Schöne Hände. Gar nicht groß, mit langen, filigranen Fingern, die makellosen Nägel glänzen wie poliert. Klavierspielerhände, nur ist die Farbe der Haut nicht hell, sondern leicht gebräunt. Wer ganz genau hinsieht, erkennt aber die vielen kleinen Narben, die sich über die Gelenke und die Knöchel ziehen.

Mit einem doppelten Bruch des Daumens fing es an, Krankenhaus, drei Monate Pause, die Karriere stand auf der Kippe. Später das übliche Leid, Kapselrisse und Prellungen, Platzwunden und Stauchungen, irgendwann hat er die Befunde nicht mehr gezählt. Ist heute mal wieder ein Gelenk ausgekugelt, dann kugelt er es selbst wieder ein. Obwohl er seine Hände immer hinhält, um sie zwischen den Ball und sein Tor zu kriegen, hat Manuel Neuer immer aufgepasst und sie so gut es ging gepflegt. "Sie sind mein Kapital, ich muss drauf achten." Wenn seine Hände im Einsatz gewesen sind, zieht er die Handschuhe aus und schaut kurz nach. Die Zeit nimmt er sich, egal wie das Spiel gerade steht. Und später, nach dem Duschen vermutlich eine Handcreme? "Nein", sagt Neuer, "das nicht, Bodylotion reicht."

Mit seinem Verein Schalke 04 ist der 24 Jahre alte Torwart gerade deutscher Vizemeister geworden, was nichts anderes heißt, als dass sich für Neuer der Himmel aufgetan hat. Er kommt aus Gelsenkirchen, aus Buer, genauer gesagt. Seit seinem fünften Lebensjahr gehört er zu den Königsblauen. Sein Vater, ein Polizist, der damals auch das Stadion bewachte, nahm ihn bei Gelegenheit mit zu einem Bambini-Turnier. Auf einen wie diesen kleinen Manuel hatten sie alle gewartet, denn es fehlte ein Torwart. Wie das so ist im Fußball, der Neue ist der Doofe und kommt ins Tor. Dabei blieb es.

Mit 18 bekam er den ersten Profivertrag, vorbei damit die Jahre, in denen er sich Samstag für Samstag in der Fankurve für Schalke den Hals heiser schrie. Neuer wurde Stammtorwart, durfte nun selber über Glück und Unglück in der Region entscheiden. Kaum war er im Amt, wählte ihn der Kicker zum besten Torwart der Liga. Ihren Manu nennen die Fans seitdem verzückt "den Schnapper".

Er selber sagt über seine Heimatstadt: "Gelsenkirchen, das ist der Ort, von dem ich nicht wegwill." Doch so beschwörend diese Worte auch sind, es kann sein, dass sich dieser Wunsch nicht erfüllt. Manuel Neuer ist einfach zu gut.

Manchester United oder Bayern München, wenn wieder jemand anklopft und den Torwart kaufen will, dann ist auf Schalke Alarm, dann zieht Trainer Felix Magath die Zugbrücke schleunigst hoch. Alle können meinetwegen gehen, deutet er an, nur der Neuer nicht.

Der Mann wird gebraucht. In diesen Wochen ist er für Deutschland im Einsatz. Manuel Neuer ist von Bundestrainer Jogi Löw ausersehen, bei der Weltmeisterschaft in Südafrika den gegnerischen Stürmern die Moral und den Mumm zu nehmen. Er selber drückt es so aus: "Das Tor so klein und mich so groß wie möglich zu machen."

Das Trainingslager der deutschen Mannschaft auf Sizilien: Neuer trägt seine Dienstkleidung, eine schwarze Trainingshose mit den Initialen M. N., dazu ein T-Shirt mit dem Emblem des Deutschen Fußballbundes. Gerade hat er eine Runde Billard gegen sich selbst beendet, jetzt sitzt er an einem Tisch unter der italienischen Sonne. Ein paar Schritte entfernt beginnt das achte Loch des hoteleigenen Golfplatzes. Mit Golf hat Neuer aber nichts am Hut. Damit kann man ihn jagen. Andererseits hat er es auch noch nicht richtig probiert. "Mal eine Runde Minigolf", das war alles. "Ich bin immer Tennisspieler gewesen und natürlich Fußballer."

