Londoner Frauenchor Gaggle Die große SchnatterSeite 2/2

Allein im britischen Fernsehen laufen derzeit zwei Singshows, The Choir und Last Choir Standing. Der Erfolg ist beträchtlich, Statistiker wollen herausgefunden haben, dass die Jugend seither wieder verstärkt Chören beitritt. Doch das sind Scheindemokratisierungen, denen ein Gaggle misstraut. Diese Shows sind Abkömmlinge der notorischen Superstar-Veranstaltungen, wo Halbwüchsige süßliche Songs zum Besten geben, um anschließend nach allen Regeln der Kunst vermarktet zu werden. Beim Fernsehsingen geht es darum, Schallplatten zu verkaufen, der stolze Antiprofessionalismus des Independent-Gesangs hingegen ermöglicht eine Erfahrung, die keine Tonkonserve vermittelt. Das könnte tatsächlich etwas Zukunftweisendes haben. Die Stimme war einmal das Urinstrument des Menschen. Sie wird es wieder sein, wenn das Interesse an industrieller Ware erloschen ist.

Am radikalsten hat diesen Gedanken bislang der Schotte Bill Drummond durchgespielt. Drummond, einst Kopf der Konzeptpopband KLF, gründete aus Melancholie über den verwalteten Zustand von Musik einen Chor namens 17. Die Mitglieder dafür rekrutierte er aus allen Teilen der Gesellschaft – 17 Kinder, 17 Alte, 17 Friseusen, einmal sogar 17 Angestellte einer McDonald’s-Filiale. Drummond brachte sie jeweils in einem Raum zusammen und ließ ihren Gesang von einem Toningenieur übereinanderschichten. Augenzeugen berichten, der Effekt sei überwältigend gewesen, sie hätten sich tatsächlich an himmlische Chöre erinnert gefühlt. Nachprüfen lässt sich das freilich nicht, denn die Aufnahmen wurden sofort wieder gelöscht. Den Sinn der Aktion legte Drummond in seinem Manifest 17 dar, in dem er die industrielle Konservierung von Musik für den Verlust ihrer Attraktivität verantwortlich machte und eine Rückkehr zum Selbermachen forderte.

Der Musikkonsum ist tot, es lebe das Singen – keine schlechte Idee, findet Deborah Coughlin, wenn auch vielleicht etwas männlich konzeptuell gedacht. Bei Gaggle steht das Soziale im Mittelpunkt: Der Star ist die Stimme selbst, nicht so sehr die Vorstellungen, die sich um sie herumranken. Deshalb auch der Name, Geschnatter: Man habe das Klischee von der Frau als schwatzhafter Gans ins Positive wenden wollen – Gänse sind nämlich in Wahrheit sehr soziale Tiere. Etwas Erhebendes hat es indes, wenn die Musik von zwei Dutzend Sängerinnen ein- und wieder ausgeatmet wird; es ist eine körperliche Erfahrung, die einen begreifen lässt, was Kollektive zustande bringen können, wenn sie einmal Vertrauen in sich selbst gefasst haben. Dass dieser orphische Ansatz nicht im Sinne der Musikindustrie sein kann, ist offensichtlich, allerdings führt am Amateurstatus ohnehin kein Weg vorbei: Leben lässt sich vom Singen nicht. Es kommt darauf an, was man daraus macht.

Die zentrale Botschaft des Gaggle-Hits »Flies«: Alle sind betrunken

Bei Gaggle ist alles selbst gemacht, von der Musik bis hin zu den Roben, die an einen psychedelischen Orden denken lassen. Das ist so gewollt, Gaggle versteht sich als spirituelle Schwesternschaft. Wer dem Orden der Gaggler beitritt, erhält eine neue Identität: Die Musikerin Dana verwandelt sich in Delilah, aus der Galeristin Sarah wird Luddite und aus Helen, der Journalistin, ein Wesen namens Wunderla. Manche finden das verwirrend, die erste Frage von Journalisten lautet meistens: Seid ihr Lesben? Coughlin mag solche Festlegungen nicht: viel zu orthodox gedacht. Gewiss ist Gaggle feministischen Ideen verbunden, auf Konzerten bauen Politaktivistinnen ihre Stände auf. Gaggle könnte aber auch eine gütige Monarchie sein oder ein Virus, der sich ausbreitet. Nicht zuletzt betreibt Gaggle eine elektronische Dependance.

Zur Demonstration klappt Coughlin ihren Laptop auf. Gaggle ist auf diversen Plattformen präsent, über YouTube gibt es Gaggle-Videos, über Facebook werden neueste Nachrichten aus dem Gaggle-Kosmos ausgetauscht, 1253 Personen gefällt das. Ein assoziiertes Gaggle-Mitglied versorgt die Gemeinde gar von Pakistan aus per Blog mit Einschätzungen, wie die Lage der Frau dort zu sehen ist. So kommt zwar kein Geld herein, aber man darf sich als Teil eines Netzwerks fühlen, und das ist in der Kälte des heutigen Berufsalltags auch etwas wert. Als virtuelle Gemeinschaft hat das Projekt Gaggle etwas von einem Pub, in dem das soziale Geschnatter auf elektronischen Wegen hin und her wandert. Und doch würde Gaggle nicht funktionieren, käme man nicht in regelmäßigen Abständen seinem Kerngeschäft nach: der Veranstaltung ekstatischer Gaggle-Konzerte.

Es sind die Konzerte, auf denen das Kollektiv aus seiner Virtualität heraustritt, die Community erkennt sich darin wie in einem Spiegel. Gaggle-Konzerte sind Kult, weil jeder, der sich dem Gaggle-Ansatz verbunden fühlt, auf Gaggle-Konzerten Kontakt mit etwas Größerem aufnimmt. Dass es dabei regelmäßig zu bacchantischen Szenen kommt, ist Teil des Vergnügens. Zu später Stunde, wenn das Geschehen sich in die George Tavern verlagert, wo oft bis in die Nacht hinein gefeiert wird, bewahrheitet sich die zentrale Botschaft des Gaggle-Smash-Hits Flies: »Mum’s drunk, Dad’s drunk, friend’s drunk, foe’s drunk, I’m a drunk, I’m a drunk, I’m a drunk«. Trinken macht nun einmal fast so viel Spaß wie Singen, sagt Deborah Coughlin. Noch spaßiger ist es nur noch, den ganzen Haufen zu leiten.

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Leser-Kommentare
  1. Danke für den tipp! Habe mir auf YouTube den Chor angeschaut und bin begeistert. Sie sind irgendwie grusleig aber sehr cool!

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