James Harding, Chefredakteur der "Times" © Arthur Edwards/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Noch vor drei Jahren sprach Ihr Chefredakteurs-Vorgänger von einer profitablen Times binnen kürzester Zeit und prophezeite, dass britische Zeitungen gewissermaßen bald die Welt regieren würden. Im letzten Jahr machten Times und Sunday Times zusammen 80 Millionen Pfund Verlust, und Sie wollen sich Ihren Onlinedienst jetzt bezahlen lassen. Was ist da schiefgegangen?

James Harding: Lassen Sie mich versuchen, das zu erklären. Es ist ganz sicher richtig, dass wir es heute mit einer globalen Kommunikation zu tun haben und dass englischsprachiger Journalismus nie zuvor ein solch glorreiches Zeitalter erlebt hat. Ein kleines Beispiel: Unsere Kollegin Caitlin Moran hat neulich ein Interview mit Lady Gaga geführt, während beide nachts in Berlin unterwegs waren. Minuten nachdem wir das veröffentlicht hatten, schwirrte es einmal rund um die Welt, wurde aufgegriffen und kommentiert. Wir haben englischsprachige Leser in den Vereinigten Staaten und Australien, in Indien und Afrika und auch in Kontinentaleuropa. Das glorreiche Zeitalter geht leider mit einem destruktiven Geschäftsmodell einher. Der Bereich frei gesendeter, lediglich werbefinanzierter Inhalte hat bestimmt zugelegt, vor allem rund um die Suchmaschinen, bloß nicht annähernd genug bei Nachrichten und Informationen. Wir wollen, dass die Times wieder eine profitable Nachrichtenorganisation wird. Ich bin Journalist und will sicherstellen, dass wir weiterhin in Journalismus investieren. Die Frage ist: Glauben Sie, dass das digitale Anzeigengeschäft schnell genug wächst und sich auf unserem Feld schnell genug ausdehnt, um unsere Reporter in aller Welt zu finanzieren? Wenn die Antwort Nein lautet, muss man die Leute bitten, zu zahlen.

ZEIT: Wären Sie diesen Weg auch gegangen, wenn nicht Rupert Murdoch, zu dessen News Corp. die Times gehört, die strategische Entscheidung gefällt hätte: Die Times soll vorangehen?

Harding: Wissen Sie, man muss dieses Unternehmen bewundern. Alle sagen: Das ist eine schlechte Idee, ihr seid verrückt, und es wird nie funktionieren. Und ein ums andere Mal hat Murdochs News Corp. alle verblüfft – sei es in den USA mit dem Kauf des Wall Street Journal oder in Großbritannien mit dem Start von Sky oder vorher mit dem Kauf der Times und der Sunday Times . Ich fühle mich ermutigt dadurch, dass es dieses Unternehmen ist, das den Schritt macht. Man hatte allerdings das Gefühl, dass irgendjemand eine solche Entscheidung treffen musste...

ZEIT: ...die ganze Welt hat ja darauf gewartet.

Harding: Genau, und man hört die ganze Zeit: Ihr seid so mutig, so tapfer, viel Glück! Ich sehe das etwas anders. Schauen Sie sich all die Leute an, die ihren Journalismus immer noch verschenken, die sagen: »Wissen Sie was, wir nehmen unsere ganze Berichterstattung, unsere Meinungsartikel, unsere Kritiken und all unsere wunderbaren Fotografien, Grafiken und Videos und sagen unseren Lesern und Zuschauern: Das ist alles wertlos, wir geben es euch umsonst.« Da kann ich nur sagen: Viel Glück! Denn das wird nicht funktionieren. Es stimmt, dass wir jetzt ein Risiko eingehen, aber es ist längst nicht so groß wie das Risiko, das wir bislang eingegangen sind.

ZEIT: Als größte Gefahr gilt, dass Sie sich mit einem zu bezahlenden Onlineangebot um Ihre Leser bringen und bedeutungslos werden.

Harding: Da sage ich nur: Schauen Sie sich die Geschichte der Times an. Was alle Gespräche beherrscht, sind gute Geschichten – daran glaube ich viel eher als an Konnektivität oder Netzwerkfähigkeit. Wenn Sie eine fantastische Story haben, schaut jeder hin. Dafür kennt man uns: Exklusivgeschichten und Berichte aus aller Welt. Müssen wir uns ein paar clevere Dinge einfallen lassen, um sicherzustellen, dass alle wissen, was in der Times steht? Ja, natürlich. Wir werden Teil der Konversation auf Twitter sein und Blogs intelligent benutzen, um Diskussionen über unsere Berichte in Gang zu setzen, aber: Wir sind nicht die wöchentliche Hobbygärtnerpostille, wir sind die Times . Wir werden täglich von zwei Millionen Menschen gelesen. Jede Woche verkaufen wir über zwei Millionen Exemplare der Times und der Sunday Times . Unsere Reporter treten im Fernsehen und Radio auf, sie twittern, sie bloggen – nein, ich habe wirklich keine Angst, dass über uns nicht mehr geredet wird.

ZEIT: Es ist aber zu hören, dass Ihre Kommentatoren nervös sind. Sie fürchten das Beispiel der New York Times, die ihre Starkolumnisten im zu bezahlenden Angebot versteckte, woraufhin sie weniger gelesen wurden.

Harding: Die New York Times hatte zwei Probleme. Zum einen bat sie ihre Internetleser in einem Moment zur Kasse, da der digitale Anzeigenmarkt gerade boomte, und dann haben sie die Nerven verloren und das Modell wieder aufgegeben. Aus heutiger Sicht ärgern sie sich bestimmt, denn unser Beispiel zeigt schon jetzt: Hätten sie damals begonnen, den Kreis ihrer zahlenden Leser langsam zu vergrößern, hätten sie inzwischen ein hochrespektables Geschäft. Zum anderen waren ihre Kolumnisten die Einzigen, für die man zahlen musste, während der Rest der Zeitung umsonst zugänglich war, und das hat ein verrücktes Ungleichgewicht geschaffen. Bei uns ist das anders. Um eine berühmte Formulierung zu bemühen: Wir sitzen alle im gleichen Boot.