Auch ein Mensch, der 80 Millionen Deutsche zu Weltmeistern gemacht hat, kann manchmal einsam sein. Es ist ein Samstag im Mai, der Tag des Pokalfinales in Berlin, und Andreas Brehme steht auf einem Fußballacker tief in Schleswig-Holstein und reibt sich seine kreideweißen Beine. Es ist kalt, es regnet, der Wind zerrt an den Bannern eines Autohauses und reißt an Brehmes Resthaar. Kaum hörbar raunt er: "Scheiße, du…"

Ist dies der Ort für einen Weltmeister?

Noch immer denkt jeder, der den Namen Brehme hört, zuerst an diesen Titel. An diesen einen Augenblick im Sommer 1990, in diesem glücklichen deutschen Jahr. Daran, wie ein junger Mann mit Schlagersängerfrisur im WM-Finale gegen Argentinien zum Elfmeter antrat und den Ball hart und flach ins linke Eck schoss. Deutschland war Weltmeister. Zum letzten Mal, bis heute.

Zwanzig Jahre liegt der Schuss zurück. Seinetwegen steht Brehme nun auf diesem Dorfplatz bei Neumünster. Sein Ruhm soll heute auf einen neuen Kleinlaster abstrahlen, den ein Autokonzern hier präsentiert. 2500 Menschen sind gekommen, um Brehme mit einer Auswahl von Altnationalspielern gegen eine Dachdeckertruppe kicken zu sehen. Aber Jürgen Kohler hat verletzt abgesagt. Rudi Völler hat zu tun. Jürgen Klinsmann macht sowieso nie mit. Und Franz Beckenbauer ist mit dem FC Bayern beim Pokalfinale in Berlin.

Also kreuzt Brehme an diesem Nachmittag mit Hansi Müller, Dieter Eilts und Mario Basler übers Kleinfeld. Zwei Stunden lang hat er in einem Bierzelt auf den Anpfiff gewartet, hin und wieder ein Autogramm geschrieben und in Kameras gelächelt – seit zwanzig Jahren öffentliches Gut, von allen geduzt, der Andy. Basler saß da und rauchte, Müller schimpfte über den "weichen Platz", Brehme hielt sich mit Espresso wach. Einmal fragte eine Hostess ihre Kollegin: "Weißt du, wer der Alte ist?" – "Kann ich dir auch nicht sagen."

Jetzt, auf dem Rasen, tritt ihm dauernd so ein junger Türke in die Knochen. Gejohle an der Bande. Zwanzig Prominentenspiele macht Brehme jedes Jahr, viel kann er dabei nicht gewinnen. Er tritt an gegen so viele Erinnerungen und Erwartungen, gegen sein altes Ich. Brehme wird in diesem Jahr fünfzig. Seine weiten Pässe erinnern noch an 1990, hoch und weit in den Strafraum, genau auf die Fußspitzen der Stürmer. Aber die Jahre haben Brehmes Bauch gerundet und seine Schritte kurz gemacht. Immer wenn der Türke angelaufen kommt, trippelt ihm Brehme in seinem schwarzen Dress entgegen wie ein Pinguin.

Auch deshalb sind die Zuschauer gekommen. Sie wollen sichergehen, dass ihre Idole altern wie sie selbst. An der Seitenlinie, auf einem kleinen Podest, steht der Reporter Ulrich Potofski und ruft Wörter wie "Legenden", "Länderspiele", "unsterblich" in den Regen.

In den neunziger Jahren, als Andreas Brehme ein berühmter Fußballspieler war, war Potofski ein bekannter Fußballmoderator. Heute kommentiert er Big Brother auf RTL2. Andreas Brehme hatte seinen letzten Posten als Assistenztrainer in Stuttgart. Vier Jahre ist das her.

Eine Viertelstunde vor Schluss lässt Brehme sich auswechseln. Das Publikum applaudiert, er winkt kurz zurück und verschwindet im Bierzelt. Demnächst steht ein Spiel gegen italienische Spitzenköche an. Im Süden, in der Sonne. Dort soll es einen anderen Andreas Brehme geben – einen, der Tage auf Golfplätzen verbringt, in Stadionlogen sitzt, auf Benefizgalas tanzt. Der ausgesorgt hat. Vielleicht hat Andreas Brehme sein Lächeln für diese Orte aufgehoben.

Was wird noch aus dem, der schon Weltmeister ist? Was macht ein Mensch aus diesem Titel? Und was macht dieser Titel aus einem Menschen?

Jede Weltmeisterschaft ist eine Schicksalslotterie, alle vier Jahre werden Ruhm und Reichtum vergeben, in diesem Sommer in Südafrika. Doch was bleibt vom großen Los? Da sind ein paar Bilder, die wir gut zu kennen glauben: Brehmes Schuss, Matthäus’ Trotzgesicht, Beckenbauers stiller Spaziergang auf dem Rasen von Rom, Helmut Kohl auf der Tribüne. Wir erinnern uns an Schnauzbärte und Nackenspoiler. Daran, dass Nationalspieler vor zwanzig Jahren mit Udo Jürgens noch Schallplatten besangen und dass der Fernsehkommentator Rubenbauer hieß und Gegenspieler "giftig" nannte. 26 Millionen Deutsche schauten sich 1990 das Finale an, Fernsehrekord für 16 Jahre. Aber streicht man die wenigen Standbilder und Spielszenen im Kopf, dann ist das Bild von dieser Mannschaft: seltsam leer. Wer kann schon die komplette Elf aufsagen, die damals im Finale stand?

