Der italienische Schriftsteller Roberto Saviano fühlt sich hintergangen © REUTERS/Jean-Paul Pelissier

Saviano betrogen«, titelte Il Fatto Quotidiano, die neue italienische Tageszeitung und Sprachrohr der außerparlamentarischen Opposition in Italien. Hintergangen fühlt sich der Schriftsteller Roberto Saviano (Gomorrha) jedoch in Deutschland. Im Verlag Edel Earbooks mit Sitz in Hamburg ist soeben ein üppiger Bildband erschienen, Malacarne. Leben mit der Mafia. Neben den Fotografien des Bolognesers Alberto Giuliani schmückt sich das »bewegende Zeitdokument« (so die Verlagswerbung) mit Texten von Saviano und anderen prominenten italienischen Antimafia-Kämpfern – aber auch mit zwei CDs der Musik der Mafia. Die Texte dieser angeblich »volkstümlichen Musik aus den verschiedenen Regionen Süditaliens« sind auf Deutsch und Italienisch dokumentiert, etwa das Lied über das Mafia-Attentat auf den General Carlo Alberto Dalla Chiesa im Jahr 1982: »Getötet ist der General / Ihm blieb nicht einmal Zeit für das letzte Gebet / So schnell wurde er in das Paradies gebracht / Die Mafia ist ein kriminelles Gesetz / Sie lässt dich in Ruhe, wenn sie es will / aber wenn Du hier herumstocherst/Dann beginnt sie zu agieren.«

Saviano, die Politikerin Rita Borsellino, Schwester eines von der Mafia ermordeten Staatsanwalts, Nicola Gratteri, Leitender Oberstaatsanwalt von Reggio Calabria und Ermittler im Fall des Duisburger Sechsfachmordes, dazu der Mafia-Experte Francesco La Licata – sie alle wussten nicht, dass ihre Texte von der Mafia-Musik begleitet würden, sonst hätten sie sie kaum dem Fotografen zur Verfügung gestellt. Denn nur in Deutschland wird die von dem in Hamburg lebenden kalabrischen Fotografen Francesco Sbano produzierte Musik für romantische Mafia-Folklore gehalten; in Italien wurde sie längst als gefährliche Propagandakampagne umfänglich dokumentiert.

Umgehend haben sich die prominenten Autoren nun in einem Statement von der unerwünschten Gesellschaft distanziert: »Wir sind um einen redaktionellen Beitrag für einen Fotoband gebeten worden. Aber niemand hat uns über die Entscheidung informiert, dieses Buch mit den Liedern der Mafia zu vertreiben, ›neomelodiöse‹ Lieder, die die ’Ndrangheta und die Camorra lobpreisen – bis hin zur Verhöhnung des Opfertodes des Generals Dalla Chiesa. Seit einigen Jahren versucht man eine raffinierte kulturelle Kampagne voranzutreiben, die glaubhaft machen will, dass es sich bei der ’Ndrangheta eher um einen Lebensstil als um eine Verbrechensorganisation handelt. Eine Interpretation, derzufolge es nicht möglich sei, die ’Ndrangheta von der kalabrischen Kultur zu trennen. Die gleiche Aktion ist seit Langem auch in Kampanien zu beobachten. Es ist wichtig, sich von dieser Medienstrategie zu distanzieren – um zu vermeiden, dass die Opfer und die Kämpfe der Antimafia mit fragwürdigen und verdächtigen Initiativen verwechselt werden. Unsere Geschichte und unsere Arbeit dürfen nicht in die Nähe von Aktionen wie die der Musik der Mafia gerückt werden, die eine bestimmte Art von Beurteilung oder Verherrlichung der Verhaltensweisen der ’Ndranghetisti oder Camorristi rechtfertigen.«

Der Fotograf Alberto Giuliani zeigt sich überrascht. Selbst er habe nicht gewusst, dass seinem Buch die CDs beigelegt werden, die angeblich »einen starken Eindruck von Charakter, Schönheit und Einfachheit der Regionen« Süditaliens geben, wie es im Prospekt des Verlags heißt. Das wiederum erstaunt den General Manager von Edel Earbooks, Jos Bendinelli-Negrone. In seinem Verlag würden, wie der Name schon sage, ausschließlich Bücher mit beigelegten CDs verlegt. Und wer unterstelle, dass das Buch mit den beigefügten Mafia-Musik-CDs eine Aktion zur Verherrlichung der Mafia sei, würde umgehend von ihm verklagt.

Auf Drängen der betroffenen Autoren werde das Buch einstweilen in Italien nicht vertrieben, sagt der in Genua geborene Bendinelli-Negrone, der das »einstweilen« betont und seinen Namen in diesem Zusammenhang am liebsten gar nicht in der Zeitung lesen möchte. In Deutschland ist das Buch allerdings weiter im Handel, weshalb die betroffenen Autoren fordern: Entweder wird das Buch in Italien und Deutschland ohne die Mafia-Musik vertrieben. Oder sie werden ihre Texte zurückziehen.