Das Buch löst eine regelrechte Deutschland-Manie in Frankreich aus
Kaum war Napoleon gestürzt, kehrte sie im Mai 1814 nach Paris zurück. Jetzt konnte das Buch auch in Frankreich erscheinen, im selben Jahr noch kam es in einer deutschen Übersetzung heraus, bei Hitzig in Berlin. »Napoleon unterlag, und Frau von Staël zog siegreich ein in Paris mit ihrem Buche De l’Allemagne und einigen hunderttausend Deutschen, die sie gleichsam als eine lebendige Illustration ihres Buches mitbrachte«, spottete Heinrich Heine. Auch die Autorin bemerkte, dass die Deutschen, die Napoleon geschlagen hatten und brutal in ihr Vaterland eindrangen, nicht jene seien, deren Bild sie vier Jahre zuvor gemalt hatte.
Aber die Wirkung auf die junge Generation, auf Victor Hugo, Alphonse de Lamartine, Alfred de Musset, Sainte-Beuve, Gérard de Nerval, war außerordentlich. Sie setzte allerdings ein, als die Urheberin 1817 – erst 51 Jahre alt – schon gestorben war.
Stendhals Urteil können wir beiseitelassen. »Trotz des fürchterlichen Schwulstes findet man dort Gedanken, besonders über die Sitten der deutschen Damen. Der dritte Band ist bei weitem der schlechteste«, schrieb er herablassend 1814 in einem Brief. Das ist verständlich. Er war lange als Offizier in Deutschland stationiert gewesen, im Königreich Westphalen des Napoleonbruders Jérôme, hatte in deutschen Familien verkehrt und kannte aus eigener Anschauung die Deutschen besser als die Autorin – zumal er in jenen Jahren auch erotische Erfahrungen gesammelt hatte, deswegen sein Hinweis auf »die Sitten der deutschen Damen«.
Das Buch löst eine regelrechte Deutschland-Manie in Frankreich aus
Goethe bezeichnete 1830 das Deutschland-Buch als »ein mächtiges Rüstzeug, das in die chinesische Mauer antiquierter Vorurteile, die uns von Frankreich trennte, sogleich eine breite Lücke durchbrach, so daß man über dem Rhein und, in Gefolg dessen, über dem Kanal endlich von uns nähere Kenntnis nahm, wodurch wir nicht anders als lebendigen Einfluß auf den ferneren Westen zu gewinnen hatten«. Ja, so kann man es nennen.
Vielleicht war es nicht dieses Buch allein, aber doch wohl vor allem, das in Frankreich ein ganz ungewöhnliches Interesse an Deutschland weckte. In wenigen Jahren wurden die Werke Goethes und Schillers ins Französische übertragen (der Faust gleich zweimal), vor allem aber die Erzählungen E.T.A. Hoffmanns, die in Frankreich seither mehr gelesen und geschätzt werden als in Deutschland. Eugène Delacroix schuf 1828 seine Lithografien zu Goethes Faust, die den Dichter sehr beeindruckten.
Nachdem Victor Hugo zwischen 1838 und 1840 drei ausgedehnte Rheinreisen unternommen hatte, veröffentlichte er sein Buch Le Rhin. Im Vorwort schreibt er: »Deutschland (der Autor dieses Buches verheimlicht es nicht) ist eines der Länder, die er liebt, und eine der Nationen, die er bewundert. Er hat fast das Gefühl eines Sohnes für dieses edle und heilige Vaterland aller Denker. Wenn er nicht Franzose wäre, möchte er Deutscher sein.« Dann folgte 1843 sein Historiendrama Les Burgraves, über die Kämpfe der Burggrafen am Rhein gegen den Kaiser; es geriet beim Publikum zu einem rechten Desaster. Von da an dachte der Dichter etwas weniger günstig über die Deutschen. Heine amüsierte das. Für ihn war Hugos Drama ohnehin nur ein »Abhub unserer romantischen Küche«: »versifiziertes Sauerkraut«.
Der deutsche Dichter hatte für Germaine de Staël fast nur Spott und Verachtung übrig, da er diesen »Sturmwind in Weibskleidern« verantwortlich machte für ein in seinen Augen völlig verzerrtes Deutschlandbild, vor dem er die Franzosen bewahren wollte. »Die gute Dame sah bei uns nur, was sie sehen wollte: ein nebelhaftes Geisterland, wo die Menschen ohne Leiber, ganz Tugend, über Schneegefilde wandeln und sich nur von Moral und Metaphysik unterhalten! Sie sah bei uns überall nur, was sie sehen wollte, und hörte nur, was sie hören und wiedererzählen wollte.«
Könnten Germaine de Staël und Heinrich Heine erleben, wie sich Europa zweihundert Jahre später entwickelt hat, sie würden Frankreich und Deutschland nicht mehr wiedererkennen. Beide Völker haben sich in einem Maße einander angenähert, wie man es selbst vor fünfzig Jahren noch kaum für möglich gehalten hätte. Die Franzosen und die Deutschen aus De l’Allemagne existieren nicht mehr, auch wenn noch Rudimente zu erkennen sind. Und doch bleibt diesem Buch bei all seinen Unzulänglichkeiten ein nicht zu schmälerndes Verdienst. Weder zuvor noch danach hat jemals ein Werk der Literatur in solchem Maße dazu beigetragen, das Verständnis eines Volkes für sein Nachbarvolk zu befördern und geistige Impulse zu vermitteln. Dies war die Leistung einer ungewöhnlichen Frau – und einer großen Europäerin.
