Fussball-Weltmeister 1990 Wir waren HeldenSeite 6/6

Beim Deutschen Fußball-Bund haben sie noch eine Mail-Anschrift von Illgner, sie beginnt mit einem B wie Bodo, B auch wie Bianca. Es war, als sende man eine Mail ins Nichts – aus dem sofort eine Antwort kam: »gern wuerden wir fuer ein gespraech zur verfuegung stehen… wir befinden uns allerdings in boca raton… bianca illgner«. Florida also, nicht mehr Spanien.

Endlos ziehen sich die Straßen von Boca Raton, Hecken und Häuser, Häuser und Hecken. Eine Rasterstadt ohne Mitte und Marktplatz – ideal für Einzelkämpfer. Zögerlich hebt sich die Schranke zum Woodfield Country Club, einer umzäunten Siedlung, beschützt von uniformierten Wachmännern. Palmen beugen sich über Golfplatzgrün, vor eierfarbenen Villen parken Rolls-Royce, von Ferne weht das Plop-Plop einer Tennisanlage herüber.

Im Clubhaus, so groß wie ein kleiner Regierungssitz, erhebt sich aus einem der Sofas ein verblüffend junger Mann, groß, schlank und mit vager Ähnlichkeit zum frühen Ulrich Wickert. »Herzlisch willkommen!«, ruft Bodo Illgner durch die Halle, der kölsche Singsang ist auch in Florida nicht verklungen. Illgner, 43 Jahre alt, trägt ein blassrosa Poloshirt, knittrige Bermudashorts und Turnschuhe, denen die Schnürsenkel fehlen.

Drei Stunden von seiner »privaten Zeit« habe er frei gehalten, sagt Illgner, danach wolle er mit Bianca »zum Fitness«. Er lächelt höflich, macht aber gleich klar: Die 80 Millionen Deutschen mit ihren Besitzansprüchen – er ist froh, dass sie weit hinter der Schranke zurückgeblieben sind. Spanien sei ja gut und schön gewesen, aber diese Touristen. »Im Restaurant hauen sie dir auf die Schulter, wenn du gerade die Gabel zum Mund führst.« In Amerika interessiert sich kein Mensch für Soccer, ein »Mr. Illgner« sagt nur den fußballbegeisterten Latinos von der Autovermietung was. Das letzte Mal gegen einen Ball getreten hat Bodo Illgner vor einem Jahr, auf einem Schulfest seiner Tochter.

Nichts in seinem Haus erinnere an ihn als Fußballer, sagt Illgner, auch die Handschuhe aus dem Finale habe er verschenkt, »ich will keinen Schrein, vor dem der Vater verehrt werden muss«. Hin und wieder schaue er im Internet nach den Ergebnissen aus der Bundesliga, aber Speedbootfahren vor Miami sei auch ganz interessant. Nach seinem Karriereende ist Illgner mit seiner Familie all die Orte abgefahren, von denen er als Spieler nur Flughäfen, Stadtautobahnen und Stadien gesehen hatte. Barcelona, Marseille, Pisa, Genua, Florenz. Er sagt: »In jede Stadt, in der ich als Fußballspieler war, wollte ich noch mal als Mensch.« Illgner mietete dafür ein Wohnmobil. Er sei die Luxushotels leid gewesen, das Leben eines Fünf-Sterne-Häftlings, »der heimlich Obsttüten aufs Zimmer trägt«. Dass er jetzt in einer Art Sechs-Sterne-Reservat lebt: seine Angelegenheit. Illgner ist zufrieden mit seiner Unabhängigkeit. Und er gefällt sich darin.

Bodo Illgner verwaltet seinen Reichtum. Nicht seinen Ruhm

Über seine Jahre als Fußballer sagt er: »War ’ne super Sache, richtig spitze.« Als erzähle er von einem Probemonat im Segelclub. »Ich war 23. Der jüngste Torwart, der jemals Weltmeister wurde, bis heute. Im Nachhinein muss ich sagen: Trotz der harten Arbeit in den Jahren vorher ist mir dieser Titel in den Schoß gefallen. Vielleicht hänge ich deshalb weniger daran.« Sein Alltag jetzt: die Kinder zur Schule bringen, ohne die Kinder Tennis spielen oder rollerbladen, die Kinder von der Schule abholen, mit den Kindern Tennis spielen oder rollerbladen und zwischendurch mal schauen, wie die Aktien stehen. Er verwaltet seinen Reichtum, nicht seinen Ruhm.

