Mehr Datenschutz: Facebook-Gründer Zuckerberg verspricht die Privatsphäre der Nutzer besser zu schützen © Justin Sullivan/Getty Images

Dass Mark Zuckerberg öffentlich um Entschuldigung bittet, ist nichts Besonderes mehr. Er tut es mindestens einmal im Jahr und sagt letztlich immer dasselbe: Andere Menschen seien leider der Ansicht, er verletze ihre Privatsphäre. Sorry. Sei nicht so gemeint. Vorige Woche war es wieder so weit.

Wäre Zuckerberg ein Nachbar, wäre die Sache einfach. Man würde ihn meiden. Doch der 26-Jährige hat Facebook gegründet, und das inzwischen größte Soziale Netzwerk auf dem Planeten steuert auf einen milliardenschweren Börsengang zu. Wenn Zuckerberg als Vorstandschef nicht weiß, wo Schluss ist, trifft es mehr als 470 Millionen Menschen. So viele Mitglieder hat Facebook.

Kürzlich kam heraus, dass die Firma nicht nur Statistiken, sondern auch die Namen von Nutzern an Werbekunden weitergereicht hat. Zugleich entrüstete es viele Mitglieder, dass sie bis zu 50 Einstellungen ankreuzen mussten, um ihre Privatsphäre zu schützen. Datenschützer und die Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ilse Aigner, prangern an, dass Zuckerberg auch über solche Menschen Informationen sammeln lässt, die gar keine Mitglieder sind. An diesem Donnerstag soll es ein Treffen zwischen der deutschen Ministerin und Vertretern von Facebook geben.

Die Menschen wissen um die Skandale, viele misstrauen der Firma, Zehntausende wehren sich – und bleiben doch. Aber warum? Warum sagen sie nicht, sorry, Mark – und gehen?

Das Netzwerk übt einen beinahe unheimlichen Sog aus. Mehr als 100 Millionen Mitglieder sind allein in den vergangenen fünf Monaten dazugekommen. In Deutschland hat sich die Zahl seit Januar auf 9,5 Millionen nahezu verdoppelt. Rund 200 Millionen Menschen auf der Erde besuchen ihre Facebook-Seite jeden Tag. Sie schreiben sich kleine Grüße und längere Botschaften, sie spielen, zeigen sich gegenseitig ihre Fotos, tun kund, was sie vorhaben, wo sie hinwollen. Und viele schmücken sich inzwischen mit den Marken, die sie mögen. Andere pflegen ihre beruflichen Beziehungen oder verbreiten, was sie vom Weltgeschehen wahrnehmen. Der amerikanische Präsident Barack Obama hat auf Facebook Wahlkampf gemacht. Paare fanden durch die Kontaktbörse ein Adoptivkind. Und in mindestens einem Fall kam ein Todkranker zu einer neuen Niere.

Anders gesagt, das Soziale Netzwerk ist für Millionen zur Kommunikationszentrale im Internet geworden. Damit liefert die Firma eine der potenziell verstörendsten und zugleich spannendsten Erfolgsgeschichten aus dem Silicon Valley.

So etwas wie Facebook hat es noch nicht gegeben. Die Internetsuchmaschine Google sammelt zwar ebenfalls unglaublich viele Informationen, kann sie aber nicht immer einer konkreten Person zuordnen. Wer bei Facebook mitmacht, speichert persönliche Informationen wie »meine Musik« oder »meine Lieblingsbücher« in Verbindung mit seinem wahren Namen und meist auch seinem Foto, sodass eine globale Datenbank des menschlichen Geschmacks entsteht.

Man kann Facebook aber auch als gigantisches Sozialexperiment begreifen. 470 Millionen Menschen unterwerfen sich den Grundregeln, die ein gerade mal sechs Jahre altes Unternehmen aufstellt. Und weil diese Regeln in Software gegossen wurden, sind sie bindender als ein Knigge und die Moralvorstellungen der Kirche. Menschen können fünf gerade sein lassen. Software kann es nicht.

Facebook maßt sich vor allem eines an: Es will bestimmen, was öffentlich ist und was privat und wie viel Selbstbestimmungsrecht der Einzelne in der Frage hat. Es ist eine zentrale Frage des digitalen Zeitalters, und Facebook-Gründer Zuckerberg hat eine klare Antwort darauf, da kann er sich noch so oft entschuldigen: Alle sollten offen sein, weil Offenheit zum Nutzen aller sei. Man könnte auch von einer Ideologie sprechen, die eine sehr praktische Seite hat: Je offener alle sind, umso besser kann das Werbegeschäft laufen. Geisteshaltung und Kommerz verbinden sich hier aufs Engste.

Menschliche Freiheit war immer begrenzt, sei es durch sozioökonomische Strukturen, das Geschlecht oder die Nationalität. Aber innerhalb dieser Grenzen haben Menschen die Regeln ihres Zusammenlebens ausgefochten: in alltäglichen Debatten, politischen Auseinandersetzungen und Religionskriegen. Der Soziologe Pierre Bourdieu hat dies in seinem Werk Die feinen Unterschiede beschrieben. Warum sind die Menschen jetzt gegenüber einem IT-Unternehmen so duldsam?