Arbeiten in Japan Feierabend für Frau KishimotoSeite 3/3
Ein 50-jähriger Durchschnittsjapaner hat laut dem Japan Institute of Labour im Jahr 33,1 Tage bezahlten Urlaub, nimmt davon aber nur 8 Tage in Anspruch. Die Freizeitverweigerung japanischer Arbeitnehmer geht so weit, dass Konzerne wie der Narita-Flughafen, an dem Miyamoto arbeitet, ihren Mitarbeitern zwei Urlaubstage schenkten, wenn sie sich doch bitte einmal länger als drei Tage am Stück freinähmen. Der Kosmetikhersteller Shiseido schaltet um 22 Uhr in allen Büros die Lichter aus, um die Mitarbeiter zum Feierabend zu zwingen. Bei Nippon Oil darf sich kein Mitarbeiter ohne Genehmigung nach 19 Uhr auf dem Firmengelände aufhalten, Workaholismus streng verboten. Während in Deutschland die Sorge um zu wenig Freizeit meistens aufseiten der Arbeitnehmer besteht, sorgen sich in Japan umgekehrt die Chefs um die Arbeitswut ihrer Untergebenen.
Japaner haben im Schnitt sogar fünf Tage mehr Urlaub im Jahr als Deutsche. Theoretisch. Dazu kommen 14 gesetzliche Feiertage, von denen es in Deutschland, je nach Bundesland, nur 9 bis 13 gibt. Wenn sie Lust hätten, könnten Japaner den Deutschen die Strände auf Mallorca streitig machen – aber sie wollen nicht. Man kann das überfleißig nennen oder dumm – oder verstehen, was Kishimoto sagt: »Es bringt mir nichts, Urlaub zu haben, wenn ich mich dabei schlecht fühle.«
Wer Japan nicht versteht, sollte den deutschen Botschafter in Tokyo, Volker Stanzel, besuchen. Stanzel, studierter Japanologe, ist Japan-Erklärer von Beruf. Gerade haben ihn drei Abgeordnete des Bundestages besucht. Alle fragen immer dasselbe: Warum sind die Japaner so? Stanzel zieht in seinem Büro die Jalousien zu. »Japan muss man sich als Kollektiv denken. In japanischen Unternehmen entscheidet nicht der oberste Chef, sondern die Gemeinschaft.«
Deshalb sei die Anwesenheit der Mitarbeiter auch so wichtig. »Man ist im Büro, weil alle da sind, aber nicht, weil so viel zu tun ist.« Deshalb werde auch nicht von zu Hause gearbeitet – man könne das Großraumbüro ja nicht mitnehmen. Dann sagt Stanzels Mitarbeiter, der Arbeitsmarktexperte Martin Pohl, etwas Interessantes: »Japanische Firmen haben eine andere Prioritätensetzung. Zuerst kommt der Kunde, dann der Mitarbeiter, dann der Gewinn. Das ähnelt mehr dem rheinischen Kapitalismus als unserem Shareholder-Value-Denken in Deutschland heute.«
Rheinischer Kapitalismus am Sumida-Fluss? Treffen Deutsche in Japan auf das, was die Bonner Republik einst war, niedrige Managergehälter, eine solide Mittelschicht, Wohlstand für alle? Womöglich. Selbst das neue Prekariat, das viele in Japan entstehen sehen, erweist sich bei genauem Hinsehen als eine Klage auf hohem Niveau. Zwar ist in Japan mittlerweile ein Drittel der Erwerbstätigen als Zeitarbeiter ohne Kündigungsschutz angestellt. Tatsächlich bedeutet das aber nicht, dass die Arbeitgeber von diesem Kündigungsrecht auch in großem Umfang Gebrauch machen. Japaner arbeiten im Schnitt immer noch 12,1 Jahre für ein Unternehmen, mit steigender Tendenz, so lange wie in keinem anderen Industriestaat der Erde.
Was also bleibt vom Klischee des Ameisenvolkes, auf dessen Schreibtischen die Lampen jedes Jahr tatsächlich ein paar Stunden länger brennen als in Deutschland, auch wenn das nicht mehr Arbeit bedeutet?
Scheinbar leben viele Japaner im Korsett einer freiwilligen Selbstkontrolle, einer Sehnsucht nach dem Glück des Fleißigen, während viele Deutsche sich im Strandsessel bei einer Piña colada am ehesten in ihrer Würde als Mensch bestätigt fühlen.
Manchmal verschwimmen die Unterschiede zwischen beiden Ländern aber auch in ihr Gegenteil. Manager Miyamoto hat mehr Ehrfurcht vor der Arbeitsmoral in Deutschland als vor seiner eigenen. »Sie kennen wirklich Anwälte großer deutscher Kanzleien, die am Sonntag ins Büro gehen?«, fragt er und staunt. »Sehr fleißig, ihr Deutschen, wirklich sehr fleißig!«
- Datum 05.06.2010 - 18:02 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.06.2010 Nr. 23
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um so Arbeiten zu können. In diesem tristen Deutschland vergeht einem das Arbeiten. Immer mehr druck, mehr Leistung in noch kürzerer Zeit. Klar das hier die Arbeitsmoral so schlecht ist. Hier kommt erst der Kunde, dann der Chef, und dann, ganz zum Schluss, dann kommen die Angestellten.
Japan, was für ein Land...
ich habe schon vor zehn Jahren mit Japanern zusammen gearbeitet...
