Vater und Sohn stapfen im dichten Schneetreiben über einen nächtlichen Bahnsteig. Die beiden sind ins Gespräch vertieft, mit großer Geste scheint der Sohn gerade eine seiner kühnen Ideen zu erläutern. Und sie gefällt dem Vater, jedenfalls lächelt er unter seiner dicken Pelzmütze. Gemeinsam auf dem Weg für das Volk lautet der programmatische Titel des Ölgemäldes, beinahe neun Quadratmeter groß. Nun durfte es zum ersten Mal sein Heimatland verlassen.

In der Ausstellungshalle des Wiener Museums für Angewandte Kunst (MAK) hängt es in einer Nische zwischen zwei noch größeren, goldgerahmten Historienbildern: Auf dem einen thront ein freudestrahlender Kim Il Sung inmitten seiner glücklichen Mitbürger auf einer Blumenwiese; das andere zeigt seinen Sohn und Nachfolger Kim Jong Il, der gerade eine dampfende Gulaschkanone inspiziert.

Eine purpurne Kordel hält das Publikum auf respektvolle Distanz zu den nordkoreanischen Monumental-Ikonen. Zwei gelangweilte Bodyguards an jeder der insgesamt vier Kim-Kojen überwachen zusätzlich die Besucher am Eröffnungsabend dieser Ausstellung. Oder halten sie stumme Ehrenwacht?

Über hundert, häufig kreischbunte Ölbilder wollen Einblick in den vermeintlichen Alltag des Eremitenstaates geben. Wohlbehütet, gut genährt und tatendurstig sind diese Menschen, die zufriedene Familie eines gütigen Herrschergeschlechts, das sich unermüdlich aller Sorgen seiner dankbaren Kinderschar annimmt. Verwundert reiben sich die Ausstellungsbesucher die Augen. Der exotische Kitsch amüsiert sie. Sie bestaunen die Details der Darstellungen, etwa dass ein Grüppchen munterer Straßenfegerinnen westliche Sportschuhe mit Klettverschluss trägt.

Zugleich ist der Reiz des Verbotenen zu spüren: So viel Diktatorenherrlichkeit in fetten Farben, ein Propaganda-Porno, und doch lustwandelt das Publikum entspannt und unvoreingenommen durch die Kojen.

Die Gäste aus Pjöngjang sind zu der Ausstellungseröffnung in Kompaniestärke angerückt: Kulturfunktionäre, Geheimdienstler, diplomatisches Personal. Alle tragen kleine Kim-Plaketten am Revers. Sie schwirren durch die Halle, lassen ihren argwöhnischen Blick schweifen. Ihre größte Sorge scheint, das Publikum könnte den Porträts der geliebten Führer nicht die gebührende Ehrfurcht entgegenbringen. Sie haben angeordnet, jedes der monumentalen Gemälde müsse so gehängt werden, dass sich die Unterkante des Bildes auf Schulterhöhe der Betrachter befindet. Man soll aufschauen zu den beiden »Wohltätern ihres Volkes«. Dass man sich, in Pjöngjang üblich, vor den Porträts des Vaters der Nation zu verneigen habe, fordern die Emissäre hingegen nicht.

Auch der chinesische Kulturattaché in Wien ist zu der Kunstgala zu Ehren seines Nachbarlandes erschienen. »Wie bei uns vor 30 Jahren«, kichert er. Angeblich sammeln in seinem Land einige Liebhaber begeistert diese letzten Juwelen eines fast ausgestorbenen Genres. Vor einer Idylle verweilt der Attaché länger. Sie zeigt das flammende Abendrot über dem Kangson, am Flussufer qualmt dicker Rauch aus den Schloten eines Industriekombinats. »Bei uns ist das schon lange verboten«, schüttelt der chinesische Diplomat den Kopf: »Wir haben überall Filter eingebaut.« Soweit man weiß, findet sich im umfangreichen Schrifttum der beiden Kims keine Direktive gegen Umweltverschmutzung.