Dirigent Daniel Barenboim"Wo ist die jüdische Intelligenz?"

Die Zukunft arbeitet gegen dieses Land: Der große Musiker und Friedensaktivist Daniel Barenboim spricht über die aktuelle Lage Israels

DIE ZEIT: Herr Barenboim, seit Jahren setzen Sie sich als Musiker und Weltbürger für die Verständigung von Israelis und Arabern, von Israelis und Palästinensern ein. Seit Anfang der vergangenen Woche, seit der israelischen Militäraktion gegen einen Schiffskonvoi von propalästinensischen Aktivisten, wirkt jede Friedenshoffnung hilfloser denn je. Wie haben Sie von dem blutigen Zwischenfall erfahren?

Daniel Barenboim: Ich war in Duisburg, da haben meine Frau und einer meiner Söhne ein Kammermusik-Konzert gespielt, und auf dem Rückweg habe ich davon gehört.

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ZEIT: Was haben Sie gedacht?

Barenboim: Schrecklich.

ZEIT: Wie deuten Sie, was da passiert ist?

Barenboim: Es war einfach dumm. Jenseits der moralischen Frage: Ich verstehe auch strategisch eine solche Aktion nicht. Was denkt denn die israelische Regierung, was die Folgen eines solchen Einsatzes sein werden? Ich begreife nicht, was mit dem Mythos der jüdischen Intelligenz passiert ist.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Barenboim: Sowohl Antisemiten wie Philosemiten waren besessen vom Mythos der Intelligenz der Juden – auch Richard Wagner. (lacht) Was ist passiert? Wo ist die Intelligenz geblieben?

Daniel Barenboim

Der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim setzt sich wie kaum ein anderer Künstler von Weltruhm für Versöhnung im Nahostkonflikt ein. Er ist in den Palästinensergebieten in Konzerten aufgetreten und hat das West-Eastern Divan Orchestra aus jungen israelischen und arabischen Musikern gegründet. In Israel hat er sich für die dort heftig umstrittene Aufführung von Werken Richard Wagners eingesetzt. Barenboim, 1942 in Buenos Aires in einer vor den Pogromen im zaristischen Russland geflohenen jüdischen Familie geboren, war ein musikalisches Wunderkind: Er hat sein Klavierdebüt mit sieben Jahren gegeben. Von 1991 bis 2006 war er Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra, seit 1992 ist er Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin.

ZEIT: Die israelische Regierung argumentiert mit ihrem Recht auf Selbstverteidigung.

Barenboim: Natürlich. Wenn du ein anderes Land besetzt, dann musst du dich die ganze Zeit verteidigen. 

ZEIT: Halten Sie die israelische Bedrohungsanalyse nur für Einbildung oder Paranoia?

Barenboim: Nein, die Israelis müssen sich in der Tat verteidigen, aber nur deshalb, weil sie so agieren, wie sie es getan haben und weiterhin tun. Sehen Sie, man kann mit Blick auf die Palästinenser bezweifeln, ob sie wirklich das Existenzrecht Israels akzeptieren und ob sie wirklich mit den Juden zusammenleben wollen. Nur hat das, anders als eine verbreitete israelische Interpretation unterstellt, mit den Nazis und dem Holocaust nichts zu tun. Wenn ein Palästinenser, dessen Familie ein Haus in Jaffa oder in Nazareth seit dem 11. Jahrhundert besitzt, nun nicht mehr das Recht hat, dort zu leben, und dieser Mensch hasst dann die Israelis – das hat doch mit Adolf Hitler nichts zu tun.

ZEIT: Sie meinen, Israel verteidigt nicht sich selbst, sondern die eigene Besatzungspolitik?

Barenboim: Wenn die Blockade des Gaza-Streifens nicht da wäre, müsste man sie auch nicht auf diese übertriebene Weise sichern und aufrechterhalten. Ich würde heute hinfliegen, wenn ich wüsste, ich könnte hineinkommen und spielen.

