Ja, er hat mit Madonna geschlafen. Malte in Armani-Anzügen. War reich. Berühmt. Kaputt. Nahm Heroin und starb daran mit 27 Jahren in einem New Yorker Loft, das Andy Warhol gehörte. So weit die Eckdaten zu Jean-Michel Basquiat, dem ersten dunkelhäutigen Künstler, dem Weltruhm zuteil wurde. Nach seinem Tod sah es bald so aus, als seien dies die einzigen Dinge, die es lohnten, von ihm in Erinnerung zu behalten. Seine Kunst, bunt, wild und teuer, schien ein Nebenprodukt seiner Biografie, wie der Dosenprosecco von Paris Hilton: prickelnd, aber nur an der Oberfläche.

Bis heute lastet der Generalverdacht auf ihm, ein hochgehyptes Maskottchen des Kunstmarktes der achtziger Jahre zu sein, ein williges Opfer von Galeristen, Talkshows und Boulevardblättern, das einzig das Ziel verfolgte, berühmt zu werden. Vielleicht liegt es daran, dass, von wenigen Ausnahmen abgesehen, kaum ein Museum auf der Welt seine Bilder erwarb. Stattdessen, auch dies anscheinend symptomatisch, wurden sie von Stars gesammelt, von Richard Gere, John McEnroe oder Lars Ulrich, Schlagzeuger der Heavy-Metal-Band Metallica. Doch nun, da er in diesem Jahr 50 geworden wäre, räumt die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel ihm zu Ehren zehn ihrer edlen Säle leer, um nicht das Leben des Künstlers, sondern dessen Kunst auszustellen. Sie hat recht daran getan.

Auf den großformatigen Arbeiten Basquiats tummeln sich scheinbar naive Illustrationen von Flugzeugen und Häusern, Masken, die an Robotergesichter erinnern oder auch an Schädel, Wörter und Wortfragmente, dünne Kreidestriche, aber auch pastose Schlieren von Acrylfarbe. Die malerische Geste steht neben der kleinteiligen Skizze, grelle Farbigkeit neben blasser Zeichnung auf meist unbehandelter Leinwand. Es herrscht ansteckende Unruhe, auch eine gewisse Hektik und Flüchtigkeit in diesen Bildern. Wie aber Basquiat das Unverbundene und Heterogene in einem Bildfeld zu einer Komposition zusammenspannt, die auf jede perspektivische Tiefe verzichtet, das prickelt nicht nur, das berauscht.

In Aaron I, einem frühen Werk aus dem Jahr 1981, dominieren die schwarzen Linien eines Gesichtes mit grimmigem Mund, gemalt auf einer Fläche, die übersät ist mit comicartigen Zeichnungen von Autos, von denen zwei ineinandergerast sind. Buchstaben, aus denen sich der Bildtitel zusammensetzt, verteilen sich dazwischen, formen ein »rron«, ein »aa«, ein »rrr«, sie verstärken den Lärm und die Aggressivität der dröhnenden Großstadtszenerie. Die Schriftzeichen werden zu Bildzeichen und die breiten, grauen Pinselstriche am Rand und im Zentrum des Bildes zu Bremsstreifen auf dem blassen Asphalt der Leinwand. Die Hektik der Zeichnung entspricht ihrem Thema.

Die Kombination von Wörtern mit einer abstrakten Malgeste ist keine Erfindung Basquiats. Er hat die Idee vermutlich von Cy Twombly, mit dem er häufig verglichen wird. Doch Basquiat ist das Bedeutungsheischende aus dem Werk des Kollegen fremd. Aus seinen Bildern bricht spontane Kraft, ja Gewalt. Auf andere, vielleicht noch direktere Weise tritt sie in den Arbeiten hervor, die in den folgenden zwei Jahren entstanden. Die Buchstaben sind daraus weitgehend verschwunden, dafür starren grellbunte Roboterschädel aus dem Bild, mit leeren, weit aufgerissenen Augen, Haaren, die zu Berge stehen, und Körpern, deren Skelett und Organe durchscheinen, als säßen sie auf dem elektrischen Stuhl und würden dabei noch geröntgt.

Er begann als Straßenkünstler, entstammte aber einer reichen Familie

Der Röntgenblick unter die Haut mag seinen Grund darin haben, das Basquiat Schwarzer ist. Zwar hatte er, der Sohn karibischer Einwanderer, in den hippen und liberalen Künstlerkreisen, in denen er verkehrte, keine Schwierigkeiten. Probleme bekam er, wie sein Schweizer Galerist Bruno Bischofberger berichtet, wenn er auf der Straße ein Taxi anhalten wollte. Vielleicht deshalb war er ein glühender Verehrer schwarzer Sportler und Musiker und malte sie häufig. Am eindrucksvollsten gelangen ihm die Porträts der Boxer Cassius Clay alias Muhammad Ali und Jack Johnson. Clay mit martialisch aufgerissenem Mund auf einer blutroten Leinwand, die, über eine Holzpalette geklebt, an den Seiten zerflattert, als hätte der Porträtierte ihr soeben wuchtig eine verpasst. Über Johnson, die erhobene Faust und das Gesicht ganz in Schwarz, schwebt eine Krone und erhebt ihn zum König im Boxring der Rassengesellschaft.

Die Krone, ein schlichtes, von drei Strichen eingefasstes großes W, gehört zu den regelmäßig wiederkehrenden Motiven in Basquiats Werk. Mit ihr, aber auch mit aus der christlichen Kunstgeschichte geborgten Symbolen wie dem Heiligenschein und dem Dornenkranz schafft er sich eine Privatikonografie, die jede Arbeit sofort als »Basquiat« kenntlich macht. Nicht immer ist klar, warum sie auftauchen. Das nährt hier und da den Verdacht, dass es sich dabei um wohlbedachte Markenpflege handeln könnte.