Der fulminanten Premiere im Herbst 1810 schien nichts mehr im Wege zu stehen. Das dreibändige Werk lag in den Korrekturfahnen vor, die Zensur hatte nur ein paar geringfügige Einwände. Mit 10.000 Exemplaren sollte das Buch in einer für jene Zeit ungewöhnlich hohen Auflage gedruckt werden. Es hieß De l’Allemagne (»Über Deutschland«), geschrieben hatte es Germaine de Staël. Doch dann kam alles ganz anders.

Am 25. September erhielt die Autorin den Bescheid des Polizeiministers Jean Marie René Savary, er habe die gesamte Auflage einstampfen lassen und fordere die Verfasserin auf, »binnen drei Tagen Frankreich zu verlassen«. Es traf sie wie ein Schlag.

Germaine de Staël, die bereits Essays zur Literatur und zwei erfolgreiche Romane veröffentlicht hatte, war nicht irgendeine Autorin. Sie hatte, 1766 geboren, den letzten Finanzminister der französischen Monarchie, den aus Genf stammenden Bankier Jacques Necker, zum Vater. Sie gehörte früh zur intellektuellen Elite Frankreichs, und man muss ihr Schicksal kennen, um die Geschichte ihres Buches und dessen Wirkung zu verstehen.

Verheiratet mit Schwedens Botschafter in Paris, Eric Magnus Baron Staël von Holstein, war sie schon einmal aus Frankreich ausgewiesen worden, 1795, da verdächtigte man sie, mit den Royalisten im Bunde zu stehen. Sie hatte sich nach Coppet zurückgezogen, auf das Schloss der Neckers am Genfer See. Doch bald erschien sie wieder in Paris. Sie wollte den von ihr bewunderten General Bonaparte besuchen, den sie schon mit zahlreichen Briefen bombardiert hatte. Am 6. Dezember 1797 stand sie ihm erstmals gegenüber, er war durchaus nicht beeindruckt.

Napoleon provoziert: »Sie haben Ihre Kinder selbst gestillt?«

Das irritierte sie kaum. Sie feierte ihn unbeirrt als »den kühnen Krieger, den tiefen Denker, das ungewöhnlichste Genie der Geschichte«. In ihrer notorischen Überspanntheit glaubte sie, nur sie allein sei ihm als Frau ebenbürtig. Und vielleicht träumte sie tatsächlich davon, wie der amerikanische Historiker J. Christopher Herold in seiner 1959 erschienenen De-Staël-Biografie vermutet, »daß der größte lebende Mann und die größte lebende Frau es der Menschheit schuldig seien, sich im Geist und, wenn irgend möglich, auch im Fleisch zu vereinen«. Bonaparte aber hatte eine äußerst feine Witterung für politische Ambitionen, vor allem, wenn sich wie hier der Ehrgeiz mit dem Eros zu verbinden trachtete, und vermied ihre Nähe. Genug, dass er ihre vielen Briefe zur Kenntnis nehmen musste.

Bis 1800 – da hatte sich der in Italien und Ägypten ruhmreiche General nach einem Staatsstreich zum Ersten Konsul Frankreichs ernannt – bewunderte sie ihn und stellte ihm nach. Dann endlich begriff sie, dass er sie zunehmend als Unruhestifterin ansah, die ihren immensen Geltungsdrang auf seine Politik ausdehnte und inzwischen einen regen Umgang mit seinem älteren Bruder Joseph pflegte. Im Winter 1800/01 traf sich der »Kaiser der Materie« mit der »Kaiserin des Geistes« (wie der berühmte Literaturkritiker Charles-Auguste Sainte-Beuve später spottete) ein letztes Mal von Angesicht zu Angesicht. Von Politik war dabei nicht die Rede, vielmehr musterte der Erste Konsul nur Germaine de Staëls prall gefülltes Dekolleté und sagte, entschlossen zur Provokation: »Sie haben gewiss Ihre Kinder selbst gestillt?«

Das verschlug der sonst so zungenfertigen Frau die Sprache. Natürlich wusste Napoleon von Madames zahlreichen Liebschaften und der etwas undurchsichtigen Vaterschaft ihrer Kinder. So gleichgültig ihm das blieb, so sehr reizte ihn etwas anderes: Ihr neuer Lebensgefährte – die Eheleute de Staël hatten sich im Jahr 1800 offiziell getrennt – war der Schriftsteller und politische Theoretiker Benjamin Constant, ein erklärter Widersacher Bonapartes. Längst ließ der Erste Konsul de Staëls Salon von der Geheimpolizei überwachen. »Sie soll sich ruhig verhalten, das ist das Vernünftigste, was sie tun kann«, sagte er zu Joseph.