Leser-Kommentare
  1. Ab und an keimt etwas Hoffnung, die Nicht-Verrückten könnten doch eines Tages zusammen dafür sorgen, dass Idioten und Verblendete nichts mehr zu sagen haben.

    Danke für dieses Interview.

    • colca
    • 11.06.2010 um 15:16 Uhr

    Vor einem Mann wie Barenboim kann man nur respektvoll den Hut ziehen.
    Ein außergewöhnlich gutes Interview, welches wohl nur ein Mensch seines Formats geben kann.

    Leider scheinen die Stimmen der Vernunft immer schwächer zu werden, zumal sie fast ausschließlich von reiferen Jahrgängen vertreten werden. So ist zumindest meine Wahrnehmung.

    Wen alles so weitergeht wie in den letzten Jahrzehnten, wird Israel vermutlich seinen 100. Geburtstag nicht erleben.
    Es wäre nicht der erste und wohl auch nicht der letzte Staat, der in dieser Region scheiterte.
    Fragt sich nur, zu welchem Preis...

  2. "Wenn ein Palästinenser, dessen Familie ein Haus in Jaffa oder in Nazareth seit dem 11. Jahrhundert besitzt...."

    Ein Lob für die besonders stabile Bauweise dieser Häuser, die ja nun schon 1000 Jahre stehen. Gerade auch unter Berücksichtigung, dass die Araber in Palestina seit der Unterwerfung durch die Osmanen in der Mehrheit arme Pachtbauern waren und mehr oder weniger armselig hausen mussten, auf Gedeih und Verderb feudalistischen Großgrundbesitzern ausgeliefert.

    Ich sehe keinen Anspruch, der sich aus der Geschichte ableitet, weder für die Araber als auch die Israelis. Man sollte also auf beiden Seiten dazu übergehen, die Probleme endlich im Hier und Heute zu lösen.

    Meine Familie hatte übrigens über Jahrhunderte ein Haus in Pommern. Wer würde mir da ein Rückkehrrecht einräumen?

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    • jumamo
    • 11.06.2010 um 15:32 Uhr

    Kommt drauf an, wie ideologisch oder pragmatisch Sie Ihr Rückkehrrecht nach Pommern definieren.
    In Pomorze können Sie sich als EU -Bürger jederzeit niederlassen.
    Es sollte halt nicht gerade unter Abspielung des Badenweiler Marschs passieren.
    Doch selbst dann wäre im heutigen Polen wohl nur ein kleines Bussgeld fällig.

    Ich Stimme @andyCGN zu. In der europäischen Union herrscht Freizügigkeit. Sie können jederzeit in Pommern investieren, ein Haus erwerben und/oder ein Geschäft etablieren. Dies ist der Effekt eines langjährigen europäischen Aussöhnungsprozess, der im Nahen Osten noch aussteht. Im Übrigen werden Sie bei einer Reise nach Pommern,Oberschlesien oder die Masurischen Seen feststellen können, wie viele einstmals vertriebene Deutsche Bewohner und deren Kinder heute wieder ihren Urlaub in diesen Regionen verbringen, Stätten der Vergangenheit aufsuchen und, ganz ab von jeglicher medialer Aufmerksamkeit, enge Kontakte zu unseren polnischen Nachbarn pflegen.

    • jumamo
    • 11.06.2010 um 15:32 Uhr

    Kommt drauf an, wie ideologisch oder pragmatisch Sie Ihr Rückkehrrecht nach Pommern definieren.
    In Pomorze können Sie sich als EU -Bürger jederzeit niederlassen.
    Es sollte halt nicht gerade unter Abspielung des Badenweiler Marschs passieren.
    Doch selbst dann wäre im heutigen Polen wohl nur ein kleines Bussgeld fällig.

