Die HeroRats des Niederländers Bart Weetjens erschnüffeln Landminen und Tuberkulose-Erreger – eines der bei TEDx Hamburg vorgestellten Projekte © Eric Nathan/Apopo

Das hat Ernst Pöppel wohl noch nie erlebt: Seit gut 20 Jahren hält der Psychologe von der Universität München Vorträge über das "Drei-Sekunden-Phänomen". Die Tatsache, dass die Gegenwart für unser Gehirn aus entsprechend kurzen Zeitabschnitten besteht, illustriert er mit Gedichtzeilen und Kippfiguren. Aber am vergangenen Donnerstag rang ihm das Publikum zum ersten Mal eine Zugabe ab. Kein Problem für den erfahrenen Wissenschaftskommunikator – der 70-Jährige stieg noch einmal auf die Bühne und sprach ein paar Minuten über das, was ihm gerade so durch den Kopf ging.

Die Bühne stand im Hamburger Curio-Haus, und Pöppel war einer der Redner bei " TEDx Hamburg ". Für alle, die nicht wissen, was TED (Technology, Entertainment and Design) ist: ein ebenso legendäres wie exklusives jährliches Kolloquium in den USA, das seit 1984 unter dem Motto Ideas worth spreading ("verbreitungswürdige Ideen") eine bunte Mischung aus jeweils 18-minütigen Beiträgen zu Technik, Wissenschaft und Kunst anbietet. Zu TED kann man sich nicht anmelden. Man wird eingeladen, den Jahresbeitrag von zurzeit etwa 6000 Dollar zu bezahlen, der zur Teilnahme berechtigt.

Entsprechend erlesen ist das Publikum, und so kann es sich der Veranstalter leisten, den Rednern außer Spesen kein Honorar anzubieten – sie kommen trotzdem alle: von Bill Gates bis Bono, von Bill Clinton bis Jamie Oliver. Pflegte der TED-Gründer Richard Wurman noch einen geheimbündlerischen Geist, so demokratisierte der jetzige TED-Chef Chris Anderson die Konferenz gehörig: Zwar muss das gemeine Volk immer noch draußen bleiben, es darf nun aber sämtliche Vorträge im Internet anschauen. Diese "TED-Talks" werden millionenfach angeklickt.

Seit einem guten Jahr gibt es jetzt die Möglichkeit, überall auf der Welt eine eigene kleine TED-Konferenz zu organisieren. Der Name TEDx macht klar, dass es sich dabei nicht um das Original handelt, die Organisatoren dürfen auch nur maximal 100 Dollar Eintritt verlangen und dabei keinen Gewinn machen. Zudem müssen sie detaillierte Richtlinien zum Format der Veranstaltung akzeptieren. So dürfen sie keine Werbung für Firmen oder religiöse Gruppen machen, der Spirit muss stimmen – und mindestens ein Viertel der Veranstaltung muss, genau, durch TED-Videos aus der Konserve bestritten werden.

Die Berliner PR-Agentur Red Onion hat nun zum zweiten Mal in Deutschland ein TEDx-Event veranstaltet, nach Berlin war Hamburg der Austragungsort. Das denglische Motto Rebooting the Future gab den interpretationsfähigen Rahmen für elf Vorträge aus Wirtschaft, Wissenschaft und sozialen Initiativen. Die Richtlinien des amerikanischen Originals halten die Sprecher an, den "besten Vortrag ihres Lebens" zu halten und eine Idee zu präsentieren, "die die Welt verändern könnte".

Doch am charmantesten waren die Präsentationen, in denen der Anspruch ein wenig tiefer hing und kleine, aber überzeugende Projekte vorgestellt wurden: etwa die Firma Specialisterne des Dänen Thorkil Sonne, die nur Menschen mit Autismus beschäftigt. Oder die HeroRats , die heldenhaften Ratten des Niederländers Bart Weetjens, die in Mosambik Landminen erschnüffeln oder Speichelproben auf Tuberkulose-Erreger untersuchen.

Auch eine lokale Initiative begeisterte das Publikum: "Das Geld hängt an den Bäumen" nennt Jan Schierhorn sein Projekt, in dem Behinderte in Privatgärten oder Parks Äpfel auflesen, die sonst vergammeln würden, und daraus wohlschmeckenden Apfelsaft der Marken "Nachbars Garten" oder "Gott sei Dank" pressen. Verbreitungswürdig? Durchaus.