Zur Pokalübergabe schritten sie wie Handwerker beim Richtfest

Illgner, Augenthaler, Buchwald, Kohler, Berthold, Häßler, Matthäus, Littbarski, Brehme, Völler, Klinsmann – man erschließt sich dieses Team nicht aus der Erinnerung, sondern aus Jahrbüchern und Lexika. Erst jetzt, im Rückblick, lässt sich allein aus den Vornamen eine Zeitenwende lesen. Auf dem Platz standen die Kinder der sechziger Jahre, Spieler mit harmlosen Nachkriegsnamen: Klaus, Jürgen, Andreas, Thomas und Lothar. Dazu erste Extravaganz: Bodo und Pierre. Ihre Gesichter noch jung, ihre Gagen schon in Millionenhöhe. Der Fußball stand damals an der Schwelle zur totalen Kommerzialisierung. Klaus Augenthaler sollte noch sein ganzes Sportlerleben beim FC Bayern verbringen, Thomas Häßler wechselte schon siebenmal den Verein. Die deutsche Elf kam noch ohne Psychologen und Rhetoriktrainer aus; weitgehend autodidaktisch betrieben Brehme, Matthäus, Klinsmann, Völler und Berthold bei italienischen Clubs ihre Weltkarrieren.

 

Wer sich heute noch einmal die Spiele von 1990 anschaut, sieht einen sehnigen Andreas Brehme Flanken von computerhafter Präzision schlagen, als habe er unwissentlich Pate gestanden für all die Playstation-Protagonisten von heute. Doch ihre Tore feierten die Spieler, ohne Eheringe zu küssen, Trikots zu lüpfen oder imaginäre Babys zu schaukeln. Zur Pokalübergabe schritten sie bescheiden wie Handwerker beim Richtfest.

Das Jahr 2010 war gerade erst angebrochen, als die Suche nach dem Verbleib dieser Mannschaft begann. Eine Reise, die gleich die Erkenntnis brachte, dass nur einer aus der Elf von damals eine feste Adresse in der Fußballwelt von heute hat: Rudi Völler, Bayer 04 Fußball-GmbH, Bismarckstraße 122, 51373 Leverkusen.

Das Gespräch werde "in der TelDaFax-Loge der BayArena" stattfinden, hatte seine Sekretärin gemailt. Schwarze Stühle auf grauem Teppich, in einem Wandkühlschrank stapelweise Weißburgunder und hinter Panoramaglas ein fast unnatürlich grüner Rasen.

"Ein Stündschen" habe er, sagt Völler, als er plötzlich in der Loge steht. Handschlag, Zwinkern, Schulterklaps – ganz der joviale Hausherr. Sein verschmitztes Lächeln, seine mittlerweile spärlichen Locken, sein hessisches Verniedlichungsnuscheln, mit dem er früher seine "Törschen" nacherzählte – nichts überrascht, Völler ist ja regelmäßig im Fernsehen zu sehen. Die Sender blenden unter seinem Gesicht dann immer das Wort "Sportchef" ein, und jeder freut sich, dass der liebe Onkel Rudi wieder da ist.

Wie er das geschafft hat? Völler dreht ein zierliches Handy zwischen seinen Fingern und sagt, dass er jeden seiner Sätze autorisieren wolle. Er ist auf der Hut beim Thema 1990. Er kennt ja die Geschichten: Thomas Häßler ist mal arbeitslos, mal Techniktrainer beim 1. FC Köln und mal Gelegenheitsjuror in der österreichischen Castingshow Austria’s New Footballstar. Jürgen Kohler hat als Trainer des Drittligisten VfR Aalen aufgegeben, wegen Herzbeschwerden. Pierre Littbarski tingelt als Coach durch die Randgebiete des Fußballs: Japan, Australien, Iran, Liechtenstein. Lothar Matthäus wartet auf einen Posten in der Bundesliga. Guido Buchwald gewann als Trainer in Japan innerhalb von drei Jahren fünf Titel, für die sich in Deutschland aber niemand interessiert. Klaus Augenthaler, seinen alten Weggefährten, hat Völler einmal sogar selbst entlassen, fünf Jahre ist das her. "Wenn man sich persönlich nahesteht, ist das nicht leicht", sagt Völler, Augen und Lippen plötzlich sehr schmal, das Gesicht geschlossen wie ein Visier. "Aber so ist das Geschäft. Weiß man ja, wenn man in diesem Job arbeitet."

Die Weltmeister von 1990 waren Wanderarbeiter des Fußballs, die – anders als Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Gerd Müller in München – ihre Heimatvereine früh verließen. Damit verloren sie auch ein Zuhause, wohin sie hätten zurückkehren können.

Rudi Völler hatte das Glück, dass in seinem letzten Club ein Zimmer frei war. Als er Weltmeister wurde, spielte er schon beim AS Rom, wechselte später zu Olympique Marseille und schließlich nach Leverkusen. "Topseriöser Club!", sagt Völler, jetzt ganz Vereinsvertreter, "ganz wichtig in den letzten Atemzügen als Profi." Der volkstümliche Rudi war so etwas wie das Maskottchen einer eher drögen Werkself. Der damalige Manager Reiner Calmund – ein eloquenter Fußballfachverkäufer – wollte ihn nicht einfach verschwinden lassen im Nachruhmnirwana. "Der Calli hat mich überallhin mitgeschleppt", erinnert sich Völler, zu Vertragsgesprächen in sein Büro und zu Spielerbeobachtungen bis nach Südamerika. "Ich kann ja nicht mein ganzes Leben lang sagen: Ich bin Weltmeister, sonst kann ich nix, aber das kann ich gut!" Völler lächelt. Schöner Satz. Könnte er von Calmund haben. Schön zu sehen auch, wie Völler mit seinen Pointen kokettiert. Könnte er auch von Calmund haben. "Fußballprofi sein ist doch wie Kino: Guckst einen Film an, schön mit Popcorn und Cola – aber irgendwann ist der Film zu Ende, und du musst raus in die Wirklichkeit."

