Craig Venter gelang es, synthetisches "Leben" zu züchten © Mark Wilson/Getty Image

Im Anfang war die Neugier. In Vincenzo Natalis Film Splice, der dieser Tage in die Kinos kommt, feiern die Biologen Clive und Elsa den Triumph ihres Lebens: Dem heftig verliebten Paar gelingt es, die DNA einer Frau in einen Zellkern einzupflanzen und eine eigene Kreatur zu schaffen. Das Laborgeschöpf wächst und wächst, und ehe man sich versieht, platzt die künstliche Fruchtblase, und eine Ungestalt hüpft aus dem Brutkasten. Nicht Mensch, nicht Tier, sondern eine Schimäre – das monströse Mischwesen der Synthetischen Biologie.

Natürlich, das ist Horror-Science-Fiction und hat mit der richtigen Wissenschaft nichts zu tun. Wirklich nicht? Tatsächlich definiert auch das Forscherpaar in Splice die Natur als eine Maschine. Man müsse sie nur mit den richtigen Informationen füttern, dann tue sie brav genau das, was der Schöpfer von ihr verlange. Die Pointe dabei ist: Genau das sagt der sehr reale Craig Venter auch, jener Genforscher, dem es vor zwei Wochen als Erstem gelang, synthetisches »Leben« zu züchten (ZEIT Nr. 22/10) . »Sobald man einer Zelle ein neues genetisches Programm verpasst, fängt sie sofort an, es abzuspielen. Wie bei einem alten Computer, auf den man neue Software aufspielt.«

Trivialfilme wie Splice leben von einer tief sitzenden kulturellen Angst, der Angst vor Monsterzüchtungen, vor Cyborgs, Mutanten und Doppelgängern. Aber man könnte die Perspektive auch einmal umdrehen und fragen: Was ist, wenn in der Genforschung nichts schiefliefe und alles unfallfrei funktionierte? Was ist, wenn es Bio-Ingenieuren gelänge, nicht nur die äußere Natur, sondern auch den menschlichen Körper wie einen Computer neu zu programmieren? Wie würde sich dann unser kulturelles Verständnis vom »Leben« verändern?

Pathetisch gesagt: Craig Venters Erfolg, die Herstellung eines fortpflanzungsfähigen Bakteriums, markiert eine Zäsur in der Metapherngeschichte des Abendlandes. Denn von Aristoteles bis Adorno ist »Leben« stets als eine nicht menschliche Potenz beschrieben worden – als Mysterium, als unergründliches Wunder, als Gnade Gottes oder Nicht-Identität. Das »Leben des Lebens« war per definitionem eine schöpferische Kraft, ein undurchdringliches »Sein«, an dessen Selbstbewegung die Taten des Menschen ihre natürlichen Grenzen finden.

Diese Vorstellung ist nun Geschichte. Denn in dem Maße, wie sich natürliche Prozesse genetisch programmieren lassen, verliert das »Leben« seine Undurchdringlichkeit; es verwandelt sich von einer rätselhaften Selbstbewegung in ein beherrschbares, durch und durch transparentes Produkt.

Gewiss, das ist bislang nur ein Laborversuch. Doch einmal angenommen, eine weltweite Bio-Industrie wird eines Tages den letzten verbliebenen Regenwald und die letzte Karotte genetisch verbessert haben, dann wird sich die Grenze zwischen Zivilisation und Natur auflösen, der natürliche Unterschied von Welt und Erde, Gemachtem und Gewachsenen. Überall trägt die alte »Natur-Natur« die unsichtbare Handschrift der Zivilisation, überall finden sich Spuren synthetisch erzeugten Lebens. Kulturlandschaften kann man wieder verwildern lassen, die Neucodierung der Natur aber ist irreversibel. Ein neues Zwischenreich wird entstehen, das weder ganz natürlich noch ganz künstlich ist, halb Natur und halb Artefakt. Romantiker wie der Dichter Joseph Eichendorff schwärmten: »Schläft ein Lied in allen Dingen«. Genforscher sagen künftig: Es steckt menschliches Wissen in allen Dingen.