Eben noch paradierten sie in ihren Uniformen unter dem Jubel der Bevölkerung durch die Straßen von Paris, Berlin und Wien, im nächsten Bild sind sie nur noch verwesende Körper, die an einem sonnigen Tag des Jahres 1914 auf einem namenlosen Feld von Krähen zerpickt werden – mit dieser Sequenz eröffnet der französische Zeichner Jacques Tardi seinen Comic Elender Krieg. Der erste Teil, 1914–1915–1916, ist 2006 erschienen, Teil zwei ist für dieses Jahr angekündigt.

Auf einem Szenario des Historikers Jean-Pierre Verney beruhend, der außerdem eine militärhistorische Analyse sowie Fotodokumente beigesteuert hat, führt Tardi vor Augen, welche Folgen die auf hohe Opferzahlen und Profit gerichtete Modernisierung der Kriegsmittel hatte: Er zeigt das Leiden und Sterben der Soldaten in aller Drastik, zeigt die zerfetzten, zerstückelten Leiber und kontrastiert diese Bilder mit den kriegsverherrlichenden Reden der mächtigen »alten Männer«. Das ist nicht besonders subtil, seine aufklärende Wirkung aber verfehlt es nicht: Elender Krieg ist, trotz seiner nicht unproblematischen Schreckensästhetik eine hervorragende Lektüre für den Geschichtsunterricht.

Tardis Bildromane – darunter weitere Werke über den Ersten Weltkrieg und eine Schilderung der Pariser Kommune – zählen zu einem Genre, das zwar nicht neu ist, aber seit einiger Zeit geradezu boomt: Von Marjane Satrapis Erinnerungen an ihre Kindheit in Iran (Persepolis) bis zu Flix’ Cartoons über die Wendezeit (Da war mal was…) sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Comics erschienen, in denen historische Ereignisse nicht bloße Kulisse, sondern das eigentliche Thema sind.

Comic-Bibel von Robert Crumb. Hier die Geschichte von Sodom und Gomorra © Robert Crumb/Carlsen Verlag

In Frankreich hat das Bearbeiten historischer Stoffe im Comic eine lange Tradition. So teilt Jacques Tardi nicht nur das pädagogische Anliegen mit dem bis heute verehrten Hergé, dem Gründervater der franko-belgischen Comics, der in den zwanziger Jahren in einer katholischen Jugendzeitschrift erstmals seine Reiseabenteuer mit dem vorbildhaften Tintin (Tim und Struppi) veröffentlicht hat. Auch in seinem oft groben Strich orientiert sich Tardi an dessen Werken: Hergé prägte mit seinen Arbeiten den bis heute wichtigsten europäischen Comicstil, die ligne claire.

In den Comics der »klaren Linie« herrschen flächige Farbgebungen und stilisierte Figuren vor; die einzelnen Bilder (Panels) sind übersichtlich geordnet und durch Rahmen voneinander getrennt. Nichts soll vom Wesentlichen ablenken: von der erzählten Geschichte. In wöchentlichen Fortsetzungen entwerfen Hergé und die ihm nachfolgenden Zeichner über Monate und zum Teil Jahre hinweg weit ausholende Abenteuer-Epen – eine Grundvoraussetzung für die im franko-belgischen Raum dann zahlreich entstehenden historischen Bildgeschichten.

Eine ganz andere Entwicklung hat der Comic in den USA genommen. Ende des 19. Jahrhunderts erscheinen in den Sonntagsbeilagen der damals entstehenden Boulevardzeitungen erstmals bunte, ganzseitige Comics, auf denen sich Lausbuben in fröhlicher Anarchie tummeln. In der Folge entwickelt sich der Zeitungs-Comicstrip, eine täglich fortgesetzte Bildfolge, kurze Stücke, die ein weniger gebildetes erwachsenes Publikum unterhalten sollen.

Es sind vor allem europäische Emigranten, die diese Form der Bildgeschichte popularisieren. Als findige Verleger die Strips zu Heftchen kompilieren, ist das comic book geboren, das Comicheft. Kleinformatig und billig, bringt es von den dreißiger Jahren an eigene Sujets und Figuren hervor, zunächst vor allem Superhelden wie Superman, Batman und Captain America, deren Abenteuer für ein pubertierendes männliches Publikum erzählt werden.