DVD-Edition Ulrich Seidl Zungenkuss mit Hund

Eine Gesamtedition des österreichischen Extremfilmers Ulrich Seidl versammelt neben seinen Spielfilmen auch die faszinierenden und verstörenden frühen Dokumentarfilme von Anke Leweke

Warum wird ein Regisseur, der sich schon mit seiner distanzierten, leicht erhöhten Kameraposition als Beobachter kenntlich macht, immer wieder des Voyeurismus bezichtigt? Auch wenn er Menschen in intimen Situationen, privaten und manchmal auch obszönen Momenten zeigt, ist Ulrich Seidl kein Schlüssellochgucker, kein Peeping Tom auf der Suche nach dem flüchtigen, geheimen Blick. In der DVD-Edition (Alamode) von Seidls Gesamtwerk kann man nun nicht nur seine Spielfilme Hundstage(2001) und den Cannes-Wettbewerbsbeitrag Import Export (2007) entdecken, sondern auch die frühen Dokumentarfilme. Dabei lassen sich Titel wie Der Busenfreund oder Tierische Liebe durchaus programmatisch verstehen. Schon in diesen dokumentarischen Arbeiten konfrontiert der österreichische Extremfilmer den Zuschauer mit menschlichen Abgründen und Obsessionen, über die man eigentlich nicht genauer Bescheid wissen will.

Natürlich ist der Anblick einer Mittvierzigerin, die mit ihrem Schäferhund Walzer tanzt und mit dem Tier später Zungenküsse austauscht, irgendwie auch peinlich. In Tierische Liebe begleitet Seidl Hunde- und Katzenhalter in ihre Wohn- und Schlafzimmer, mal werden die Tiere zum umfassenden, auch erotischen Ersatz für den Mann im Haus, mal zu treuen Zuhörern, denen das Frauchen intimste Geheimnisse anvertraut oder aus der Bibel vorliest.

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Abwehr, wenn nicht Aggressionen und Abscheu ruft auch der komplexbeladene Mathematiklehrer aus Der Busenfreund hervor, wenn er Sinus- und Kosinus-Kurven mit weiblichen Brüsten und Hinterteilen vergleicht. Seine Frustration darüber, dass er mit fast 50 Jahren immer noch Single ist, lädt er bei seiner Mutter ab. In einer Wohnung, deren Gelsenkirchener Barock noch aus den fünfziger Jahren stammen dürfte, fristet er mit der gebrechlichen Frau ein tristes Dasein. Ständig ermahnt er sie, die Fenster offen zu lassen, damit ihr Altersgeruch wegziehen könne. Der intimen Einblicke nicht genug, sieht man den Busenfreund auch noch in der Badewanne bei der Körperpflege – und das direkt im ersten Bild.

Tatsächlich wird das Kino bei Seidl, dem das Filmfest München im Juni übrigens seine Retrospektive widmet, zu einem Ort der Auseinandersetzung. Unerbittlich zwingt er traurige und degenerierte Existenzformen in lange, ausgedehnte Einstellungen, umschließt ihre Welten wie mit einer Schraubzwinge. Angeschlagen, verstört, mitgenommen verlässt man das Kino und möchte das gerade Gesehene am liebsten möglichst schnell wieder vergessen oder verdrängen. Und doch haben Seidls Bilder einen tiefen Nachhall, vielleicht weil man spürt, dass hier etwas verhandelt wird, das trotz der offensichtlichen Abseitigkeit, Deformation oder Perversion manchmal nur ein Schicksalsschrittchen entfernt von unser aller Leben ist.

Mit den Personen seiner Dokumentarfilme Der Busenfreund, Tierische Liebe oder Models geht Ulrich Seidl auf die Suche nach Gefühlen und ihren extremen Ausformungen, die er wie unter einem Vergrößerungsglas zeigt und reflektiert. Es bleibt aber stets eine gemeinsame Suche. Seidl tritt mit der Kamera einen Schritt zurück und überlässt seinen Protagonisten den Raum. Sie sind es, die uns die persönlichen und sehr direkten Einblicke gewähren.

Er zeigt die Menschen in ihrer Verletzlichkeit und Kreatürlichkeit

Aus nächster Nähe bekommt man in Models das Sprichwort »Wer schön sein will, muss leiden« vorexerziert. Die Unerbittlichkeit, mit der drei junge Frauen sich und ihre Körper mit Schönheitsoperationen, Abmagerungskuren und Solariumbräunungsstress quälen, um ins Bild beziehungsweise auf den Laufsteg zu passen, bestimmt den Rhythmus dieses Films. Anders als in Germany’s next Topmodel schlägt das Spiel »Wer ist die Schönste im ganzen Land« in realen Zickenterror um, der unbarmherzig Tag für Tag vor Schminkspiegeln und in abgeranzten Umkleiden ausgetragen wird. Letztlich wissen nicht nur wir, sondern auch die trotz ihrer jungen Jahre schon abgetakelt wirkenden Models, dass der Karrierezug längst abgefahren ist. So wird dieser Film zu einem durchaus Anteil nehmenden Porträt von Frauen, die ihren Traum vom Ruhm dennoch verzweifelt weiterverfolgen.

Der Busenfreund wiederum entwickelt sich zur sorgfältig choreografierten Studie einer Einsamkeit, die sich hinter einer Obsession versteckt. Die akademischen Vorträge über weibliche Rundungen werden von Bildern eines leeren Lebens konterkariert. Kein persönlicher Gegenstand ist in der Wohnung des Mathematiklehrers zu finden. Auch seine Kleidung – etwa der kreischend gelbe Rollkragenpullover – erzählt von einer Existenz, die sich in ihrer Verlorenheit eingerichtet hat.

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