Sachbücher Wasser Mitreißend
Zwei neue Studien erzählen vom skrupellosen Kampf um die wichtigste Ressource der Zukunft – das Wasser
Das Versiegen der Flüsse ist nur ein Brennpunkt der globalen Wasserkrise. Schon heute haben rund eine Milliarde Menschen kein sauberes Trinkwasser. Doch von Texas bis in den indischen Punjab verursachen ressourcenblinde Siedlungs-, Anbau- und Konsumweisen, übernutzte Grundwasserquellen, Umweltverschmutzung, wachsende Bevölkerung und schließlich der Klimawandel weitere Knappheiten und Krankheiten, Dürren und Fluten. Zwei lesenswerte Neuerscheinungen widmen sich dieser vielschichtigen politischen Herausforderung: Welche Lösungen gibt es? Wer kann sie am wirkungsvollsten umsetzen? Wer entscheidet darüber, wie und für wen das Wasser bewahrt, wiederaufbereitet und verteilt wird?
»Das Wasser hat mich mitgerissen«: Wie dem Autor mit seinem Gegenstand, so ergeht es dem Leser zunächst mit Erik Orsennas Essay Die Zukunft des Wassers. Dessen »wahre Natur« erklärt der Schriftsteller in derart überraschenden Geschichten und Metaphern, dass selbst die chemische Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff als nie gehörtes Abenteuer erscheint. Staunend verfolgt man, wie schöpferisch, verwandlungsfähig und zugleich zerstörerisch H₂O Landschaften, Kulturen und Staatswesen formt – eine faszinierende Weltreise durch natürliche, agrarische und urbane Wüsten, durch Kanäle, Flusstäler und Labors.
Dabei macht Orsenna lehrreiche Bekanntschaften: mit einer Ministerin, die das vertrocknende Agrarland Australien neu erfinden muss. Mit dem Leiter von Singapurs Wasserbehörde, einem tollkühnen wie kühlen Manager der Knappheit. Mit israelischen Bewässerungstechnikern, indischen Choleraärzten oder einem Franzosen, der versucht, den Tau einzufangen. Orsenna hört ihnen neugierig zu, beobachtet, riecht, fantasiert, dichtet. Im Strom seiner Erlebnisse gewinnt man wichtige Erkenntnisse wie nebenbei: dass Wasser stets in Kreisläufen fließt. Dass es zwecklos tugendhaft ist, in regenreichen Regionen beim Duschen zu sparen. Trotzdem verschwenden gerade Kanadier oder Franzosen das wertvolle Gut besonders fahrlässig: in Form jenes »virtuellen« Wassers, das sich jedoch ganz real als Produktionsfaktor hinter Fleisch oder Gemüse aus trockenen Weltregionen verbirgt. Als Einkäufer solcher Agrarprodukte wird ausgerechnet das wasserreiche Europa netto ein Wasserimporteur.
Der Pariser Orsenna ist Mitglied der Académie française, der teils poetische Glanz seiner Reportagen wurde schon bei seinen Bänden Lob des Golfstroms oder Weiße Plantagen (über den globalen Baumwollhandel) gepriesen. In seinem Wasser-Werk wird man allerdings einiger stilistischer Mittel im Lauf der Reise müde. Gegen seine ständige Personalisierung der natürlichen Sphären war die deutsche Romantik ein Klacks – müssen chemische Elemente flirten, Kühe miteinander plaudern? Enervierend auch die ewig frivolen Metaphern wie Koffer, die »vom sexuellen Taumel Thailands« erfasst werden – oh, là, là.
Überdies ist die zweite Persönlichkeit Orsennas, der eigentlich Erik Arnoult heißt und Ökonom ist, hinter dem Schriftsteller manchmal gar zu sehr verschwunden. Denn der geht nicht nur mit manchen Zahlen großzügig um; er argumentiert auch immer oberflächlicher. Zu dem Urteil etwa, dass die Bürger Berlins die Teilprivatisierung ihrer Wasserwerke »ohne Weiteres zu akzeptieren« schienen, kann nur ein kurzatmiger Rechercheur kommen. Die Proteste gegen Garantiezinsen für RWE und Veolia, die in undurchsichtigen Verträgen stehen, kommen bei Orsenna nicht vor.
Das passt wohl zu einem Autor, der zwar die umstrittene und mitunter dramatisch gescheiterte Privatisierung des öffentlichen Gutes Wasser kritisch betrachtet, aber dennoch »public-private Cocktails« empfiehlt. In Frankreich wurde Orsanna angegriffen, weil ihm Unternehmen wie GDF Suez und Veolia bei seinem Buchprojekt offenbar eng zur Seite standen. Umso merkwürdiger klingt sein Satz »Die französischen Wasserkonzerne sind die besten der Welt«. Nun ja: Sie sind die größten. Andere Schlussfolgerungen Orsennas dagegen überzeugen: Wer das Wasser erhalten wolle, müsse die natürlichen Milieus erhalten, in denen es sich sammelt. Wasser sei aber immer öfter ein aufbereitetes Produkt, deshalb müsse es seinen Preis haben. Einen täglichen Grundbedarf sollten die Kommunen kostenlos zur Verfügung stellen. Die demokratische Kontrolle der Versorgung sei elementar. Doch am Ende bleibt der Autor eher Wasserflaneur als gründlicher Denker. Wie das Pfeifen im Walde wirkt nach all den brisanten Erfahrungen und geschilderten komplexen Querverbindungen sein Resümee: »Die globale Wasserkrise wird nicht stattfinden.« Denn selbst wenn die Probleme und Konflikte stets lokal sind, wie Orsenna zu Recht betont: Ihre Auswirkungen, etwa unvorstellbare Flüchtlingsströme, werden die ganze Weltgesellschaft berühren und fordern deren solidarisches Zusammenwirken.
- Datum 14.06.2010 - 09:37 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.06.2010 Nr. 23
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"Als Einkäufer solcher Agrarprodukte wird ausgerechnet das wasserreiche Europa netto ein Wasserimporteur."
Soll das etwa heißen, das wir noch mehr Milch, Fleisch und Getreide subventioniert nach und in Schwellen- und Entwicklungsländer exportieren sollen, die meistens (wenn auch nicht immer) in etwas trockeneren Gegenden liegen.
Also das Argument steht auf tönernen Füßen.
Auch wenn der Rest des Artikel mal wieder Aufzeigt: Spekulantentum (und damit Geld) versammelt sich immer da, wo etwas knapp ist und versucht dieses etwas knapp zu halten oder knapper zu machen. (Monopolpreisbildung)
Was für ein treffendes Wort für das Bemühen nicht
legitimierter Gremien sich in global governance zu
engagieren.Selbstverständlich um Profite zu generieren.
Am Besten durch Monopole bei real existierenden Dingen
wie Wasser oder durch Handel mit Fiktionsscheinen wie
den CO2-Zertifikaten. Den Brüdern sollte die ZEIT mehr
auf die unsauberen Finger gucken.
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