Illgner spielt an diesem Tag sein altes Spiel. Er will verblüffen durch Unsentimentalität: Wer mitschwimmt im gefühligen Mainstream des Fußballs, wird leicht zum Getriebenen. Illgner wurde nie hassgeliebt wie Lothar Matthäus, nicht von Zuneigung erdrückt wie Pierre Littbarski. Er hat das Publikum meist kaltgelassen – warum soll es ihm jetzt mit dem Publikum anders gehen? Matthäus sei »immer noch auf der Suche«, sagt Illgner. »Jürgen Klinsmann hätte ich das gleiche Leben zugetraut wie mir.« Seinem Mitspieler, der 1990 in seinem Mailänder Haus 30 schwäbische Kumpel auf einem Matratzenlager schlafen ließ. Der 1996 noch einmal Europameister wurde und viel besser in das Team um Bierhoff, Scholl und Sammer passte. Der immer die weiten Wege ging, auch abseits des Platzes. Der später »Philosophie« statt Trainingslehre sagte und jetzt von den Fußballhandwerkern aus der Finalelf von 1990 totgeschwiegen wird. Leider sei ja auch Klinsmann »in Versuchung geraten«, sagt Illgner.

Zur Weltmeisterschaft nach Südafrika wird Illgner nicht fliegen – die ganzen Impfungen, nein. Bianca ist jetzt Heilpraktikerin und ist da skeptisch. Die Bundesliga? Trainerposten? Alles weit weg, sogar die Ölpest im Golf von Mexiko. Illgner sitzt so tief in seinem Sessel wie Rudi Völler in Leverkusen, und er wirkt genauso geborgen im Hier und Jetzt. Er sagt, Bianca und er wollten bald übrigens Seminare halten: alternative Medizin und Zeitmanagement. Ob das im Artikel erwähnt werden könne?

Dann steht Bodo Illgner auf, lässt die Türen des Clubhauses schwingen und verschwindet in der tropischen Golflandschaft des Woodfield Country Club, als hätte es ihn nie gegeben. Er ist verschwunden wie so viele aus der Mannschaft, allerdings selbst gewählt. Bodo Illgner ist sich treu geblieben. Sich, seinen Zielen, sogar seiner Frau. Er war stärker als dieser Titel.

In Südafrika geht die Schicksalslotterie jetzt in ihre nächste Runde, werden sich neue Spielszenen und Standbilder über die Erinnerung an die Elf von 1990 legen, werden wieder Hauptgewinne und Nieten vergeben, an starke und an schwache Egos. Ausgerechnet der schönste Augenblick kann zum tragischsten werden, wenn es nicht gelingt, zurückzufinden in ein Leben, das ohne Triumphgefühle auskommt.

Jürgen Klinsmann wird das Turnier bei RTL kommentieren. Lothar Matthäus hat der Deutschen Presse-Agentur schon gesagt, er sehe Löws Nationalmannschaft »maximal im Viertelfinale«. Pierre Littbarski, gerade in Liechtenstein entlassen, schickt Mannschaftskameraden eine SMS mit seiner neuen Telefonnummer. Guido Buchwald soll sich mit dem Chef des japanischen Fußballverbandes getroffen haben. Andreas Brehme ist gegen eine Metzgermannschaft aus Magdeburg angetreten. Und Bodo Illgner ist glücklich.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. ......

    Ich wundere mich auch, warum ich die Elf von 1974 nahezu fehlerfrei im Schlaf runterbeten kann und bei der Elf von 1990 nur mit Mühe auf sechs/sieben Spieler komme. Und Schwarzenbeck oder Grabowski waren ja nun sicher keine Lichtgestalten des Deutschen Fußballs. Liegt es an der medialen Übersättigung, die wir heute alle erfahren und die eine WM von 1974 zu etwas Besonderen gemacht haben und die WM`s danach zu einem Großereignis unter vielen?

