Sergeant Will Montgomery (links, Ben Foster) ist aus dem Krieg zurückgekehrt. Nachdem seine Verletzungen verheilt sind, erwartet ihn in der Army eine emotional sehr belastende Aufgabe unter Captain Tony Stone (Woody Harrelson) © Senator Film

Die Amtszeit des US-Präsidenten George W. Bush ist zum Glück Geschichte, aber das Leid, das er zu verantworten hat, bleibt unvergessen. Bushs Irakkrieg hat Hunderttausende das Leben gekostet, bis heute starben 4400 US-Soldaten, Unzählige wurden verstümmelt, verkrüppelt, traumatisiert. Viele Heimkehrer bringen sich um, landen hinter Gittern oder in der Gosse. Doch ihre zerbombte Psyche ist genauso unsichtbar wie die Verzweiflung der Hinterbliebenen. Obwohl der Krieg medial allgegenwärtig ist, bleibt das Leid stumm und ausdruckslos, ohne Anerkennung, ohne Namen und Bilder.

Die Literatur, aber vor allem das amerikanische Kino rebelliert dagegen, dass das Grauen im patriotischen Geschwätz verklärt und der Schmerz privatisiert wird. Filme wie The Hurt Locker von Kathryn Bigelow sprechen direkt und brutal vom Töten, sie zeigen US-Bombenentschärfer, denen der Horror zur Droge wird – sie brauchen ihn wie der Junkie den Stoff. Solche Filme sind nicht die besten, sie schielen auf den cineastischen Effekt, sie sind »embedded« und erleben den Krieg wie der Soldat im Humvee. Andere Filme, zum Beispiel Paul Haggis’ herausragendes Werk In the Valley of Elah, verlegen sich auf die grausame Diskretion und zeigen die Hölle, ohne dass man sie sieht. So ein Film ist auch Oren Movermans The Messenger – die letzte Nachricht. Der aus Israel stammende Regisseur weiß, dass der Schrecken am größten ist, wenn man ihm nicht die Ehre antut, ihn vorzuführen.

Movermans »Messengers« sind zwei Soldaten, die den Krieg hinter sich haben. Captain Tony Stone (Woody Harrelson) ist beim Golfkrieg mitmarschiert; Sergeant Will Montgomery (Ben Foster) beim Irakkrieg. Schwer verwundet und knapp dem Tod entronnen, wurde Will in die Heimat zurückgeflogen und von Ärzten wieder zusammengeflickt. Weil der mit viel Ordensblech behängte Kriegsheld noch ein paar Monate abdienen muss, wird er Captain Stone unterstellt, dem hartleibigen Chef eines Sonderkommandos. Diese Special Force hat nur eine Mission: Möglichst schnell, »noch vor den Fox News«, den Angehörigen von Gefallenen die Todesnachricht zu überbringen, Müttern und Vätern, Ehefrauen und Ehemännern. Die Todesboten läuten nicht an der Tür, sie klopfen nur, denn es könnte ja ein fröhliches Gebimmel erklingen. Sie sagen nicht »Guten Tag«, denn der Tag bringt nichts Gutes. Sie sagen immer, der Soldat sei im Kampf gefallen, auch wenn es ein Unfall war. »Wir bedauern den Verlust.« Manchmal informieren sie darüber, dass ein Sarg nicht geöffnet werden darf, »wegen des Anblicks«. Auskunft erteilen sie nur Angehörigen der »Priorität eins«. Weil die schwangere Verlobte eines Gefallenen nicht befugt ist, die Todesnachricht entgegenzunehmen, treten Will und Tony schweigend zur Seite und warten auf die Mutter. Mission accomplished.

Den meisten Angehörigen muss man nichts sagen, sie wissen sofort Bescheid. Einige sacken stumm in sich zusammen oder schlagen um sich, andere versteinern oder verlöschen einfach. Wenn die Untröstlichen vor Schmerz zu Boden gehen, dann dürfen sie von den Messengers nicht berührt werden, denn niemals darf das Militärische vor dem Menschlichen kapitulieren. Der Staat gibt dem Soldaten die letzte Ehre, aber er zeigt keine Gefühle. Kein Staat ohne Opfer. Den Rest erledigt die Beistandstruppe. »Wenn Sie Hilfe brauchen: Die Angehörigenbetreuung kümmert sich um Sie.«

The Messenger ist ein Stationendrama, eine Abfolge erschütternder Szenen, eigentlich eine Kriegshandlung im Frieden. Movermans Idee ist zwingend, und sie geht auf: Weil der Tod undarstellbar ist, muss man ihn perspektivisch brechen – in der Schockstarre der Hinterbliebenen, in der regungslosen Trauer der Kinder und den zerfurchten, schlecht vernarbten Gesichtern der Todesboten. Ben Foster und Woody Harrelson wachsen dabei über sich hinaus, sie sind großartig. Anfangs halten der Drill und die Uniform ihre Körper zusammen, aber unterm kahl rasierten Schädel wühlt der Wahn. Sie können sich an keinen Menschen binden, das Zarte und Gewaltlose ist für sie eine Regung von einem anderen Stern. Montgomery dröhnt sich mit Heavy Metal zu, Stone wechselt die Frauen wie das Hemd. Der Krieg hat sie aus der Welt geschossen.

Einmal schlägt Montgomery behutsam eine Klaviertaste an, der Klang berührt den Unberührbaren und übertönt für einen Moment sein Trauma. Moverman zeigt präzise, worin dieses Trauma besteht: Montgomery kommt die Vergangenheit, der Krieg, immer wieder aus der Zukunft entgegen, und diese Erinnerung ist wie eine Detonation, die die Dinge auseinanderfliegen lässt. Das höllische Stakkato zerfetzt die Wahrnehmung, es betäubt die Fähigkeit, einen Sinn in der Welt auszumachen. Es gibt keine Empathie mehr, nicht einmal mit sich selbst, nur Sergeant Montgomery scheint am Ende noch eine Chance zu haben, als er sich in eine Witwe verliebt. Man hört voneinander, aber vielleicht auch nicht.

Wer gegen militärische Gewalt bislang keine Abscheu empfunden hat, der wird sie bei Moverman lernen. Und wer gern über den postheroisch ermatteten Westen jammert, über die fehlende Bereitschaft zum Opfer, dem wird dieser Antikriegsfilm gewiss weiterhelfen. In The Messenger lässt sich der Tod in keinen patriotischen Sinn konvertieren. Der Tod ist absolut und liegt jenseits aller politischen Kategorien und Ziele, auch der moralisch legitimen. 

Aber der Film hält noch eine zweite Provokation bereit. Oren Moverman fragt, ob nicht die amerikanische Gesellschaft selbst schwer getroffen und verwundet ist. Jedenfalls zeigt er ein erschreckend graues und traumloses Amerika, eine seltsam abgestorbene, ziellos driftende und mit sich verworfene Welt. Von einem Soldaten heißt es, er sei ins Gefecht gezogen, weil er den Kriegszustand in seiner Familie nicht mehr ausgehalten habe, und als der einsame, mehrfach geschiedene Captain Stone am Schluss zu einem Häufchen Elend zusammensinkt, entkommt ihm ein nachgerade aberwitziger Satz. Stone, der Mann ohne Freunde, der süchtig nach Achtung und Aufmerksamkeit ist, empört sich darüber, dass im Golfkrieg niemand auf ihn geschossen habe. Nicht einmal der Feind hat es für nötig befunden, ihn eines Blickes zu würdigen und ihm eine anerkennende Kugel zu gönnen.

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