PhilosophenstreitStreit ums Ganze

Wie geht es weiter mit der Welt? Die Philosophen Alain Finkielkraut und Alain Badiou in einem eindrücklichen Streitgespräch von 

Frankreich liebt das Duell mit Worten. Voltaire gegen Rousseau, Sartre gegen Aron. Nicht immer geht es wirklich um etwas. Doch einer Redakteurin des linken Wochenmagazins Le Nouvel Observateur ist es gelungen, zwei Schriftsteller und Philosophen aufeinander loszulassen, deren Streit aufs Ganze der Gegenwart geht: Alain Finkielkraut und Alain Badiou. Aus ihren Gesprächen ist jetzt ein Büchlein geworden.

Intellektuelle im klassischen Sinn, haben sie ihre Prominenz nicht durch öffentliches Auftreten, sondern durch ihr Werk erlangt. Finkielkraut untersucht die Barbarei der heutigen Gesellschaften, namentlich das Verschwinden der »französischen Zivilisation« ist das Thema des konservativ gewordenen Ex-Linken. Heutige Franzosen dürften ja niemanden mehr ausschließen, ironisiert der 61-jährige, also müssten sie in sich selbst völlige Leere erzeugen.

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Der 73-jährige Badiou ist Logiker und einer der letzten Philosophen, die so etwas wie ein System errichteten. Darin haben überhistorische Wahrheiten Platz, die gelegentlich wie Blitze in die Geschichte fahren. Eine solche Wahrheit ist, dass kein Mensch Sklave sein soll. Die Verdammten dieser Erde, die leibhaftige Negation des Eigentums, seien heutzutage nicht mehr die Industriearbeiter, sondern Einwanderer aus armen Ländern, »die gekommen sind, um unsere Gruben auszuheben und unsere Scheiße wegzuputzen«.

Die Existenz dieser Proletarier beunruhigt auch Finkielkraut, aber vor allem ihre Existenz in Frankreich macht ihm Sorgen: Sie assimilierten sich nicht, wer das aber verlange, bekomme es mit »Frankophobie« zu tun. Wer den Wunsch hegt, die französische Zivilisation möge fortdauern, werde »kriminalisiert« und zu einem Transformationsprozess gezwungen, der »zur World Music, Weltküche, zur planetarischen Zivilisation und ins global village« führe.

An dieser Stelle beißt Badiou zu. Mitnichten laute die Alternative Weltkapitalismus oder Nationalismus, wendet er ein, es gebe ein Drittes, nämlich den Internationalismus der Ausgebeuteten. Badiou zitiert das von Marx und Engels 1848 verfasste Manifest der Kommunistischen Partei (»Die Arbeiter haben kein Vaterland«) sowie die französische Verfassung von 1793, derzufolge jeder Mensch, der irgendwo in der Welt ein Waisenkind aufnimmt und erzieht, just dadurch Franzose werde. Das und nur das sei das Frankreich, das er liebe. Wer hingegen wie Finkielkraut das Nationale zu einer Substanz erkläre, der löse Vorgänge aus, die er nicht mehr kontrollieren könne: »Sobald man identitäre Erwägungen in die Politik einführt, also in die staatliche Machtausübung, befindet man sich in einer Logik, die man sehr wohl neofaschistisch nennen muss.«

Von der Kritik des Nationalismus geht Badiou, ganz in Marxscher Tradition, zur Kritik des Nationalstaates und des Staates selbst über. Damit steht er recht allein in der französischen Linken. Die hat ein instrumentelles Verhältnis zum Staat und ein libidinöses zur Macht, weshalb Badious Einlassungen zuweilen erfrischend wirken. Nur leider kennt Finkielkraut einen triftigen Einwand. Die Geistesarmut einer Kritik, die in Ausbeutung und Unterdrückung die Wurzel allen Übels sieht, frappiere ihn stets von Neuem. Sie habe keinen Sinn für das Tragische und führe zu der wahnwitzigen Idee, ein für alle Mal das Böse aus der Welt schaffen zu können. Und mit ihm die Bösen?

»Gibt es bei Ihnen«, fragt Finkielkraut Badiou, »einen Platz für legitime Gegner?« – und antwortet selbst: Nein, und wenn der Feind erst einmal vernichtet ist, dann bricht »die ewige Idylle« an, denn »die Politik des Kommunismus ist grausam, und seine Utopie ist kitschig«. Badiou setzt dem bloß entgegen, dass sich dies über die Demokratie ebenso sagen ließe.

Dass die beiden überhaupt miteinander sprechen, ist das eigentliche Wunder. Ihr gemeinsamer Fernsehauftritt vor wenigen Tagen war eine Sternstunde. Fast 90 Minuten lang ließen sie einander ausreden, einer ging auf den anderen ein, gesittet, und siehe da, der Zyniker und der Melancholiker entdeckten, vorsichtig, gewisse Gemeinsamkeiten. Es fehle der Gegenwart an Ideen, auch darin stimmten sie überein. Dann wurde eine Filmsequenz aus Athen eingespielt, Bilder der Gewalt, die beiden missfielen. Einigkeit also, bis Badiou nuancierte: Er sei gegen »Gewalt ohne Ideen«. Danke, wir hatten uns schon Sorgen gemacht.

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    • Schlagworte Frankreich | Kommunistische Partei | Nationalismus | Voltaire | Ausbeutung | Gewalt
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