Rudi Völler, damals auf Flanken angewiesen, verteilt heute die Jobs

Völler hatte einen Coach für die Zeit nach dem Fußball, für den Moment, in dem ein Sportmillionär mit all seinen Ansprüchen in die Tiefebene des Lebens läuft, ohne Linien, ohne Tribünen, ohne Applaus. Ausgerechnet Calmund, der heute als korpulenter Clown durchs Fernsehen tappt, hat ihn zu Zielstrebigkeit und Geschäftstüchtigkeit erzogen.

1996, als Völler zum Karriereende seine Autobiografie Ruuuuudi veröffentlichte, prangte auf dem Buchumschlag das Logo seines Sponsors. Heute betreibt er nebenbei eine Fußballschule auf Mallorca, in der Exprofis wie Uwe Reinders, Marco Rehmer und Norbert Nachtweih für ihn arbeiten. Für diesen Sommer hat er auch Guido Buchwald engagiert.

Völler, der als Stürmer noch auf Flanken seiner Mitspieler angewiesen war, ist jetzt derjenige, der die Jobs verteilt. "Man ist schneller vergessen, als man denkt", sagt er. Völler ist immer in den Strukturen des Fußballs geblieben: Heimspiele, Auswärtsspiele, Trainingslager, Interviews. Weit zurückgelehnt sitzt er in seinem Logensessel und schaut ins Stadion. Wie ein Intendant auf seine Bühne.

Da klingelt sein Handy. Die Sekretärin. "Stündschen" ist um. Völler stemmt sich hoch.

Eine Frage noch: Wen von damals haben Sie eigentlich noch im Handyspeicher?

Völler stutzt, scrollt auf seinem Display rauf und runter und sagt: "Berthold … Brehme … Häßler … Matthäus."

Und wen würden Sie anrufen, jetzt, hier, damit die Reise durch die WM-Elf weitergeht? "Den Andy Brehme, der freut sich."

Völler drückt ein paar Tasten.

"Ja, Völler hier! Andy, Junge, wie geht’s dir?"

"…"

"Ich? Viel zu tun. Haben einen neuen Rasen. Testen wir gleich. Freundschaftsspiel gegen Duisburg."

"…"

"Hör mal, kann ich deine Nummer rausgeben? Geht um 90, die WM."

"…"

"Gut, Andy. Schönen Gruß! Bis dann! Tschö!"

"…"

"Wie’s ausgegangen ist? Ich ruf dich an."

 

Als Brehme einen Tag später ans Telefon geht, erzählt er, er habe viele Termine, sagt aber zu.

Das Lokal in Grünwald bei München, das Brehme als Treffpunkt ausgesucht hat, ist schick und teuer, nackte Steinwände und viele Kerzen. Brehme sitzt auf einem roten Ledersessel, der an die Trainerbank des FC Bayern erinnert, und er sagt dann auch: "Hier in Grünwald wohn’ die ganzen Bayernspieler." Heute Morgen sei Fanpost vom DFB gekommen, gestern habe er auf der Straße ein "Live-Autogramm" gegeben, und bald stehe wieder ein Promispiel an, diesmal mit den Bayern-Allstars. "Da werden wir genauso eingekleidet wie die Bundesligamannschaft."

"Ich kann nicht klagen", sagt Andreas Brehme.

Er hat seinen Blackberry dabei, ein kleines schwarzes Ding, das ruhig und regelmäßig blinkt. Wie ein Puls. Ungefragt zählt Brehme all seine Verpflichtungen auf. "Neulich hab ich in Berlin einen Spot für McDonald’s gedreht. Darf ich aber noch nichts drüber sagen." Gestern hat er Bild ein Interview gegeben. Er sei auch "Markenbotschafter" für adidas, Audi und den Autotuner Abt. Und der DFB habe ihn gefragt, ob er für Dubai-Channel einen Bundesligaspieltag kommentieren wolle. Will er.

Andreas Brehme hat viel Zeit, zu erzählen, wie wenig Zeit er hat

Brehme bestellt einen Aperitif. Bestellt Sushi. Bestellt einen Espresso. Bestellt noch einen Espresso. Er hat ziemlich viel Zeit, zu erzählen, wie wenig Zeit er hat. Er kommt viel rum, aber er kommt nicht voran. Einmal telefoniert er etwas zu laut mit irgendeinem Francesco, "Si, va bene, si, si!" , und macht Tickets für ein Heimspiel von Chievo Verona klar.

"Ich schaue mir ja jeden Monat zehn Spiele an", sagt Brehme, "allein dreimal Bayern." Ein Freund lege Datenbanken für ihn an, damit er auf dem Laufenden sei, wenn ein Verein anrufe, der einen Trainer sucht. "Italien, Spanien: Würde ich sofort gehen", sagt Brehme. Warum nicht in Deutschland? "Ich sag mal klipp und klar: Weil die Präsidenten und Manager viel Respekt vor uns Weltmeistern haben. Die holen lieber schwächere Typen."

Rudi Völler hatte gesagt, es sei heute kaum noch möglich, Trainer einzustellen, die auf einer Pressekonferenz bloß sagen: "Ja gut, wir haben verdient gewonnen."

