Synthetische Biologie Leben 2.0

Was passiert, wenn es der Bio-Industrie gelingt, den menschlichen Körper neu zu programmieren

Craig Venter gelang es, synthetisches "Leben" zu züchten

Craig Venter gelang es, synthetisches "Leben" zu züchten

Im Anfang war die Neugier. In Vincenzo Natalis Film Splice, der dieser Tage in die Kinos kommt, feiern die Biologen Clive und Elsa den Triumph ihres Lebens: Dem heftig verliebten Paar gelingt es, die DNA einer Frau in einen Zellkern einzupflanzen und eine eigene Kreatur zu schaffen. Das Laborgeschöpf wächst und wächst, und ehe man sich versieht, platzt die künstliche Fruchtblase, und eine Ungestalt hüpft aus dem Brutkasten. Nicht Mensch, nicht Tier, sondern eine Schimäre – das monströse Mischwesen der Synthetischen Biologie.

Natürlich, das ist Horror-Science-Fiction und hat mit der richtigen Wissenschaft nichts zu tun. Wirklich nicht? Tatsächlich definiert auch das Forscherpaar in Splice die Natur als eine Maschine. Man müsse sie nur mit den richtigen Informationen füttern, dann tue sie brav genau das, was der Schöpfer von ihr verlange. Die Pointe dabei ist: Genau das sagt der sehr reale Craig Venter auch, jener Genforscher, dem es vor zwei Wochen als Erstem gelang, synthetisches »Leben« zu züchten (ZEIT Nr. 22/10) . »Sobald man einer Zelle ein neues genetisches Programm verpasst, fängt sie sofort an, es abzuspielen. Wie bei einem alten Computer, auf den man neue Software aufspielt.«

Anzeige

Trivialfilme wie Splice leben von einer tief sitzenden kulturellen Angst, der Angst vor Monsterzüchtungen, vor Cyborgs, Mutanten und Doppelgängern. Aber man könnte die Perspektive auch einmal umdrehen und fragen: Was ist, wenn in der Genforschung nichts schiefliefe und alles unfallfrei funktionierte? Was ist, wenn es Bio-Ingenieuren gelänge, nicht nur die äußere Natur, sondern auch den menschlichen Körper wie einen Computer neu zu programmieren? Wie würde sich dann unser kulturelles Verständnis vom »Leben« verändern?

Pathetisch gesagt: Craig Venters Erfolg, die Herstellung eines fortpflanzungsfähigen Bakteriums, markiert eine Zäsur in der Metapherngeschichte des Abendlandes. Denn von Aristoteles bis Adorno ist »Leben« stets als eine nicht menschliche Potenz beschrieben worden – als Mysterium, als unergründliches Wunder, als Gnade Gottes oder Nicht-Identität. Das »Leben des Lebens« war per definitionem eine schöpferische Kraft, ein undurchdringliches »Sein«, an dessen Selbstbewegung die Taten des Menschen ihre natürlichen Grenzen finden.

Diese Vorstellung ist nun Geschichte. Denn in dem Maße, wie sich natürliche Prozesse genetisch programmieren lassen, verliert das »Leben« seine Undurchdringlichkeit; es verwandelt sich von einer rätselhaften Selbstbewegung in ein beherrschbares, durch und durch transparentes Produkt.

Gewiss, das ist bislang nur ein Laborversuch. Doch einmal angenommen, eine weltweite Bio-Industrie wird eines Tages den letzten verbliebenen Regenwald und die letzte Karotte genetisch verbessert haben, dann wird sich die Grenze zwischen Zivilisation und Natur auflösen, der natürliche Unterschied von Welt und Erde, Gemachtem und Gewachsenen. Überall trägt die alte »Natur-Natur« die unsichtbare Handschrift der Zivilisation, überall finden sich Spuren synthetisch erzeugten Lebens. Kulturlandschaften kann man wieder verwildern lassen, die Neucodierung der Natur aber ist irreversibel. Ein neues Zwischenreich wird entstehen, das weder ganz natürlich noch ganz künstlich ist, halb Natur und halb Artefakt. Romantiker wie der Dichter Joseph Eichendorff schwärmten: »Schläft ein Lied in allen Dingen«. Genforscher sagen künftig: Es steckt menschliches Wissen in allen Dingen. 