  2. Danke für diese interessante Reportage... Fußball ist "ganz großes Kino", voller Emotionen. Euphorie und Niedergeschlagenheit liegen ganz nah beieinander. Es sind Heldengeschichten, die erzählt werden.

    Umso interessanter ist es mal zu lesen was danach passiert. Wie im Kino: was passiert mit dem Traumpaar nach dem Happy End?

    Und noch was macht mich nachdenklich: wie unterschiedlich Leben verlaufen können bei ähnlichen Startbedingungen....

  3. dann wollen wir nur auf eine fruehe abreise,hoffen!

    • Fackel
    • 07.06.2010 um 14:39 Uhr

    Zeigt doch nur, dass man nach Karriere als Nationalspieler nicht automatisch die Befähigung hat, der grosse Macher in allen anderen Bereichen zu werden.

    Was erwartet die Journaille/Betrachter? Sollen sie plötzlich alle zu Überfliegern werden, die nach 20 Jahren die Geschicke Deutschlands lenken, den Physik-Nobel-Preis gewinnen und den Weltfrieden herbeizaubern.

    Birnen mit Äpfeln vergleichen oder umgekehrt.

    Oder hat der Autor Freude daran, dass die Idole seiner Jugend wieder auf das Niveau eines normalen Menschen geschrumpft sind, die im Leben um jedes kleine Glück kämpfen müssen? Manche erfolgreicher manche weniger erfolgreich.

  4. Eigentlich ist nichts besonderes an den Lebensläufen festzustellen. Im Leben aller Menschen gibt es besonders hervorstechende Momente, die zumindest von aussen so betrachtet werden, und danach ändert sich das Leben. Mancher säuft, andere begeben sich in einen gewissen Alltagstrott. Wieder andere beginnen etwas komplett neues.
    Wieso sollten da Fußballspieler eine Ausnahme sein?
    Auch von der 1974er Mannschaft sind schließlich nicht alle so enorme Berühmtheiten geworden. Von Gerd Müller hört man nur sehr sporadisch etwas. Schwarzenbeck ist fett geworden. Von Grabowski hört man auch nichts mehr. Obwohl die 1974er weitaus mehr Gelegenheit hatten, aus ihrem Erfolg eine Karriere zu gestalten, denn wie Kommentar 1 richtig feststellt, ist heute das Bombardement mit Informationen durch die Medien extrem angeschwollen, wodurch eine Fußball WM bereits nach kurzer Zeit durch aufgeblasenes Event Marketing anderer Gruppen vergessen gemacht wird.

  5. Während der Artikel hervorragend geschrieben ist und und eine faszinierende Lektüre bietet, bin ich mit dem Grundtenor nicht so ganz einverstanden. Mag ja sein, dass elitäre Sportjournalisten, abgebrühte Fußballmanager und zynische Medienmenschen keine Probleme haben, eine ganze Generation deutscher 'Fußballhelden' praktisch abzuschreiben. Ich behaupte, dass der einfache Fußballfan (alias 'gefühlsduseliger Mainstream') vor dem Team von 90 durchaus noch Respekt empfindet.
    Fußball-Weltmeister zu werden ist keine geringe Leistung. Und das wird den Akteuren von damals keiner wegnehmen können.

  6. Super Artikel mit feinem Gespür für die Zwischentöne - ohne allzu boshaft zu werden.

  7. Sehr Guter Artikel, macht mich richtig neidisch das Sie die alle getroffen haben.Kleine Korrektur,Buchwald,bekannt fur seine Steifheit, wurde Diego genannt,weil er in diesem Turnier mit extremen Selbstvertrauen spielte und auf einmal mit kleinen technischen Finessen glaenzte die ihm niemand zugetraut hatte u.a.bereitete er Klinsmann's Tor gegen Holland mit mehreren Uebersteigern vor.

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