Vielleicht hätte Brehme irgendwann gern noch mal von vorne angefangen, etwas ganz anderes gemacht. Aber wie, wenn er immer an seinen Elfmeter erinnert wird? Sein Kumpel Völler hatte gesagt: "Deutscher Meister bist du nur ein Jahr, Weltmeister bleibst du immer."

Seit zwanzig Jahren bringt Brehme dieses 1:0 über die Zeit. Da sitzt ein Mann, der nicht durchtrieben ist, nicht zynisch. Doch die Wand von Übertreibungen und Illusionen, hinter der Andreas Brehme sich verbirgt, lässt alles und jeden abprallen. Irgendwann erzählt Brehme sogar, dass er seinen jüngsten Sohn, "den Alessio", mit Blessuren zu Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt fahre, dem Arzt der Nationalelf. Und dass sein Großer, "der Ricardo", beim Golfen ein Handicap von 15 habe. Er selbst liege bei 11. Das ist zwei schlechter als Franz Beckenbauer, aber drei besser als Uli Hoeneß.

Am Abend wird er sie alle wiedersehen, da ist Länderspiel in München. Deutschland gegen Argentinien, wie früher. "Der Lothar kommt bestimmt auch", sagt Brehme. Matthäus war viele Jahre lang sein Fixpunkt. Sie haben zusammen in der Jugendnationalelf gespielt. Sie sind gemeinsam zu Inter Mailand gegangen. Sie haben in der Nacht nach dem WM-Finale mit einer Flasche Bier im Garten des Mannschaftshotels gesessen, abwechselnd je einen Schluck genommen und sich dabei noch mal das Turnier erzählt. Und sie haben sich ein Doppelhaus geteilt, in Kitzbühel. Wo auch Franz Beckenbauer wohnt. Leider geriet dann Matthäus’ Leben durcheinander. Die ganzen Frauengeschichten. Jetzt sei er ja gerade mit "der Dings" zusammen, sagt Brehme, ihm fällt der Name nicht ein. Lolita? Marijana? Liliana? Jedenfalls war es nicht mehr so entspannt im Doppelhaus, als Matthäus’ Frauen fast so jung waren wie die Kinder.

Fragt man den Soziologen Klaus Theweleit nach der Elf von 1990, springt sofort eine Assoziationsmaschine an. "Eine merkwürdig zwiespältige Mannschaft: abgesehen von Klinsmann, Illgner und Völler, viele gesellschaftliche Underdogs, die durch den Fußball in höhere Bereiche aufgestiegen sind, das aber nicht formulieren konnten. Die auch nicht clever genug waren, um sich in dem Geschäft zu halten." Eine Generation, die bald wieder hinter dem rhetorischen Glanz und der rebellischen Kraft der Weltmeister von 1974 verschwunden sei, die bis heute den Fußball beherrschen: Beckenbauer, Hoeneß, Heynckes, Overath und Netzer.

Theweleit ist so etwas wie Deutschlands oberster Fußballfeuilletonist, seit er vor sechs Jahren sein Buch Tor zur Welt – Fußball als Realitätsmodell veröffentlichte, in dem er die Geschichte der Bundesrepublik mit der Entwicklung ihrer Fußballer verglich. Theweleit meint: Während in den Jahrgängen der Breitners und Netzers noch jeder Junge zum Bolzen ging, seien nach 1968 Jugendliche "mit gesellschaftspolitischem Impuls" eher Punks oder Ökos geworden – zum Fußball seien einige Jahre eher schlichtere Gemüter gekommen. Deshalb habe er von den Neunzigern fast nur verunglückte Sätze in Erinnerung. Von Lothar Matthäus: "Wir dürfen jetzt keinen Sand in den Kopf stecken." Von Andreas Möller: "Madrid oder Mailand – Hauptsache, Italien."

Alles, was Theweleit sagt, klingt wahr und schlüssig. Wahr ist aber auch, dass keine Sympathie mitschwingt in seinen Worten, nicht einmal Mitgefühl, nur Häme.

Am Abend, in der Münchner Allianz-Arena, gleiten die Ehrengäste auf einer Rolltreppe hinauf in die Logen unterm Stadiondach. Günter Netzer, Sönke Wortmann, Cem Özdemir, Louis van Gaal, Volker Kauder, Paul Breitner, Thomas de Maizière, Karl-Heinz Rummenigge, Felix Magath, Reiner Calmund. Fast jeder kommt mit einer Entourage aus Frau/Freundin, Söhnen, Töchtern, Beratern. Beckenbauer verteilt Küsschen in eine Menge voller Skifahrerbräune. Im Saal liegt ein süßer Duft wie in der Parfumabteilung eines Kaufhauses. Und dann: Lothar und die Dings. Liliana. Er das schwarze Haar getränkt mit Gel. Sie im Pelz, heute mal blond und eine High-Heels-Etage höher als er. Wie das Königspaar eines Karpatenstaates schreiten sie durchs Fußballvolk. Und man fragt sich: Wofür war Lothar Matthäus noch mal berühmt?