Leser-Kommentare
  1. ...wird man alpha,-beta,-epsilon-Kinder einteilen. In der "Schönen Neuen Welt" (Aldous Huxley) kann man es nachlesen - was ich jedem an Gesellschaft Interessierten dringend rate. (Fischer, 7,95€)

    Susanne Gaschke (Wovor habt Ihr Angst, ZEITonline)braucht sich also bald nicht mehr sorgen: Wir lassen den Nachwuchs produzieren.

    Aber vielleicht "erwägen Intellektuelle und Gebildete Mittel und Wege, die Utopien zu vermeiden und zu einer nichtutopischen, einer weniger `vollkommenen´ und freieren Gesellschaftsform zurückzukehren". (Nikolai Berdjajew)

  2. Alles und jedes noch so winzige Experiment in der Forschung unterliegt der absoluten Einflussdominanz der Quanten. Insofern ist es völlig absurd anzunehmen, dass der Mensch bestimmen kann, wie das Ergebnis aussieht. Es wäre an der ZEIT, sich den neuen Wissenstandards anzunähern!!!

  3. zitat aus dem verlinkten zeitartikel:
    "Unter Experten lässt sich daher trefflich darüber streiten, wie viel künstliches Leben Venters Forschertruppe tatsächlich erzeugt hat. Denn die wirkliche Neuschöpfung einer Kreatur, wie sie zuvor auf der Erde noch nie existierte, liegt noch weit jenseits der technischen Möglichkeiten der Labors. Bislang haben Venter und sein Team eher eine Kopie dessen geliefert, was die Natur erfand.

    J. Craig Venter mag Schöpfungsfantasien hegen, wahr gemacht hat er sie noch lange nicht. Venter habe kein neues Leben erfunden, urteilt der Nobelpreisträger David Baltimore, »er hat es nachgemacht«. Bislang ist Homo Faber nur ein Homo Plagiator und das Leben noch ein Geheimnis."

    also mal schoen auf dem boden bleiben. da hat jemand das wort "gen" auf den lippen und die reaktion ist gleich: huxley, sklavenhalter, genozid, apokalypse. ich wuerde gerne einen artikel lesen, der sich mit nutzen, risiken und gesellschaftlichem explosionspotenzial der neuen medizinisch-biologischen techniken auseinandersetzt, anstatt dieses vielfach wiederholte "alles geht den bach runter".

    • Sikumu
    • 07.06.2010 um 14:52 Uhr

    Craig Venter?
    Craig Venter!
    http://www.youtube.com/wa...

  4. Als das Wesentliche der Kultur ist die ethische Vollendung der Einzelnen wie der Gesellschaft anzusehen.
    Wille zur Kultur setzt voraus, dass man sich des Ethischen als des höchsten Wertes bewußt ist.
    Unsere Politik aber ist von Egoismen und egoistischen Interessen geprägt und hat mit Kultur und Ethik nichts am Hut.
    Viele Naturwissenschaftler (insbesonders die Gentechniker) sind in ihrem Selbstverständlich unsozial und bedienen die Gier der Technokraten. Die plakative Verwendung des Begriffs "sozial" beherrschen die Gentechniker inzwischen perfekt. Inhaltlich wird nicht mehr diskutiert. Wer nachdenkt und eine Meinung hat ist rückständig und fortschrittsfeindlich.
    Im Laufe der Jahre wurde diese Diskussion zig mal geführt, ohne dass die Gentechnikbeführworter hätten punkten können.
    Dass trotzdem immer weiter gemurkst wird, zeigt wie wenig Wert das ist, was man als Demokratie bezeichnet. Jegliche Art von "Totschlagargument" gehört zum Sprachschatz auch des kleinsten Murksers an den Genen.
    Die Bioethikkonvention hat gezeigt, wie dumm Politik das Unsoziale zulässt. Mehr rechtliche Löcher als dieses Gesetzeswerk hat nicht einmal ein Golfplatz.
    Der gentechnologische Mythos ist längst enttarnt. Aber das spielt keine Rolle. Die unheilige Allianz der Beführworter kann da nur lachen.

