DIE ZEIT: Herr Holliger, Ihre Kompositionen nehmen immer wieder Bezug auf Robert Schumann. Sie dirigieren Schumann und beschäftigen sich intensiv mit seinem Leben und seinem Werk. Sie scheinen von diesem Komponisten einfach nicht loszukommen.

Heinz Holliger: Das ist schon etwas obsessiv, das gebe ich gerne zu.

ZEIT: Wann hat diese Schumann-Leidenschaft begonnen?

Holliger: Ich war 14 oder 15 Jahre alt, als ich in einem Konzert in Bern die Zweite Violinsonate und das g-moll-Trio hörte . Das sind als schwierig geltende Spätwerke, welche die meisten Leute von Schumann wegbringen. Bei mir war es umgekehrt. Es war wie eine Zündung, eine Flamme, die anging.

ZEIT: Und nie mehr erloschen ist?

Holliger: Im Gegenteil. Es wird mit zunehmendem Alter noch intensiver.

ZEIT: Woran entzündet sich dieses Feuer?

Holliger: Man kommt bei Schumann mit seinen analytischen Betrachtungen nie an ein Ende. Es gibt immer neue Türen, die sich öffnen. Nach der geöffneten Tür kommt eine weitere und dann noch eine und noch eine. In seinem Werk schießen spekulatives Denken und ein extrem labyrinthisches Vorstellungsvermögen zusammen. Schumann war ein hochgebildeter Mensch. Er hat mit 17 Jahren Sophokles übersetzt. Er war literarisch hochbegabt und neben Berlioz und Debussy wahrscheinlich der größte Schriftsteller unter den Komponisten überhaupt. Das macht ihn zu einer fast enzyklopädischen Figur. Zu einer kosmischen Figur, die keine Grenzen kennt. So ist auch seine Musik. Obwohl Beethoven für ihn ein großes Vorbild war, wollte er nie lineare Gedankenführungen in seinen Kompositionen realisieren. Es interessierte ihn nicht, von A nach B zu gehen. Er setzt, ausgehend von einer motivischen Urzelle, spiralförmige Bewegungen in Gang, die sich potenzieren, bis Riesengebäude entstehen. Diese Art in Assoziationen zu denken und immer neue spekulative Kreise zu ziehen, bewundere ich. Schumanns Musik ist im Wortsinne verrückt, von der Stelle ver-rückt. Der Taktstrich ist für ihn geradezu ein Martyrium. Fast immer verlagert er den schweren Taktteil. Er synkopiert die Hauptakzente oder legt verschiedene Zeitebenen übereinander. Es entsteht eine Art delirierende Zeit. Man spürt nicht mehr, wie die Zeit vergeht.

ZEIT: Schumann hat fieberhaft schnell komponiert und gleichzeitig war er in allen Dingen sehr pedantisch. Wie geht das zusammen?

Holliger: Es stimmt, er hat fast alles in Trance geschrieben, mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. Und trotzdem zeichnet ihn enorme Selbstkontrolle aus. Er verfügte über ein vollendetes Formbewusstsein und ein kontrapunktisches Können, wie es außer Mendelssohn-Bartholdy zu jener Zeit keinem zweiten Komponisten gegeben war. Schumann war im Leben sehr ordentlich. Er hatte Jurisprudenz studiert, führte genau seine Haushaltsbücher, notierte im Ehetagebuch penibel sogar intimste Details. Auf der anderen Seite gab es diesen sprudelnden Überanteil an Unbewusstem, den er direkt aufs Papier brachte. Er schreibt rauschhaft und arbeitet dennoch mit einer unglaublichen Disziplin. Nach seiner wilden Zeit versuchte er, Ordnung in sein Leben zu bringen, er schrieb eine Zeit lang nur Lieder oder legte ein Streichquartett-Jahr ein. Konsequent kontrollierte er sich in seinen Arbeitsabläufen.