 

Längst ist der Fußballspieler, der Fußballtrainer Matthäus hinter all seinen Sprüchen und Schlagzeilen verschwunden. Weltmeister, Weltfußballer, Weltstar – ziemlich viel Welt für ein Ego. Mit 39 beendete er seine Karriere bei den New York Metro Stars, jede Beziehung ließ er durch Homestorys dokumentieren, fürs Fernsehen trainierte er die RTL-2-Mannschaft "Borussia Banana", in Las Vegas heiratete er die 26 Jahre jüngere Liliana, stritt und versöhnte sich öffentlich. Aus dem Mittelfeld in die Midlife-Crisis, immer das Herz auf der Zunge. Sicherlich ist auch das ein Grund, weshalb Matthäus keinen Job in Deutschland bekommt: Wer ihn einstellt, hätte sofort Bild und Bunte im Clubhaus.

Dabei ist er womöglich kein schlechter Trainer. Matthäus hatte Jobs in Österreich, Serbien, Ungarn, Brasilien und Israel. Aber die Deutschen lesen aus seinem Leben nur das, was sie daraus lesen wollen: Da wechselt ein Hallodri die Mannschaften wie die Frauen.

Deshalb steht unten am Spielfeldrand Joachim Löw, ein Bundestrainer, der keine Vergangenheit zu haben scheint. Und auf der anderen Seite ein kleiner, dicker Mann, der noch mehr Gel in seinen Haaren trägt als Lothar Matthäus: Diego Maradona.

Maradona war im Finale von 1990 Kapitän wie Matthäus. Mittlerweile ist er Argentiniens Nationaltrainer – nach zig Kokainskandalen, einer Magenverkleinerung, einem Alkoholentzug und sieben Tagen im Koma. In Argentinien gibt es bis heute eine Religionsgemeinschaft namens Iglesia Maradoniana, die an seinen Geburtstagen Weihnachten feiert. In Deutschland stritt sich der FC Bayern mit Matthäus vor dem Landgericht München um die Einnahmen aus dessen Abschiedsspiel.

Es wäre interessant, Matthäus zu fragen, wie sehr es an ihm liegt und wie sehr an seinem Land, für das er 150 Länderspiele bestritt, dass er an diesem Abend im März wie ein Frührentner des Fußballs hier oben unter den Zuschauern sitzt und Maradona dort unten Argentinien zu einem 1:0 gestikuliert. Aber Lothar Matthäus will nicht reden, er wird sich niemals melden. So wie Jürgen Kohler nicht zurückruft und Thomas Häßler nicht. Auch Pierre Littbarski sagt ab. Sie verstecken sich vor einer Öffentlichkeit, die sie mittlerweile als Feind empfinden.

Als Trainer sind im Moment Niederländer und Schweizer gefragt

Es ist April geworden, die deutsche Fußballbundesliga geht in ihre letzten Spieltage. Beim VfL Bochum steht der Trainer auf der Kippe, beim Hamburger SV wird er entlassen, der VfL Wolfsburg sucht schon einen Coach für die nächste Saison, aber weder Brehme noch Matthäus, noch Littbarski sind im Gespräch.

Jeder Monat, den sie länger draußen sind, spricht gegen sie, die Mannschaft der Zeitenwende wirkt wie aus der Zeit gefallen. 741 Deutsche haben eine Fußballlehrer-Lizenz, mit der sie einen Bundesligisten übernehmen dürfen. Alle spekulieren auf einen Platz in einem winzigen Markt: 18 Erstligisten, 18 Arbeitsplätze. Es gibt Moden. Gerade sind Niederländer und Schweizer sehr gefragt. Es gibt immer neue Konkurrenten. Da sind nicht mehr nur die Weltmeister von 1974. Inzwischen sind auch die Europameister von 1996 vorbeigezogen. Smarte Typen, die sich gewandt durch die Fußballwelt bewegen: Stefan Kuntz ist Vorstandsvorsitzender des 1. FC Kaiserslautern. Oliver Bierhoff managt die Nationalelf. Matthias Sammer ist DFB-Sportdirektor. Mehmet Scholl und Thomas Helmer sind fast so oft im Fernsehen wie Beckmann und Kerner – viele Worte und bloß kein falscher Satz.

"Buchwald? Brehme?", fragt ein Programm-Macher des Fußballsenders Sky hämisch. "Zu lange raus, um noch interessant zu sein. Die 96er sind bei uns höher gerankt. Gute Typen, tolle Positionen, rhetorisch klasse. Was die sagen, hat Gewicht." Die 90er dagegen seien für seinen Sender wertlos wie "Trainingskiebitze".

So verhärten Vorurteile zu Tatsachen.

Guido Buchwald hält hin und wieder Vorträge, zum Beispiel vor Volkshochschullehrern in Böblingen. Nachdem er im WM-Finale Maradona ausgeschaltet hatte, nannten die Deutschen ihn "Diego". Buchwald besitzt eine Tennishalle und ein Restaurant. Er vermietet Immobilien. Er ist Teilhaber einer Firma für Dokumentenverwaltung. Er hat 40 Angestellte. Und doch sind seine Visitenkarten beidseitig bedruckt: Auf der einen Seite ist er "Beiratsvorsitzender" der Morgenstern + Buchwald GmbH – auf der anderen "football coach" , weltweit verfügbar.

Pierre Littbarski führt in seiner Mail-Adresse noch immer die 7, seine Rückennummer aus der Nationalelf.

Hans-Dieter Hermann hatte gezögert. Er ist seit einigen Jahren Psychologe der deutschen Nationalelf und hat tief in die Seelen von Sportlern geschaut. Was er dort sieht, darüber redet er ungern. Doch das Schicksal der Weltmeister von 1990 beschäftigt auch ihn. Kurz bevor die jetzige Nationalmannschaft zur WM nach Südafrika aufbricht, schickt er einen langen Brief, dessen zentraler Begriff "Mono-Identität" ist. Jeder gewaltige Triumph, jede lang angestrebte Auszeichnung in jedem Beruf könne einen Menschen verändern, ihn befreien oder lähmen. Allemal im Fußball, diesem Aufmerksamkeitszentrum der Gegenwart. Deshalb gerieten ehemals gefeierte Sportler leicht in Versuchung, eher "zurück als nach vorn" zu sehen, schreibt Hermann. Und täten sich schwer, "in der Gegenwart das Glück zu finden".

