200 Jahre Robert SchumannEin singender Punkt am Himmel

Am 8. Juni vor 200 Jahren wurde Robert Schumann geboren. Er gilt als Inbegriff des romantischen Komponisten. Ein Gespräch mit dem Musiker Heinz Holliger über kreativen Wahnsinn, komponierte Delirien und einen wunderschönen Dichtergarten von 

Der Komponist Robert Schumann, vermutlich im Jahr 1840

Der Komponist Robert Schumann, vermutlich im Jahr 1840   |  © Hulton Archive/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Holliger, Ihre Kompositionen nehmen immer wieder Bezug auf Robert Schumann. Sie dirigieren Schumann und beschäftigen sich intensiv mit seinem Leben und seinem Werk. Sie scheinen von diesem Komponisten einfach nicht loszukommen.

Heinz Holliger: Das ist schon etwas obsessiv, das gebe ich gerne zu.

Anzeige

ZEIT: Wann hat diese Schumann-Leidenschaft begonnen?

Holliger: Ich war 14 oder 15 Jahre alt, als ich in einem Konzert in Bern die Zweite Violinsonate und das g-moll-Trio hörte . Das sind als schwierig geltende Spätwerke, welche die meisten Leute von Schumann wegbringen. Bei mir war es umgekehrt. Es war wie eine Zündung, eine Flamme, die anging.

ZEIT: Und nie mehr erloschen ist?

Holliger: Im Gegenteil. Es wird mit zunehmendem Alter noch intensiver.

Heinz Holliger

Der Schweizer ist Oboist, Dirigent und einer der wichtigsten Komponisten seiner Generation. Holliger (71) setzt sich in seinen Werken immer wieder mit Künstler-Außenseitern von Hölderlin bis Robert Walser auseinander. Für Robert Schumann hegt er eine große Leidenschaft

ZEIT: Woran entzündet sich dieses Feuer?

Holliger: Man kommt bei Schumann mit seinen analytischen Betrachtungen nie an ein Ende. Es gibt immer neue Türen, die sich öffnen. Nach der geöffneten Tür kommt eine weitere und dann noch eine und noch eine. In seinem Werk schießen spekulatives Denken und ein extrem labyrinthisches Vorstellungsvermögen zusammen. Schumann war ein hochgebildeter Mensch. Er hat mit 17 Jahren Sophokles übersetzt. Er war literarisch hochbegabt und neben Berlioz und Debussy wahrscheinlich der größte Schriftsteller unter den Komponisten überhaupt. Das macht ihn zu einer fast enzyklopädischen Figur. Zu einer kosmischen Figur, die keine Grenzen kennt. So ist auch seine Musik. Obwohl Beethoven für ihn ein großes Vorbild war, wollte er nie lineare Gedankenführungen in seinen Kompositionen realisieren. Es interessierte ihn nicht, von A nach B zu gehen. Er setzt, ausgehend von einer motivischen Urzelle, spiralförmige Bewegungen in Gang, die sich potenzieren, bis Riesengebäude entstehen. Diese Art in Assoziationen zu denken und immer neue spekulative Kreise zu ziehen, bewundere ich. Schumanns Musik ist im Wortsinne verrückt, von der Stelle ver-rückt. Der Taktstrich ist für ihn geradezu ein Martyrium. Fast immer verlagert er den schweren Taktteil. Er synkopiert die Hauptakzente oder legt verschiedene Zeitebenen übereinander. Es entsteht eine Art delirierende Zeit. Man spürt nicht mehr, wie die Zeit vergeht.

ZEIT: Schumann hat fieberhaft schnell komponiert und gleichzeitig war er in allen Dingen sehr pedantisch. Wie geht das zusammen?

