser Mannschaft: seltsam leer. Wer kann schon die komplette Elf aufsagen, die damals im Finale stand?

Zur Pokalübergabe schritten sie wie Handwerker beim Richtfest

Illgner, Augenthaler, Buchwald, Kohler, Berthold, Häßler, Matthäus, Littbarski, Brehme, Völler, Klinsmann – man erschließt sich dieses Team nicht aus der Erinnerung, sondern aus Jahrbüchern und Lexika. Erst jetzt, im Rückblick, lässt sich allein aus den Vornamen eine Zeitenwende lesen. Auf dem Platz standen die Kinder der sechziger Jahre, Spieler mit harmlosen Nachkriegsnamen: Klaus, Jürgen, Andreas, Thomas und Lothar. Dazu erste Extravaganz: Bodo und Pierre. Ihre Gesichter noch jung, ihre Gagen schon in Millionenhöhe. Der Fußball stand damals an der Schwelle zur totalen Kommerzialisierung. Klaus Augenthaler sollte noch sein ganzes Sportlerleben beim FC Bayern verbringen, Thomas Häßler wechselte schon siebenmal den Verein. Die deutsche Elf kam noch ohne Psychologen und Rhetoriktrainer aus; weitgehend autodidaktisch betrieben Brehme, Matthäus, Klinsmann, Völler und Berthold bei italienischen Clubs ihre Weltkarrieren.