Michael Schumacher war siebenmal Formel-1-Weltmeister und fährt jetzt auch wieder im Kreis.

Seit Jahrzehnten trainieren Sportler nach dem Karriereende ab – ihren Körper, aber nicht die Seele. Dabei brauchten sie "Selbstwertgefühl auch für ihre außerfußballerischen Aktivitäten", meint Hermann. Sonst sei da immer die Verlockung, in die alte Lebenswelt zurückzukehren.

Die Anzeigetafel im Sportpark von Unterhaching hat ihre besten Jahre hinter sich, ein paar Leuchtpunkte sind tot. Auch deshalb ist es ein poröses 1:0, mit dem die Spielvereinigung in die zweite Halbzeit gegen den Wuppertaler SV geht. Dritte Liga, 36. Spieltag. Am Spielfeldrand sitzt ein Mann auf einem weißen Stapelstuhl, reglos wie eine Statue. Er hat ein Gesicht wie aus einem vergangenen Jahrhundert: zerfurcht und zergrübelt.

 

Seit acht Spielen ist Klaus Augenthaler Trainer der Spielvereinigung in Unterhaching; der dritte in dieser Saison. Augenthaler war der Älteste in der WM-Elf von Rom, das Finale war sein letztes Länderspiel. Er hat danach Nürnberg und Wolfsburg trainiert, mit Leverkusen war er in der Champions League. Immer Erste Liga. Zuletzt war Augenthaler arbeitslos, drei Jahre lang. Jetzt hat er zwei Etagen tiefer wieder angefangen. Wie so viele aus der Mannschaft ist er aus der Provinz gekommen und in die Provinz zurückgekehrt.

Die zweite Halbzeit ist quälend, den Spielern verspringen die Bälle, manchmal winkt Augenthaler verächtlich ab. Doch seit er in Unterhaching ist, hat die Spielvereinigung nur einmal verloren. Wenn sie heute gewänne, wäre der Abstieg abgewendet. Auch seiner. Als der Schiedsrichter abpfeift, steht auf der Anzeigetafel noch immer dieses 1:0, Augenthaler springt auf und rüttelt die Fäuste, sein Stuhl kippt ins Gras, die Kinder rufen "Au-ge! Au-ge!", er gibt Autogramme. Der Psychologe Hermann würde sagen: eine Mono-Identität im alten Glück. Morgen werden die Zeitungen schreiben: Augenthaler rettet Unterhaching.

Am Abend sitzt Augenthaler shampooduftend in einem Biergarten am Stadion, schaut sich um, ob noch einer seiner Spieler da ist, zündet sich eine Zigarette an und erzählt dann von "dieser Sucht". Augenthalers Stimme ist aufgeraut von tausend Zigaretten und täglichem Sportplatzgebrüll, deshalb klingt das Wort bei ihm sehr glaubwürdig. Er spricht es dunkel und lang: "Suuuuuucht".

Er weiß ja: Jeder Präsident, der ihm zur Einstellung die Hand schüttelt, wird ihn irgendwann wieder rausschmeißen. Als Rudi Völler damals in Leverkusen "wie ein Laufbursche" der Vereinsführung zu ihm kam, war Augenthaler trotzdem getroffen. Völler wollte zum Abschied mit ihm essen gehen, doch Augenthaler sagte: "Rudi, warum noch?", ging in das Hotel, in dem er zwei Jahre lang gewohnt hatte, packte die Koffer und fuhr heim nach Bayern. Drei Monate später packte er seine Koffer in einem Hotel in Wolfsburg wieder aus.

In dieser Saison sind bei 18 Erstligisten neun Trainer entlassen worden. "Eigentlich ist das nichts für einen Menschen", sagt Augenthaler, "heute hier, morgen da – und das, wenn es gut läuft." Wenn es schlecht läuft, hockt man zu Hause, hätte Zeit für die Familie, hat aber schlechte Laune. Deshalb könne ein Trainer kaum glücklich werden, "aber das wusste ich als Spieler nicht. Und wenn man in dieser Endlosschleife drin ist, kommt man schlecht wieder raus." Da sei ja immer Hoffnung. Auf einen Titel. Auf eine Mannschaft, in der alles passt. Und auf den Augenblick, "in dem der Ball das Netz bauscht".

Augenthaler macht lange Pausen beim Reden, sucht nach dem treffenden Wort. Für Phrasen waren die vergangenen drei Jahre zu lang. Anfangs habe er die Zeit ohne Fußball genossen, sagt Augenthaler. Angeln gehen. Den Hund ausführen. Nachbarn kennenlernen, die nur eine Straße weiter wohnen, "auch den Müllmann und den Getränkemarktmenschen". Klaus Augenthaler war 50 Jahre alt, als er das Leben entdeckte. Als ihm auffiel, dass in der Tiefgarage unter der Münchner Oper "fast nur Autos stehen, die mindestens 40000 Euro kosten".

