Auf einem unwirtlichen Gelände am Rande von Rom hat der Zirkus seine Wohnwagen und Container aufgestellt. Irgendwo zwischen Industriebrache, Vorstadtsiedlung und Schnellstraße. Nicht mehr richtig Stadt und noch nicht Land. Zwischen dem Mythos vom selbstbestimmten, freien Zirkusleben und den realen Festungen des sozialen Wohnungsbaus, die die Wagenburg umgeben, hat das Dokumentarfilmer-Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel sein Spielfilmdebüt La Pivellina angesiedelt.

Zu den Dreharbeiten zogen die Regisseure in die Wohnwagen des Zirkustrupps, den sie bereits bei ihrem Dokumentarfilm Babooska (2005) kennengelernt hatten. Gemeinsam mit dem Artistenpaar »Patti« Patrizia Gerardi und Walter Saabel entschied man, in authentischer Kulisse und im freien, improvisierten Spiel La Pivellina , auf Deutsch: »die Kleine«, zu entwickeln. Eine Geschichte, die ohne den Zirkuskitsch von ewiger Kindlichkeit, weltheilendem Staunen und alles verzaubernder Gaukelei auskommt. Im Gegenteil, in La Pivellina ist die Zirkusnaivität zusammen mit der wundervollen Heldin Patti längst in die Jahre gekommen. Und das Gesicht der 60-jährigen Artistin erzählt von einem Leben, in dem triumphierender Tusch und Bühnenrausch nur eine Nebenrolle gespielt haben können.

Gleich in der ersten Einstellung zeigt Rainer Frimmels immer leicht erhöhte »antirealistische« Handkamera Pattis zündkopfroten Haarschopf, der regelrecht durchs Bild zu glühen scheint. Sie folgt ihr bei der Erkundung des Geländes zwischen dem Matsch des Winterlagers und den Häuserschluchten der angrenzenden Siedlung. Patti sucht Hercules, »das Geschwür von einem Hund«, wie sie den kleinen Köter nennt – und findet Asia. Ein etwa zweijähriges Mädchen, das mutterseelenallein auf einer Schaukel hockt und in seinem knautschigen rosa Schneeanzug wie ein gigantisches Sahnebonbon aussieht. Patti nimmt das Kind mit. Sie trommelt die Nachbarschaft und ihren Lebensgefährten, den deutschen Clown und Kleintierdompteur Walter, zusammen. Über das zufrieden vor sich hin schnullernde Mädchen gebeugt, verteilt Patti neue Aufgaben an alle. Windeln müssen her und Anziehsachen. »Aber bloß nichts in Rosa!« Das Leben, so wie Patti es kennt, hat nichts von einem Baiser.

In militärischem Grün und mit übergroßen Gummistiefeln, sehen wir Asia bald mit dem Nachbarsjungen Tairo quietschvergnügt durch Schlammpfützen ziehen. Der 14-Jährige war kaum älter als das Mädchen, als er seine Eltern verlor und sich vom Zirkusvolk adoptieren ließ. Mit jedem weiteren aus dem Gauklertrupp einspringenden Babysitter deutet der Film eine andere, zumeist tragisch verlaufende Familiengeschichte an. Etwa die von Walter, der gelegentlich vom Krieg, aber niemals von der eigenen Geschichte spricht. Von der Nachbarin mit den grünen Lockenwicklern, die nicht versteht, warum ihr die Stadt schon wieder den Strom abgedreht hat, obwohl sie inzwischen sesshafter als ein Kirchturm sei. Die biologische Verwandtschaft schneidet im Vergleich zur international durchmischten Wahlfamilie der Artisten verheerend ab – eines Tages meldet sich Asias Mutter doch noch per Brief und fordert das Kind zurück, das sie vor Wochen aussetzte.

Der Zirkus als glanzloser Lebens- und Warteraum, aber auch als familiales Sammelbecken. Und kleine Utopie. Mit Patti, die mit der Würde einer Anna Magnani und einem Herzen größer als ein Einkaufszentrum ausgestattet ist, hat er eine Heldin gefunden, der man das blond gelockte Findelkind auf ihrem Schoß nur allzu gern gelassen hätte.