    Ich Stimme @andyCGN zu. In der europäischen Union herrscht Freizügigkeit. Sie können jederzeit in Pommern investieren, ein Haus erwerben und/oder ein Geschäft etablieren. Dies ist der Effekt eines langjährigen europäischen Aussöhnungsprozess, der im Nahen Osten noch aussteht. Im Übrigen werden Sie bei einer Reise nach Pommern,Oberschlesien oder die Masurischen Seen feststellen können, wie viele einstmals vertriebene Deutsche Bewohner und deren Kinder heute wieder ihren Urlaub in diesen Regionen verbringen, Stätten der Vergangenheit aufsuchen und, ganz ab von jeglicher medialer Aufmerksamkeit, enge Kontakte zu unseren polnischen Nachbarn pflegen.

  3. Vielen Dank für Ihre Stellungnahme. Und noch mehr Dank für das West-Eastern Divan Orchestra. Während Kultur so oft belächelt, ihr Sinn bezweifelt und ihre Mittel beschnitten werden - die Wichtigkeit Ihrer Initiative der Begegnung und gemeinsamen Arbeit ist sowas von naheliegend. Danke für Ihr 'einfaches' Denken.

    • jumamo
    • 11.06.2010 um 15:32 Uhr

    Kommt drauf an, wie ideologisch oder pragmatisch Sie Ihr Rückkehrrecht nach Pommern definieren.
    In Pomorze können Sie sich als EU -Bürger jederzeit niederlassen.
    Es sollte halt nicht gerade unter Abspielung des Badenweiler Marschs passieren.
    Doch selbst dann wäre im heutigen Polen wohl nur ein kleines Bussgeld fällig.

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  4. daß nun alle Juden der Welt wissen: Es ist einer da, der ihnen hilft, wenn es erforderlich wird. Und der sie aufnimmt, wenn sie verfolgt werden.

    Ich glaube, daß gerade die jüdische Intelligenz um diesen Gedanken weiß, und deshalb nur sehr begrenzt gegen Israel Stellung bezieht.

    Ich kann es nachvollziehen.

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    Lassen wir mal die "jüdische Intelligenz" in Israel beiseite - das Land führte 1969 in Sachen Bildung die Welt an, heute steht Israel auf Platz 46 in der Pisastudie da. Herr Barenboim hat das Hauptproblem genannt: Hamas und Isr. Regierung reden nicht miteinander. Wie kann es da zu einer Verständigung kommen. 60 Jahre und kein Ende? Mittlerweile leben in Israel 7.5 Millionen Menschen, Juden, Moslems und Christen. Mitnichten wollen 99 Prozent dieser Bürger Feindseligkeit. Auch das Palästinensische Volk will den Frieden. Wäre ich Israelische Ministerpräsident, dann würde ich auch mit der Hamas verhandeln. Anererkennung hier Anerkennung dort - da steht jemand vor der Deutschen Bank und schreit, du Bank, ich erkenne dich nicht an. Anschliessend geht derselbe rein und beantragt ein Kredit. Genau so ist der Trotz der Hamas zu sehen. Als Katalysator des Palästinensischen Unmuts haben sie keine anderen Werkzeuge. Erwarten aber trotzdem Strom, Wasser und Telefonleitungen von Israel. Also würde ich als Isaeli Größe demonstrieren und über dieses kleingeplänkel hinwegschauen, verhandle mit ihnen, dort wo ihre Forderungen nicht zu akzeptieren sind, biete ich ihnen als cleverer Politiker eine andere Lösung und gemeinsam wird die Region anschließend zu einem Monaco und Singapur in wenigen Jahren aufgebaut. Die Chancen sind um ein vielfaches Höher als der derzeitige Verderb. Wer das nicht erkennt, muss halt weiterleiden. West - Ost - Israel als Tor zum Nahen Osten steckt genau in der Mitte.