Der Autor ist Schriftsteller und lebt bei Boizenburg an der Elbe. Ende Juni erscheint in der Anderen Bibliothek des Eichborn Verlags sein neues Buch »Goethe und seine lieben Deutschen – Ansichten einer schwierigen Beziehung« (250 S., 32,– €)
- Datum 08.06.2010 - 18:33 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.06.2010 Nr. 23
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Da hätten aber die Österreicher sehr gestaunt und hätten es sehr übelzur Kenntnis genommen, wenn man Ihnen gesagt hätte, sie seien "keine " Deutschen. Natürlich war Österreich ein "deutscher" Staat ( und ist es übrigens immer noch - auch wenn man es heutzutage aus politischer "un"-korrektheit nicht sagen darf), so wie Preußen, Bayern , usw. "deutsche" Staaten waren.Von daher ist die im Artikel getätigte Ergänzung "(und Österreicher)" wohl auf die erhebliche geschichtliche Unkenntnis eines Kindes des aktuellen "Zeitgeistes" zurückzuführen.
Das war mir an dem Artikel auch aufgefallen. Wahrscheinlich war diese überflüssige Anmerkung dem heutigen Zeitgeist geschuldet, der uns vergessen machen möchte, dass wir eine Nation waren - wenn auch in diverse Köngreiche und Fürstentümer gespalten, wie z. B. Preußen, Sachsen, Bayern oder halt Österreich.
Das war mir an dem Artikel auch aufgefallen. Wahrscheinlich war diese überflüssige Anmerkung dem heutigen Zeitgeist geschuldet, der uns vergessen machen möchte, dass wir eine Nation waren - wenn auch in diverse Köngreiche und Fürstentümer gespalten, wie z. B. Preußen, Sachsen, Bayern oder halt Österreich.
Das war mir an dem Artikel auch aufgefallen. Wahrscheinlich war diese überflüssige Anmerkung dem heutigen Zeitgeist geschuldet, der uns vergessen machen möchte, dass wir eine Nation waren - wenn auch in diverse Köngreiche und Fürstentümer gespalten, wie z. B. Preußen, Sachsen, Bayern oder halt Österreich.
Wo bleibt der lautstarke österreichische Protestschrei ?
Österreich ein deutsches Land wie Bayern oder Preussen ?
Huiii !!!
Unter einer Krone waren Deutschland und Österreich zu Zeiten
des heiligen römischen Reiches deutscher Nation ( nicht
Deutschlands ) bis 1804. Dann wieder zu den Zeiten des braunen Mülls. Österreich ist ein eigenes Kaiserreich ge-
wesen und nie ein Land wie Bayern oder Preussen. Googeln !
Zum Artikel : Ein Franzose, der sich von solchem Schinken Meinung machen läßt, hat zuviel schlechten Wein getrunken.
Die Kaiserkrone des heiligen römischen Reichs deutscher
Nation steht für eine andere Vollmacht als die Kaiserkrone
des deutschen Reiches unter den Hohenzollern ab 1871. Im
III.Reich gab es keine Krone ... aber es setzte dem Wahnsinn
die Krone auf ... mit Schnurrbart, mit kurzem.
Kaiser waren nicht Könige. Am besten nachlesen.
Die Kaiserkrone des heiligen römischen Reichs deutscher
Nation steht für eine andere Vollmacht als die Kaiserkrone
des deutschen Reiches unter den Hohenzollern ab 1871. Im
III.Reich gab es keine Krone ... aber es setzte dem Wahnsinn
die Krone auf ... mit Schnurrbart, mit kurzem.
Kaiser waren nicht Könige. Am besten nachlesen.
Die Kaiserkrone des heiligen römischen Reichs deutscher
Nation steht für eine andere Vollmacht als die Kaiserkrone
des deutschen Reiches unter den Hohenzollern ab 1871. Im
III.Reich gab es keine Krone ... aber es setzte dem Wahnsinn
die Krone auf ... mit Schnurrbart, mit kurzem.
Kaiser waren nicht Könige. Am besten nachlesen.
>>Die Menschen erschienen ihr als vulgär, brutal, humorlos, phlegmatisch. Diese Deutschen gehörten »kaum zur menschlichen Rasse – die gebildete Minderheit ausgenommen«<<
Ganz schön starker Tobak!
Man stelle sich vor, Madame de Staël wäre Deutsche und hätte dergleichen über Polen oder Russen gesagt.
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