Wann ist ein Torwart gut? Beim Eishockey heißt es, man könne den guten Torwart daran erkennen, dass er im Getümmel möglichst lange oben bleibt. Wer aufrecht steht, der sieht mehr, und abgesehen davon: Kommt der Puck tief geflogen, dann hat der Keeper die Kelle. Und beim Fußball? "Möglichst viel von meinem Körper zwischen den Ball und den eigenen Kasten bringen." Das sei die Kunst, sagt Manuel Neuer. Wie man das hinbekommt, ist aber jedem selbst überlassen. Ebenso die Beantwortung der ewigen Frage, wann läuft man raus und wann bleibt man auf der Linie stehen? Hauptsache, am Ende ist die Kugel nicht drin. "Ein guter Torwart denkt nicht groß, er antizipiert die Situation, der ist da, wo der Ball ist, und holt ihn sich. Es ist ein Automatismus."

"Oh Herr, schick mir endlich Feinde"

Wenn er erzählt, hängt Manuel Neuer an das Ende eines Satzes manchmal noch ein kleines "ne" an. Viele Ruhrgebietsmenschen haben diese liebenswerte Eigenart, selbst wenn sie schon lange anderswo leben. Dieses "ne" sitzt tief drin, es unterstreicht das Gesagte noch einmal, es drückt aus: Also, Leute, das gerade eben war mir wichtig.

Von sich aus kommt der Torwart auf all die Jugendtrainer zu sprechen, die gleich abwinkten, wenn sie ihn auch nur von Weitem kommen sahen. Der Neuer ist doch viel zu klein! "Deshalb bin ich sogar aus der Westfalen-Auswahl geflogen, ne!"

Nicht jeder, der groß ist, ist automatisch ein guter Torwart. Damit tröstete er sich damals, als er 14 oder 15 war, die Tischkante nur unwesentlich überragte und sehnsüchtig auf "eine Wachstumsphase" wartete. In seiner Not besorgte er sich einen Zollstock und schaute nach, ob wieder ein Zentimeter dazugekommen war. Wann wird der Neuer länger? "Manche Trainer rieten mir, zu einem Chirurgen zu gehen, um meinen Kiefer oder die Knochen meines Handgelenks vermessen zu lassen." Eine verrückte Zeit, so eine Pubertät, zumal wenn man ein großer Torwart werden will. Mit dem Zollstock nahm Neuer bei seiner Mutter Maß, 1,74 Meter, danach überprüfte er den Vater, 1,89 Meter. Immerhin. "Irgendwann beschloss ich, mir keine weiteren Gedanken zu machen, ne."

Im Vergleich zu Oliver Kahn erinnert Neuer eher an einen Antihelden, an einen Stoiker im Tor. Statt wie ein Wahnsinniger von der Kette zu gehen, bleibt der Mann aus Gelsenkirchen auf den ersten Blick die Ruhe selbst. Zum Anpfiff wird erst mal ausgiebig in die Handschuhe gespuckt, dann dehnt Neuer seinen inzwischen 1,92 langen Körper auf gefühlte zwei Meter. Oft kommen in diesen Augenblicken schon die ersten Bierbecher geflogen, Feuerzeuge gehen hinter ihm nieder, die gegnerischen Fans skandieren, wie wenig sie von Neuer halten. Doch der stemmt nur erwartungsfroh seine Hände auf die Knie, und sein Gesicht hat noch immer diese jungenhaften Züge. Selten mal kommt es vor, dass er schreit oder wild herumfuchtelt, wenn er seine Vorderleute dirigiert. Selbst nach einem Tor hält er sich bedeckt. "Die Verteidiger dann auch noch niedermachen, also, das bringt doch nichts."