    • Sikumu
    • 10.06.2010 um 16:25 Uhr

    Die Philosophie des Aristoteles (wie im Artikel angesprochen) sehe ich in keiner Weise durch Venters Forschung berührt.
    Whitehead hat ja mal die gesamte abendländische Philosophiegeschichte als Fußnote zu Platon bezeichnet. In dieser Tradition war sie auf der Suche nach dem Bleibenden, dem Unveränderlichen, dem Sein das dem Seienden zugrundeliegt, dem Ewigen. Die Welt in der wir leben war nie ein herausragender Kandidat für diese Attribute. Denn sie ist bestimmt durch Bewegung, Veränderung, Vergänglichkeit, Endlichkeit. Eben nur ein Schattenspiel an der Wand, nur eine Reflexion der eigentlichen Wirklichkeit.
    Dass diese Welt und die in ihr existierenden Objekte und Lebewesen manipulierbar sind, wie uns immer wieder vor Augen geführt wird, steht dieser philosophischen Haltung überhaupt nicht im Weg.
    "Vielleicht ist das, was wir Leben nennen, ein Traum und das was wir Traum nennen, das Leben. " (Platon)

  5. Im Laufe der genetisch basierten Evolution erfolgte eine Anpassung des Genotyps und Phänotyps an das Lebensumfeld durch das Prinzip der Variation und Selektion. Dies ist ein sich selbst kontrollierendes System, d. h., die Evolution hat einen großen Kontrollaufwand implementiert, um das Wachstum des Lebens in geregelten Bahnen ablaufen zu lassen, was nur unter Einsatz eines riesigen Zeitaufwandes und vieler Versuche möglich war. Das Ergebnis derartiger Anpassung, also die Information bezüglich genetischer Veränderungen, ist im Genotyp gespeichert und wird an die nächsten Generationen über Fortpflanzung weitergegeben. Beim Auftreten des Menschen als ein Produkt der Evolution entstand eine neue Situation der Umweltanpassung. Ihm gelang es, das Prinzip der Umweltanpassung umzukehren, indem er sein Lebensumfeld an seinen Phänotyp anpasste. Die Information bezüglich dieser Anpassung ist nun nicht mehr genetisch, sondern im Gehirn der einzelnen Menschen einschließlich externer Festplatten abgespeichert. Die Akkumulation dieser Informationen bildet die Evolution kultureller Systeme, die nur möglich ist, indem die Informationen über Kommunikation von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. (siehe auch: www.walter-w-schuler.com)

  6. Mit Beginn der Züchtung von Haustieren und Nutzpflanzen griff der Mensch zum ersten Mal in den Verlauf der genetisch basierten Evolution ein. Er fing an, Bereiche der Evolution an seine Bedürfnisse anzupassen. Dieser genetische Eingriff beschränkte sich jedoch zunächst nur auf die gezielte Verstärkung von Anlagen, welche die Evolution im Kern sowieso schon hervorgebracht hat.
    Die Entwicklung der Gentechnologie hat nun eine absolut neue Qualität im Umgang mit der Evolution möglich gemacht. Sie versetzt den Menschen in die Lage, durch gezielte Veränderungen der DNA-Daten Variationen des Phänotyps zu erzielen. Damit klingt sich der Mensch teilweise wieder in die genetisch basierte Evolution ein, indem er die Funktion der Variation ersetzt durch gezielte Veränderungen der DNA. Er ist damit in der Lage mit vergleichsweise geringem zeitlichem Aufwand im Labor genetisches Wissen in der DNA zu verändern. Die Bedeutung dieser Errungenschaft stelle ich auf die gleiche Stufe wie die Entdeckung der ersten Werkzeuge durch den Homo habilis und bewerte dies als eine logische und zwangsläufige Entwicklung. Die Gentechnologie ist ein kulturelles System, dessen Wachstum mittlerweile nationale Grenzen und Kontrollen überschritten hat. Die aus der Genforschung abgeleitete Gentechnologie wird auf die Menschheit und die belebte Natur globalen Einfluss nehmen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service