...die wahren zwar zu Überstunden verpflichtet und länger im Betrieb, haben natürlich auch viel gelacht, was sehr angenehm war,
aber hätte ich deren Tagesleistung bringen müssen, hätte ich gemütlich zur Mittagspause Feierabend machen können^^
Ich habe nix gegen die Japanische Arbeitsmoral, die ist klasse...
...nur der Druck, der mittlerweile auf und Teutonen ausgeübt wird, stinkt zum Himmel!
Kapitalisten dieses Landes - ich mag Euch nicht - aber ihr solltet Vorsicht walten lassen.
Wa, Hundt & Co
Ich lebe nun seit 10 Jahren in Japan, war davon 8 Jahre in verschiedenen Unternehmen als Manager taetig. Wie immer gilt es Honne (die Wirklichkeit) von der Tatemae (Aussenansicht, "so wie es sein soll") zu unterscheiden.
Die japanischen Arbeitsgesetze sind den Deutschen ueberlegen wie im Bericht nachzulesen, aber der mentale Druck der bei der Arbeit herrscht ist kaum zu vergleichen.
Als Beispiel, bevor ich mich selbstaendig machte hatte ich 8 Jahre lang nie mehr als zwei Wochen Jahresurlaub. Auf dem Papier standen 18 Tage (als Expatriate sogar 25), doch diese nimmt man nicht. Besonders da die Auslaender belaechelt werden wenn sie von drei Wochen Sommerurlaub schwaermen (besonders die Deutschen). Hinzu kommt, dass meine Japanische Frau nie mehr als 8 Tage Urlaub nimmt (da ihre Kollegen fuer sie einspringen muessen) und das wenn ganz Japan in den Urlaub geht (Obon und die "goldene Woche").
Ein anderer Punkt sind die Ueberstungen. Die genannte Regelung gilt nur fuer Sachbearbeiter. Manager wie ich es war haben keine festgeschriebenen Arbeitszeiten und sind verantwortlich fuer die Leistung der Gruppe. Also gilt es alles das was liegenbleibt selbst zu tun. Und vieles bleibt liegen denn die Japaner arbeit sehr ineffektiv.
In einem macht es Japan jedoch leicht; die Selbstaendigkeit und der Aufbau des eigenen Unternehmens ist ein Traum im Vergleich zu Deutschland. Und Spass macht es zudem auch noch.
von leuten wie ihnen wünsche ich mir solche artikel über japan =) da erfährt man wirklich mal wie es läuft, obwohl ich den artikel eigentlich auch ganz gut fand
von leuten wie ihnen wünsche ich mir solche artikel über japan =) da erfährt man wirklich mal wie es läuft, obwohl ich den artikel eigentlich auch ganz gut fand
von leuten wie ihnen wünsche ich mir solche artikel über japan =) da erfährt man wirklich mal wie es läuft, obwohl ich den artikel eigentlich auch ganz gut fand
"Zuerst kommt der Kunde, dann der Mitarbeiter, dann der Gewinn."
Eine Reihenfolge gibt es in vielen Firmen in Deutschland nicht mehr.
Dort gibt es nur den Gewinn.
Kunden sind ein notwendiges Übel und Mitarbeiter eine Ressource wie ein Einwegkuli.
Sehr gut, dass hier endlich mal angesprochen wurde, was wir von den Japanern lernen können:
Menschen haben in Japan nicht nur mehr Spaß bei der Arbeit, sondern (und vor allem) die kleinen Lichter wie der Taxifahrer, der kleine Beamte, der Schaffner etc. sind STOLZ auf ihre Arbeit und was sie leisten. Der Kunde bekommt einen Service, der für deutsche Augen schier unglaublich ist und im Schnitt fühlen sich alle viel wohler dabei.
Während in Deutschland ein Klima herrscht, in dem die Verantwortung des Arbeitgebers an der Firmentür aufhört und ein Klima der Angst absichtlich und systematisch geschürt wird, um die Mitarbeiter gefügiger zu halten (und dadurch an allen Ecken Leistungen in jeder Form gekürzt wird), übernimmt eine japansiche Firma die Verantwortung für die Menschen, die in ihr arbeiten, und diese Menschen wiederum die Verantwortung für die glücklichen Kunden.
Fehlanzeige in Deutschland, wo der Sekretärin indirekt gesagt wird, dass sie eigentlich eine nutzlose Funktion in der Firma einnimmt, weil sie ja keinen Umsatz generiert.
Ich muss mich sehr schämen, wenn ich meinen japanischen Freunden und Geschäftspartnern erklären muss, warum sie im Restaurant und im Supermarkt frech und lustlos bedient werden. Die erstaunte Antwort "aber UNSERETWEGEN hat die Frau doch ihren Job" kommt immer wieder - und wird in Deutschland schon im Ansatz nicht verstanden.
Peinlich peinlich ...
Ich weiß es nicht, aber ich glaube kaum das es in Japan so sozial zugeht wie hier beschreiben, auch wenn das sehr schön wäre für die Japaner.
Es würde mich freuen wenn „unseren rheinischer Kapitalismus“, der hierzulande beinahe komplett ausgelöscht wurde, in diesem faszinierenden Land weiterleben könnte.
Arbeitnehmer die zuviele Überstunden machen plus zuviele Arbeitslose ergibt...? Fragen sie ihren Doktor oder Intelektühlen nach einer Idiologischen Philosophy mit Ergebnis
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