Wenn in Leipzig stadtpolitische Probleme auftauchen, und das geschieht ständig, melden sich in aller Regel drei Gruppen zu Wort. Die einen – die Reihenfolge stellt keine Wertung dar – finden das Erbe der DDR gar nicht so schlimm, da sei allerhand erhaltenswert, und wer anders denke und handle, der betreibe Bilderstürmerei. Sie waren erfolgreich bei der Neuaufstellung des Marx-Reliefs der Universität und werden es sein, wenn das Gemälde Arbeiterklasse und Intelligenz von Werner Tübke im Universitätsneubau aufgehängt wird.

Die zweite Gruppe hält die DDR für einen Unrechtsstaat, lehnt Relativierungsversuche als reaktionär ab und empört sich, wenn das DDR-Bild ihrer Meinung nach weichgezeichnet wird. Sie verweisen unbeirrt auf die Schande der Sprengung der Universität und ihrer Kirche im Mai 1968 durch die DDR-Obrigkeit mit Walter Ulbricht und Paul Fröhlich. Als dritte Kraft sind die zu werten, die, obschon von Amts wegen mit diesen Problemen befasst, sich wegducken, nicht äußern, die keinen Termin finden, auf Dienstreise sind, es sich mit niemandem verderben wollen und die Sache auszusitzen versuchen. Wer sich eine Weile in diesen Gefilden umtut, kennt seine Pappenheimer, Freunde und Widersacher auswendig und kann auch im Schlaf herbeten, wer bei einem Streitfall in welchem Lager zu finden sein wird.

Diesmal: Es war einmal am Brühl, der Pelzmeile, ein Kaufhaus, ein bürgerstolzer Prachtbau aus dem Jahr 1908 mit steinernen Giebeln, Glücksfall des Jugendstils, eines von vielen Zeugnissen einer Zeit des Reichtums der Messestadt, die vom Hauptbahnhof bis zum Reichsgericht, vom Völkerschlachtdenkmal über die Deutsche Bücherei bis zur Kongresshalle des Zoos schäumende Energie bewies; die Löwenstadt, das europäische Rauchwaren- und Druckereizentrum. Bomben des Zweiten Weltkriegs beschädigten diesen Konsumtempel arg, zerstörten ihn aber nicht gänzlich. Teile konnten genutzt werden, bis 1968 die Restaurierung begann und eine geschwungene schimmernde Metallfassade vorgesetzt wurde – die »Blechbüchse«, so der Volksmund mehr zärtlich als spöttisch, gehört zum wenigen Guten, ja zum Besten, was zu DDR-Zeiten architektonisch geschaffen worden ist.

Die Stadt muss nicht zwischen DDR und Jugendstil wählen – beides geht

Wohnhochbauten der Plattenzeit daneben erwiesen sich als verschlissen und wurden abgeräumt, ein 300 Meter langer Filet-Raum schrie nach einem Investor, der fand sich und erwarb zum Plattengrund die »Blechbüchse«, wollte loslegen, nahm die Latten ab, um sie zu bewahren und später wieder anzubringen, aber siehe da, hinter dem Aluminium hatte Dornröschen geschlafen, die alte Sandsteinfassade, und war keineswegs so brandbröselig, von Fassadenankern zerbohrt wie vermutet. Die Prinzessin schlug die Augen auf und bat um einen Schluck Wasser, einen Waschlappen, um Kamm und ein wenig Lippenrot, sie wollte wieder schmuck sein und bescherte den Leipzigern prompt ein neues Dilemma.

Die drei Gruppierungen reagierten wie zu erwarten. Die Wegducker ließen die Rollläden runter, die an der eben verflossenen Diktatur doch manches gute Haar fanden, sie pochten auf den Denkmalschutz und riefen, wieder solle ein Stück ihrer Identität vernichtet werden, während die Traditionalisten die Restaurierung forderten. Sie hatten schlechte Karten, nur ein Häuflein demonstrierte jeweils samstags mit Plakaten und Unterschriftslisten, keine Unterstützung erfolgte von außerhalb, nicht einmal die Kleine Hufeisennase, ein Fledermäuschen, das sich wacker der Dresdener Waldschlösschenbrücke in den Weg gestellt hatte, flatterte herbei.

Der Investor stellte sich keineswegs stur, pochte nicht bastamäßig auf Verträge, sondern versuchte der neuen Situation gerecht zu werden. Er wolle ja einen guten Faden zu seinen künftigen Kunden spinnen, ließ er verlauten und schlug vor, an einem Stücklein der Fassade ein Zitat anzubringen, also 90 Prozent Blech und 10 Prozent Stein, was von den Bewahrern abgelehnt wurde. Sie erinnerten sich mancher Niederlage, so hatten sie ein ehrwürdiges Renaissancehaus, die Kleine Funkenburg, ein Kleinod ihrer Stadt, nicht retten können, es musste einer autofreundlichen Begradigung weichen und wurde durch eine Straßenbahnhaltestelle ersetzt.

Gegenwärtig wird ein weiterer Vorschlag diskutiert, er stammt von Niels Gormsen, der nach 1990 Baubürgermeister dahier war und anschließend seinen Ruhestand würzte, indem er einen Verein gründete und leitete, der einige unter das Pflaster verbannte Flussläufe wieder ans Licht brachte. Gormsen will die nach Westen gerichtete Steinfassade erhalten wissen und der Blechblende am Ostende gebührenden und ausreichenden Raum geben. Dazwischen böten die Flanken zwei an die 300 Meter lange Möglichkeiten, moderne und modernste Architektur zu zeigen. So entstünde ein Patchworkhaus mit Stilen von hundert Jahren, ein Unikum, ein Unikat, mit dem sich die Leipziger Lager anfreunden könnten und das die Gäste entzückte.

Haben die Verantwortlichen in aller Stille schon entschieden?

Haben die Verantwortlichen in aller Stille schon entschieden?

Wird überhaupt noch diskutiert, kommt dieser Vorschlag zu spät, sind in aller Stille die Würfel gefallen, haben die schweigsamen Entscheidungsträger alle Hebel endgültig umgelegt? Das fragen sich die Frauen und Männer, die samstags vor den Abrissbaggern ihre Plakate und Ideale hochhalten. Es kann sein, eines Tages bleiben sie daheim, geschlagen wie einst vor den Trümmern der Kleinen Funkenburg, und keine Enkel können es jemals besser ausfechten.

Erich Loest , geboren 1926 in Mittweida, gehört zu Deutschlands großen politischen Erzählern (»Durch die Erde ein Riss«; »Nikolaikirche«). Der Ehrenbürger Leipzigs fühlt sich seiner Stadt als herzlicher Kritiker verbunden. Zuletzt erschienen von ihm der Mauerfallroman »Löwenstadt« und die Nachwendeerzählung »Wäschekorb«. 2009 erhielt Loest den Deutschen Nationalpreis