Das Schlüsselwort für diesen beispiellosen, durch und durch unangemessenen Rücktritt lautet »Respekt«. Die Kritik an seinen Äußerungen zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr, sagte Horst Köhler, lasse »den notwendigen Respekt für mein Amt vermissen«. Am Montag legte ein Bundespräsident sein Amt nieder, der tief verletzt war. Der nicht mehr wollte und vielleicht auch nicht mehr konnte.

Schon vor Monaten, als in den Medien und von der Opposition die Kritik an Köhler immer lauter wurde, als das Wort vom »Schlossgespenst« die Runde machte, verlangte sogar die Bundeskanzlerin, dass »unserem Staatsoberhaupt der notwendige Respekt entgegengebracht wird«. Merkels Wort, wie ernst es auch immer gemeint war, fruchtete nichts. Hohn und Spott wurden über dem Bundespräsidenten ausgegossen. »Horst Lübke«, ätzte der Spiegel . Und das FAZ- Feuilleton bilanzierte: »Ich hatt’ einen Präsidenten…«

Die Krise um Horst Köhler begann, paradox genug, mit dem Antritt der neuen Bundesregierung im vergangenen Herbst. Dabei hatte Köhlers Wahl 2004 nach dem Wunsch Angela Merkels und Guido Westerwelles der Vorbote einer schwarz-gelben Koalition werden sollen. Stattdessen kam zunächst die Große Koalition. Als Union und FDP dann endlich gemeinsam regieren konnten, missglückte der Start so gründlich, dass die Opposition angesichts von Hartz-IV-Streit und Westerwelles Sozialstaatsattacken (»spätrömische Dekadenz«) fragte, wann endlich der Bundespräsident in die außer Rand und Band geratene Debatte eingreifen wolle.

Köhler aber schwieg. Dabei war er entsetzt über den Start der schwarz-gelben Koalition. Sie hatte doch eine klare Mehrheit, konnte die von ihm geforderten Reformen nun ins Werk setzen! Stattdessen lähmte interner Streit die Regierung. Bei Köhler wuchs der Verdruss. Aus der Enttäuschung wurde regelrechte Wut. Und doch, er schwieg weiter. Musste nicht auch er der Koalition eine Frist von 100 Tagen geben? Und überhaupt: Hätte es sich für das Staatsoberhaupt gehört, sich in tagespolitische Fragen einzumischen?

Dieser Vorwurf war ihm in seiner ersten Amtszeit immer wieder gemacht worden. Gerade von Sozialdemokraten, die ihm anlasteten, er stilisiere sich als »Überkanzler«. Erst Ende März brach Köhler sein Schweigen. In einem Focus- Interview nannte er die ersten Monate der neuen Regierung »enttäuschend«. Nun waren Union und Liberale pikiert.

Dieser Bundespräsident hat es niemandem in der politischen Klasse recht machen können. Er kam von außen und blieb sechs Jahre lang in Berlin ein Fremder. »Netzwerkerei ist nicht meine Stärke«, sagte er. Er, der nie um ein Parlamentsmandat gekämpft hatte, der seine Karriere als Beamter, als Staatssekretär, als Sparkassenchef und schließlich als Direktor des Internationalen Währungsfonds gemacht hatte, konnte die Kluft zu »den Politikern«, wie er selbst sagte, nicht überwinden.

Sein Ton wurde nachdenklicher. Köhler forschte den eigenen Schwächen nach

Und doch hätte er als Bundespräsident während der Finanzkrise die beste Wahl sein können. Als Ökonom genoss er weltweites Ansehen, Banker und Finanzfachleute hatten vor seinem Urteil hohen Respekt. Aber ihn beschlichen Selbstzweifel. Wer hörte überhaupt zu, wenn er sprach? Er hätte am liebsten gehandelt, aber er musste repräsentieren, musste reden. Und gerade das lag ihm nicht.