Landesmuseum MainzUnd Tilla tanzt aus dem Bild

Den Grundstock für die umfangreiche Sammlung des Landesmuseums in Mainz legten die Franzosen, als Mainz noch Mayence war. von Shirin Sojitrawalla

Max Slevogt: "Tilla Durieux als Weib des Potiphar", 1921

Max Slevogt: "Tilla Durieux als Weib des Potiphar", 1921  |  © Max Slevogt ( Szene aus der "Josephslegende" von Richard Strauß), 1921, Landesmuseum Mainz

Hier die Kasse, da der Shop, dort die Garderoben. Die Eingangshalle des Mainzer Landesmuseums sieht aus wie andere auch. Das eigentliche Entree aber bildet ein »Auftaktraum«. Dort begegnen die Besucher der Liebe und dem Glück, der Zeit und dem Glauben sowie der Gewalt und dem Tod.

Für jedes Thema wurde ein eigener Altar errichtet, hier lässt sich lernen, was zum Beispiel Glück bedeuten kann. Talismane aus allen Teilen der Welt findet man dort, aber auch eine inwendig glücksstrahlende Frau aus Ton von Kurt Schwippert. Aus allen Epochen und Kunstgattungen wurden Exponate herangetragen, um die ganz großen Themen zu veranschaulichen. Ein Willkommensgruß.

Die weiteren Abteilungen des kürzlich sanierten Museums führen vom Mittelalter bis zur Moderne. Auf drei Stockwerken lassen sie sich chronologisch abschreiten. Malerei, Skulpturen, Kunsthandwerk sowie Zeichnungen und Druckgrafiken gehören zu den Beständen. Der Rundgang führt die Besucher vorbei am prächtigen mittelalterlichen Tafelbildzyklus über das Marienleben, der Judaica-Sammlung, der niederländischen Malerei, der Goethezeit, der Romantik und dem Jugendstil, womit noch nicht alle Abteilungen benannt wären. Beinahe überall im Haus finden sich Exponate zur Mainzer Geschichte, denn die Aufgabe eines Stadtmuseums übernimmt das Haus obendrein.

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Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild  |  © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Schmuckstück unter vielen Stadtansichten ist ein geradezu vornehm blässliches Aquarell von William Turner, das Mainz von Süden her zeigt. Es ist Teil der beeindruckenden, rund 45.000 Blatt umfassenden grafischen Sammlung, die in wechselnden Ausstellungen präsentiert wird. Auch die Moderne hat in Mainz ihren Platz, und zwar unterm Dach, in einem wunderbar hellen und hohen Raum. Picasso, Tàpies und Rothko hängen hier ebenso wie eine der unausdeutbar überwältigenden Skulpturen-Landschaften von Bernard Schultze. Gleich nebenan gedenkt man der Kunst um 1900 und dem deutschen Impressionisten Max Slevogt. Gleich mehrere seiner Bilder sind in Mainz zu sehen, darunter die umwerfende Studie der österreichischen Schauspielerin Tilla Durieux. Als Bühnenbildner, der Slevogt auch war, ermöglicht er ihr den bestmöglichen Auftritt, und so tanzt sie förmlich aus dem Bild heraus. Weil man sich aber in Mainz unmöglich an Slevogts Gemälden satt sehen kann, sollte man sich auf den Weg zur Außenstelle des Museums im Schloss Villa Ludwigshöhe machen; gelegen in der Südpfalz, eine Autostunde von Mainz entfernt. Dort befindet sich der einstige Sommersitz von Ludwig I. von Bayern. Heute beherbergt das Schloss die Max-Slevogt-Galerie, eine unbedingt sehenswerte Sammlung mit Werken des Malers, der 1932 ganz in der Nähe, in Neukastel, gestorben ist.

Doch auch ohne die Slevogts gibt es in Mainz auf rund 4500 Quadratmetern reichlich zu sehen und zu entdecken. Untergebracht ist das Museum in einem barocken Gebäude der Mainzer Innenstadt, ehemals ein Marstall, weswegen über dem Eingang weithin sichtbar ein goldenes Ross seine Hufe schwingt. Rege, wenn auch nicht gezielt bestückten die Mainzer Bürger das Museum über die Jahre mit Schenkungen und testamentarischen Vermächtnissen. Von den Kriegszügen der französischen Revolutionsarmeen durch Europa profitierte das Haus ebenfalls. Eigens ausgesandte Kunstkommissare konfiszierten damals Werke en masse.

Um die überbordenden Depots im Pariser Musée Central zu entlasten, wurde die Kunst im Land verteilt. Mainz, als damaliges Mayence die Hauptstadt des Départements du Mont Tonnerre (Donnersberg), wurde mit 36 Gemälden bedacht. Darunter befanden sich etwa die überlebensgroßen und alles überstrahlenden Kopien von Albrecht Dürers Bildpaar Adam und Eva. Als unbekannter Meister führte vermutlich Baldung Grien diese Verführungskunst aus. In jedem Fall legte die französische Schenkung im Jahr 1803 den Grundstock für die Mainzer Gemäldegalerie. Aus dieser ging später das Mainzer Landesmuseum hervor, das damit zu den frühesten bürgerlichen Museen in Deutschland zählt. Napoleon sei’s gedankt.

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    • Schlagworte Jugendstil | Malerei | Museum | Schenkung | William Turner | Mainz
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