Augenthaler fuhr auch nicht mehr ins Stadion, in die neue Arena seines FC Bayern. Er sagte sich und den anderen, er habe keine Lust, im Stau zu stehen. Aber er hatte Angst vor diesen immergleichen Fragen, auf die er keine Antwort hatte: Klaus, wie geht’s? Was machst du? Hast du was in Aussicht? Samstags um halb vier, wenn die Spiele angepfiffen wurden, saß er mit seiner Tochter auf der Terrasse und versuchte, Backgammon zu spielen. "Um viertel nach fünf, zum Abpfiff, hat bei mir dann immer das Gefühl eingeschlagen: Klaus, jetzt warst du wieder nicht dabei."

Und dann benutzt Augenthaler ein großes Wort: "Erlösung". Ihm sei klar geworden, dass er Erlösung nur innerhalb der Endlosschleife finden könne. Wenn überhaupt.

Augenthaler schaut aus sentimentalen braunen Augen, die im Fernsehen nur als dunkle Schlitze rüberkommen. Ein Süchtiger, der seine Sucht nicht leugnet. Das Gespräch ist jetzt zu Ende, bald fängt die Sportschau an, da will er zu Hause sein. Aber da ist noch was. Eine Frage beschäftige ihn, sagt Augenthaler. "Ich wüsst’ gern, was aus dem Bodo geworden ist."

Klaus Augenthaler, der Libero, und Bodo Illgner, der Torwart, haben in den sieben Spielen der WM nur fünf Tore zugelassen. Illgner war damals der Jüngste, anders als Augenthaler machte er nach dem WM-Sieg weiter, trat aber vier Jahre später nach einem Streit mit Berti Vogts aus der Nationalelf zurück. Er wechselte vom 1. FC Köln zu Real Madrid, gewann noch einmal die Champions League – und verschwand. Illgner kam zu keinem Mannschaftstreffen mehr, Einladungen zu Jubiläumsfeiern schlug er aus. Der Torwart wurde zum Phantom, unbekannt verzogen aus dem Fußball. Klaus Augenthaler hat gehört, dass Illgner mit seiner Frau und drei Kindern in einer Finca in Spanien sitze, aufs Meer schaue und glücklich sei.

Glücklich! "Vielleicht ist das bei einem Torwart anders", sagt Augenthaler. Der Torwart liebt den Ball nicht. Er hat ihn zum Gegner. Womöglich trennt man sich da leichter.

Der Torwart Illgner hielt die Bälle, seine Frau Bianca die Hand auf

Auf dem Flug ist Zeit genug für all die Artikel, mit denen sich die Medien an Bodo Illgner und Bianca, seiner Frau und Managerin, abgearbeitet haben. Und aus denen vor allem Ratlosigkeit zu lesen ist: Illgner – Einzelkämpfer , Ungeliebter Elfmeterheld , Sonderling macht Feierabend . Kaum ein Journalist kam ohne den Hinweis aus, Illgner habe "sogar Abitur", mit einem Schnitt von 2,3. Das sollte erklären, warum der Torwart seinen Sport mit einer nüchternen Geschäftigkeit betrieb, die damals irritierte. Illgner stand Modell für eine neue Gattung Profi, die Fußball spielte, um so schnell wie möglich so viel Geld wie möglich zu verdienen. Er gab kaum Interviews und Autogramme, bei der Nationalelf saß er nie am Kartentisch. Die Sportromantiker erklärten ihn zum Yuppie unter Herzblutkickern. Bodo hielt die Bälle, Bianca hielt die Hand auf. Zu Gehaltsgesprächen mit Reals Präsidenten soll sie in besonders kurzem Rock gekommen sein.

 

Beim Deutschen Fußball-Bund haben sie noch eine Mail-Anschrift von Illgner, sie beginnt mit einem B wie Bodo, B auch wie Bianca. Es war, als sende man eine Mail ins Nichts – aus dem sofort eine Antwort kam: "gern wuerden wir fuer ein gespraech zur verfuegung stehen… wir befinden uns allerdings in boca raton… bianca illgner". Florida also, nicht mehr Spanien.

Endlos ziehen sich die Straßen von Boca Raton, Hecken und Häuser, Häuser und Hecken. Eine Rasterstadt ohne Mitte und Marktplatz – ideal für Einzelkämpfer. Zögerlich hebt sich die Schranke zum Woodfield Country Club, einer umzäunten Siedlung, beschützt von uniformierten Wachmännern. Palmen beugen sich über Golfplatzgrün, vor eierfarbenen Villen parken Rolls-Royce, von Ferne weht das Plop-Plop einer Tennisanlage herüber.

Im Clubhaus, so groß wie ein kleiner Regierungssitz, erhebt sich aus einem der Sofas ein verblüffend junger Mann, groß, schlank und mit vager Ähnlichkeit zum frühen Ulrich Wickert. "Herzlisch willkommen!", ruft Bodo Illgner durch die Halle, der kölsche Singsang ist auch in Florida nicht verklungen. Illgner, 43 Jahre alt, trägt ein blassrosa Poloshirt, knittrige Bermudashorts und Turnschuhe, denen die Schnürsenkel fehlen.

Drei Stunden von seiner "privaten Zeit" habe er frei gehalten, sagt Illgner, danach wolle er mit Bianca "zum Fitness". Er lächelt höflich, macht aber gleich klar: Die 80 Millionen Deutschen mit ihren Besitzansprüchen – er ist froh, dass sie weit hinter der Schranke zurückgeblieben sind. Spanien sei ja gut und schön gewesen, aber diese Touristen. "Im Restaurant hauen sie dir auf die Schulter, wenn du gerade die Gabel zum Mund führst." In Amerika interessiert sich kein Mensch für Soccer, ein "Mr. Illgner" sagt nur den fußballbegeisterten Latinos von der Autovermietung was. Das letzte Mal gegen einen Ball getreten hat Bodo Illgner vor einem Jahr, auf einem Schulfest seiner Tochter.

