Früher hat sie Zettel an Bäume genagelt. Darauf standen die Namen von Ärzten, die sich weigerten, Frauen die Pille zu verschreiben. Das war vor über 30 Jahren. Damals kämpfte Melitta Walter für Frauen.

Heute geht es ihr um Mädchen – und Jungen. Mit einer PowerPoint-Präsentation und vielen Argumenten zieht sie durch die Kindergärten und bildet Erzieher fort. Sie will ihnen beibringen, ihre Schützlinge »geschlechtergerecht« zu behandeln. Gender-Pädagogik nennt sich das. Kinder sollen sich so entwickeln, wie sie wollen. Nicht wie die Gesellschaft es oft will: mädchenhaft und jungenhaft. Rosa und hellblau. Gender-Pädagogen verneinen nicht, dass viele Jungen lieber toben und Mädchen sich schon früh mit Büchern beschäftigen. »Wir wollen Mädchen und Jungen nicht gleich machen«, sagt Melitta Walter. »Sie sollen nur so viel ausprobieren dürfen, wie sie möchten.«

Zwanzig Frauen sitzen an diesem Freitagmorgen im Stuhlkreis um Melitta Walter. Die Bauklötze bleiben in den Kisten, die Kinder zu Hause. Der Beamer wirft eine Anzeige an die Leinwand. Pinkfarbene Turnschuhe, mit Perlen und Pailletten, mit Glitzer, Blümchen und mit Schmetterlingen. »Für Mädchen gedacht. Für ein gutes Fußklima gemacht«, steht darüber. Ein paar Erzieherinnen schmunzeln, andere verdrehen die Augen. »Meine Tochter ist zweieinhalb Jahre alt«, sagt eine, »sie will eigentlich eher die Jungsschuhe in Blau, aber ich kaufe ihr trotzdem die glitzernden.« Warum? »Weil sie mir gefallen.«

Melitta Walter will, dass die Erzieherinnen ihre eigenen Rollenklischees hinterfragen. Wer wisse, welches Bild er von Frauen und Männern habe, der gehe auch bewusster mit den Kindern um. Später wird Walter in den Bilderbüchern und der Verkleidungskiste nachsehen, ob sich dort Rollenbilder verstecken.

Erwachsene haben ein Bild im Kopf, wie kleine Jungen und Mädchen sein sollten, und zwängen sie, bewusst oder unbewusst, in diese Rollen: Dabei häufen sich Kleinigkeiten, wie die pinkfarbenen Schuhe, darauf macht Melitta Walter aufmerksam. Mehr als 1000 Erzieherinnen und Erzieher hat sie bundesweit schon fortgebildet. Inzwischen ist sie 61 Jahre alt. Sie ist ausgebildete Krankenschwester, Erzieherin und ehemalige Pro-Familia-Bundesvorsitzende. Sie hat Bücher geschrieben und in München die Fachberatung »Geschlechtergerechte Pädagogik und Gewaltprävention« aufgebaut. Die ist bundesweit einzigartig.

Alle Bundesländer haben das Ziel der geschlechtergerechten Erziehung in ihre Bildungspläne geschrieben, mal mehr, mal weniger deutlich. Übersetzt ins Deutsche, bedeutet das englische Wort gender gesellschaftliche, soziale und kulturelle Geschlechterrollen, die von früh auf erlernt sind und das Verhalten prägen, ob im Kita-Alltag oder später in der Schule.

Tim Rohrmann forscht seit 15 Jahren zum Thema geschlechtsbewusste Pädagogik, er gilt als Experte auf diesem Gebiet. »Man kann sicherlich nicht sagen, dass der Kindergarten schuld ist, wenn Jungen seltener Abitur machen«, sagt der Diplom-Psychologe. »Wir sehen bei Jungen und Mädchen aber deutliche Entwicklungsunterschiede – beim Bildungserfolg, beim Leseinteresse, in den Naturwissenschaften. Nur, wie entstehen diese Unterschiede?«