    Lassen wir mal die "jüdische Intelligenz" in Israel beiseite - das Land führte 1969 in Sachen Bildung die Welt an, heute steht Israel auf Platz 46 in der Pisastudie da. Herr Barenboim hat das Hauptproblem genannt: Hamas und Isr. Regierung reden nicht miteinander. Wie kann es da zu einer Verständigung kommen. 60 Jahre und kein Ende? Mittlerweile leben in Israel 7.5 Millionen Menschen, Juden, Moslems und Christen. Mitnichten wollen 99 Prozent dieser Bürger Feindseligkeit. Auch das Palästinensische Volk will den Frieden. Wäre ich Israelische Ministerpräsident, dann würde ich auch mit der Hamas verhandeln. Anererkennung hier Anerkennung dort - da steht jemand vor der Deutschen Bank und schreit, du Bank, ich erkenne dich nicht an. Anschliessend geht derselbe rein und beantragt ein Kredit. Genau so ist der Trotz der Hamas zu sehen. Als Katalysator des Palästinensischen Unmuts haben sie keine anderen Werkzeuge. Erwarten aber trotzdem Strom, Wasser und Telefonleitungen von Israel. Also würde ich als Isaeli Größe demonstrieren und über dieses kleingeplänkel hinwegschauen, verhandle mit ihnen, dort wo ihre Forderungen nicht zu akzeptieren sind, biete ich ihnen als cleverer Politiker eine andere Lösung und gemeinsam wird die Region anschließend zu einem Monaco und Singapur in wenigen Jahren aufgebaut. Die Chancen sind um ein vielfaches Höher als der derzeitige Verderb. Wer das nicht erkennt, muss halt weiterleiden. West - Ost - Israel als Tor zum Nahen Osten steckt genau in der Mitte.

    • WuDang
    • 11.06.2010 um 15:50 Uhr
    7. Genau!

    Mehr muss ich zu diesem Interview nicht sagen.

  5. Er erzählt von der Erfahrung auf dem Schiff.
    http://www.youtube.com/wa...

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    Sympathisches Kerlchen, dieser Friedensaktivist. Ich frage mich, wie es um die Intelligenz jener Menschen steht, die sich ins Boot solcher Leute setzen.

    Ganz allgemein ist mir in der letzten Zeit aufgefallen, dass man mehr über die Friedensaktivisten und ihre Motivation erfährt, wenn man Al Jazeera und CNN Türk schaut, als wenn man die «Zeit» oder sonst eine deutschsprachige Zeitung liest. Die O-Töne von diesen Friedensaktivisten finden leider nie Zugang in die hiesigen Medien, stattdessen beschränkt man sich auf Interviews mit Musikern und Krimiautoren.

    Was für ein "Friedensaktivist", der da schreit und pöbelt.

    Mit solchen Leuten hat es die israelische Regierung zu tun!
    Und das Millionenfach. Da wär mir aber als Israeli ein Barenboim egal.

    Soviel Hass und Vernichtungswillen des "Friedensaktivisten" ist mit intelligenten Gesprächen nicht beizukommen. Die verstehen jede Annäherung als Schwäche!

    Sympathisches Kerlchen, dieser Friedensaktivist. Ich frage mich, wie es um die Intelligenz jener Menschen steht, die sich ins Boot solcher Leute setzen.

    Ganz allgemein ist mir in der letzten Zeit aufgefallen, dass man mehr über die Friedensaktivisten und ihre Motivation erfährt, wenn man Al Jazeera und CNN Türk schaut, als wenn man die «Zeit» oder sonst eine deutschsprachige Zeitung liest. Die O-Töne von diesen Friedensaktivisten finden leider nie Zugang in die hiesigen Medien, stattdessen beschränkt man sich auf Interviews mit Musikern und Krimiautoren.

    Was für ein "Friedensaktivist", der da schreit und pöbelt.

    Mit solchen Leuten hat es die israelische Regierung zu tun!
    Und das Millionenfach. Da wär mir aber als Israeli ein Barenboim egal.

    Soviel Hass und Vernichtungswillen des "Friedensaktivisten" ist mit intelligenten Gesprächen nicht beizukommen. Die verstehen jede Annäherung als Schwäche!

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