Nichts in seinem Haus erinnere an ihn als Fußballer, sagt Illgner, auch die Handschuhe aus dem Finale habe er verschenkt, "ich will keinen Schrein, vor dem der Vater verehrt werden muss". Hin und wieder schaue er im Internet nach den Ergebnissen aus der Bundesliga, aber Speedbootfahren vor Miami sei auch ganz interessant. Nach seinem Karriereende ist Illgner mit seiner Familie all die Orte abgefahren, von denen er als Spieler nur Flughäfen, Stadtautobahnen und Stadien gesehen hatte. Barcelona, Marseille, Pisa, Genua, Florenz. Er sagt: "In jede Stadt, in der ich als Fußballspieler war, wollte ich noch mal als Mensch." Illgner mietete dafür ein Wohnmobil. Er sei die Luxushotels leid gewesen, das Leben eines Fünf-Sterne-Häftlings, "der heimlich Obsttüten aufs Zimmer trägt". Dass er jetzt in einer Art Sechs-Sterne-Reservat lebt: seine Angelegenheit. Illgner ist zufrieden mit seiner Unabhängigkeit. Und er gefällt sich darin.

Bodo Illgner verwaltet seinen Reichtum. Nicht seinen Ruhm

Über seine Jahre als Fußballer sagt er: "War ’ne super Sache, richtig spitze." Als erzähle er von einem Probemonat im Segelclub. "Ich war 23. Der jüngste Torwart, der jemals Weltmeister wurde, bis heute. Im Nachhinein muss ich sagen: Trotz der harten Arbeit in den Jahren vorher ist mir dieser Titel in den Schoß gefallen. Vielleicht hänge ich deshalb weniger daran." Sein Alltag jetzt: die Kinder zur Schule bringen, ohne die Kinder Tennis spielen oder rollerbladen, die Kinder von der Schule abholen, mit den Kindern Tennis spielen oder rollerbladen und zwischendurch mal schauen, wie die Aktien stehen. Er verwaltet seinen Reichtum, nicht seinen Ruhm.

Illgner spielt an diesem Tag sein altes Spiel. Er will verblüffen durch Unsentimentalität: Wer mitschwimmt im gefühligen Mainstream des Fußballs, wird leicht zum Getriebenen. Illgner wurde nie hassgeliebt wie Lothar Matthäus, nicht von Zuneigung erdrückt wie Pierre Littbarski. Er hat das Publikum meist kaltgelassen – warum soll es ihm jetzt mit dem Publikum anders gehen? Matthäus sei "immer noch auf der Suche", sagt Illgner. "Jürgen Klinsmann hätte ich das gleiche Leben zugetraut wie mir." Seinem Mitspieler, der 1990 in seinem Mailänder Haus 30 schwäbische Kumpel auf einem Matratzenlager schlafen ließ. Der 1996 noch einmal Europameister wurde und viel besser in das Team um Bierhoff, Scholl und Sammer passte. Der immer die weiten Wege ging, auch abseits des Platzes. Der später "Philosophie" statt Trainingslehre sagte und jetzt von den Fußballhandwerkern aus der Finalelf von 1990 totgeschwiegen wird. Leider sei ja auch Klinsmann "in Versuchung geraten", sagt Illgner.

Zur Weltmeisterschaft nach Südafrika wird Illgner nicht fliegen – die ganzen Impfungen, nein. Bianca ist jetzt Heilpraktikerin und ist da skeptisch. Die Bundesliga? Trainerposten? Alles weit weg, sogar die Ölpest im Golf von Mexiko. Illgner sitzt so tief in seinem Sessel wie Rudi Völler in Leverkusen, und er wirkt genauso geborgen im Hier und Jetzt. Er sagt, Bianca und er wollten bald übrigens Seminare halten: alternative Medizin und Zeitmanagement. Ob das im Artikel erwähnt werden könne?

Dann steht Bodo Illgner auf, lässt die Türen des Clubhauses schwingen und verschwindet in der tropischen Golflandschaft des Woodfield Country Club, als hätte es ihn nie gegeben. Er ist verschwunden wie so viele aus der Mannschaft, allerdings selbst gewählt. Bodo Illgner ist sich treu geblieben. Sich, seinen Zielen, sogar seiner Frau. Er war stärker als dieser Titel.

In Südafrika geht die Schicksalslotterie jetzt in ihre nächste Runde, werden sich neue Spielszenen und Standbilder über die Erinnerung an die Elf von 1990 legen, werden wieder Hauptgewinne und Nieten vergeben, an starke und an schwache Egos. Ausgerechnet der schönste Augenblick kann zum tragischsten werden, wenn es nicht gelingt, zurückzufinden in ein Leben, das ohne Triumphgefühle auskommt.

Jürgen Klinsmann wird das Turnier bei RTL kommentieren. Lothar Matthäus hat der Deutschen Presse-Agentur schon gesagt, er sehe Löws Nationalmannschaft "maximal im Viertelfinale". Pierre Littbarski, gerade in Liechtenstein entlassen, schickt Mannschaftskameraden eine SMS mit seiner neuen Telefonnummer. Guido Buchwald soll sich mit dem Chef des japanischen Fußballverbandes getroffen haben. Andreas Brehme ist gegen eine Metzgermannschaft aus Magdeburg angetreten. Und Bodo Illgner ist glücklich.