Aber er kann auch anders. Champions League 2008, Achtelfinale, Schalke gegen den FC Porto, die Heldenwerdung, ein Spiel für die Ewigkeit. Die Entscheidung im Elfmeterschießen. Auf diesen Abend kommt Neuer mit Andacht zu sprechen. Es war wieder so ein Anlass, das Tor kleiner und sich selber größer zu machen. Neuer machte damals in Porto ein Gesicht, das gar nicht mehr jungenhaft aussah. "Oh Herr", schien es zu signalisieren, "schick mir endlich Feinde." Ob er wirklich so gedacht habe? Neuer gibt zu, dass er schon ein Spielchen machen wollte damals in Porto. "Ich wollte dem Schützen zeigen, stell dir das, was jetzt kommt, bloß nicht zu einfach vor, ne!"

Damals hat Manuel Neuer die entscheidenden Schüsse gehalten und ganz Gelsenkirchen um den Verstand gebracht. Er selber blieb eher ruhig und spielte seine Glanztaten kräftig herunter. "Als Torwart kann ich in einem solchen Augenblick eigentlich nicht verlieren, das ist das Gute. Wenn einer beim Elfmeter Angst hat, dann ist das der Feldspieler. Ich warte einfach ab."

Übertrieben ist die Annahme, dass es ihm besondere Lust bereitet, sich heroisch in die Schussbahn gegnerischer Bälle zu werfen. Oder den Hals zu riskieren, wenn dem zermürbten gegnerischen Stürmer gerade der Sinn nach einem Frustfoul steht. Neuer zuckt nicht zurück, wenn ein Ball mit voller Wucht auf sein Gesicht geflogen kommt. Die Hände versucht er dazwischen zu bekommen, mehr nicht.

Die Angst trainiere man sich ab, erläutert er, aber das dauere seine Zeit. "Auf Schalke haben wir auch auf roter und schwarzer Asche geübt. Da hat kein Torwart Lust, sich zu schmeißen." Doch plötzlich mache der Körper mit – und auch der Kopf. "Es entwickelt sich ein Schutz, und all das Fausten und Fallen schmerzt nicht mehr."

Nach einem stummen Blick über den sizilianischen Golfplatz kommt Manuel Neuer auf die Heimat zu sprechen, auf den Gelsenkirchener Tennis-Klub (GTK). Man kann spüren, wie gut ihm der Themenwechsel tut. Der GTK, das ist Gelsenkirchen durch und durch. Ein behagliches Vereinsheim, Frikadelle 1,95 Euro, Toast Hawaii 4,90 Euro. Die Außenplätze werden von hohen Bäumen bewacht, eine grüne Idylle mitten im Revier. Hier spielt Manuel Neuer mit Marcelo Bordon oder einem von den Kollegen, der sonst gerade Zeit hat.

So war es auch an jenem Tag, als die Nachricht die Runde machte, dass René Adler wegen einer Verletzung bei der WM nicht mitspielen kann. Neuer stand nach dem Tennisspiel unter der Dusche. Als er das Handy wieder anstellte, quollen die Mails nur so aus dem Gerät heraus. Glückwünsche ohne Ende. Neuer konnte sich ausrechnen, dass er jetzt erste Wahl für das deutsche Tor geworden war.

Wohl war ihm nicht. Er profitierte vom Pech eines Kollegen. Er ließ Genesungswünsche ausrichten, dann beschloss Manuel Neuer, nur noch nach vorn zu gucken. Die Scouting-Abteilung des DFB ist dabei, alles über Australien aufzuschreiben, den ersten Gegner der deutschen Mannschaft. Welche Eigenart haben die Stürmer, wo schießen sie hin?

Manuel Neuer hat seine Hände auf dem Tisch zusammengefaltet. Er betrachtet sie zufrieden. Dann drückt er sich mit der Linken auf die Brust. Es knackt. Ein Rippenbruch oder die Hand verletzt? Bloß nicht. "Ein Scherz, ne!" Der deutsche Torwart gibt keinen Anlass zur Sorge.