Holliger: Es stimmt, er hat fast alles in Trance geschrieben, mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. Und trotzdem zeichnet ihn enorme Selbstkontrolle aus. Er verfügte über ein vollendetes Formbewusstsein und ein kontrapunktisches Können, wie es außer Mendelssohn-Bartholdy zu jener Zeit keinem zweiten Komponisten gegeben war. Schumann war im Leben sehr ordentlich. Er hatte Jurisprudenz studiert, führte genau seine Haushaltsbücher, notierte im Ehetagebuch penibel sogar intimste Details. Auf der anderen Seite gab es diesen sprudelnden Überanteil an Unbewusstem, den er direkt aufs Papier brachte. Er schreibt rauschhaft und arbeitet dennoch mit einer unglaublichen Disziplin. Nach seiner wilden Zeit versuchte er, Ordnung in sein Leben zu bringen, er schrieb eine Zeit lang nur Lieder oder legte ein Streichquartett-Jahr ein. Konsequent kontrollierte er sich in seinen Arbeitsabläufen.

Leserkommentare
  1. Die Musik Robert Schumanns hat sich mir bisher noch nicht in der Art erschlossen, wie z.B. die Werke Beethovens und Mozarts. Aber diese Schilderungen über das "merkwürdige" Verhalten des Künstlers Robert Schumann haben mich fasziniert und finden mein Interesse.

    Ich bin Maniker und kenne einige der Phänomäne, die geschildert wurden. Erst durch die hilfreiche Unterstützung meiner jetzigen Frau gelang es mir, mit den interessanten Aspekten kreativ umzugehen. Seit Jahren nehme ich Lithium in der vorgeschriebenen Dosis und kann so ein normales Leben führen.

    Die Grenzerfahrungen sind für einen selbst natürlich sehr schön - aber für das Umfeld nicht zu ertragen. Einen wichtigen Beitrag leisten die Entspannungs- und Ruhephasen. Auch der geregelte Schlaf ist von einer großen Bedeutung.

    Unter diesen Bedingungen ist das eigene Unterbewußtsein ein wunderbares Medium und ein kostbarer Helfer. Ich schreibe z.Zt. autobiographische Reiseberichte, die teilweise sehr weit in meine eigene Vergangenheit zurückreichen (www.rentner-billiger.de/R...). Da ich unter keinem Zeitlimit stehe (ich bin jetzt 65 Jahre alt und hoffe noch 20 Jahre zu leben - meine zauberhafte Frau JUTTA ist 12 Jahre jünger) kann ich in Ruhe die Signale aus meinen Unterbewußtsein empfangen und sinnvoll verwerten.

    Herzliche Grüsse

    Klaus Metzger
    HILDESHEIM

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Traum oder harte Realität? Beyoncé in ihrem Dokumentarfilm "Life Is But A Dream"

    Die fleißigen Königinnen

    Beyoncé, Lana Del Rey und Taylor Swift sind die erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Sie zeigen uns, was es bedeutet, heute eine Frau zu sein. Wollen wir ihnen glauben?

    • PeterLicht zeigt sich nicht. Nur auf der Bühne sehen die Leute sein Gesicht.

      Tod, ach der Langweiler!

      Leben, Wahrheit, Zukunft, Freiheit, Liebe: Alles beginnt zu schillern. PeterLicht renoviert in seinem Buch und Live-Album "Lob der Realität" die Kapitalismuskritik.

      • Man mag's kaum glauben: Prince Rogers Nelson ist 56 Jahre alt.

        Freiheit allen Körpersäften!

        Nach jahrelangem Unabhängigkeitskampf veröffentlicht Prince gleich zwei Alben beim Warner-Konzern. Wer einmal Popkönig war, gibt sich eben ungern mit weniger zufrieden.

        • Die Inszenierungen des Regisseurs Calixto Bieito sind den Gegnern des Regietheaters ein plastisches Feindbild. Hier eine Szene aus der Händel-Oper "Der Triumph von Zeit und Enttäuschung" 2011 in Stuttgart

          Jeder Rollkoffer bringt uns weiter

          Geht das schon wieder los? Ein Musikwissenschaftler geißelt, was er für Regietheater in der Oper hält. Dabei ist jede noch so moderne Inszenierung besser als Stillstand.

          Service