DIE ZEIT: Herr Barenboim, seit Jahren setzen Sie sich als Musiker und Weltbürger für die Verständigung von Israelis und Arabern, von Israelis und Palästinensern ein. Seit Anfang der vergangenen Woche, seit der israelischen Militäraktion gegen einen Schiffskonvoi von propalästinensischen Aktivisten, wirkt jede Friedenshoffnung hilfloser denn je. Wie haben Sie von dem blutigen Zwischenfall erfahren?

Daniel Barenboim: Ich war in Duisburg, da haben meine Frau und einer meiner Söhne ein Kammermusik-Konzert gespielt, und auf dem Rückweg habe ich davon gehört.

ZEIT: Was haben Sie gedacht?

Barenboim: Schrecklich.

ZEIT: Wie deuten Sie, was da passiert ist?

Barenboim: Es war einfach dumm. Jenseits der moralischen Frage: Ich verstehe auch strategisch eine solche Aktion nicht. Was denkt denn die israelische Regierung, was die Folgen eines solchen Einsatzes sein werden? Ich begreife nicht, was mit dem Mythos der jüdischen Intelligenz passiert ist.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Barenboim: Sowohl Antisemiten wie Philosemiten waren besessen vom Mythos der Intelligenz der Juden – auch Richard Wagner. (lacht) Was ist passiert? Wo ist die Intelligenz geblieben?

ZEIT: Die israelische Regierung argumentiert mit ihrem Recht auf Selbstverteidigung.

Barenboim: Natürlich. Wenn du ein anderes Land besetzt, dann musst du dich die ganze Zeit verteidigen. 

ZEIT: Halten Sie die israelische Bedrohungsanalyse nur für Einbildung oder Paranoia?

Barenboim: Nein, die Israelis müssen sich in der Tat verteidigen, aber nur deshalb, weil sie so agieren, wie sie es getan haben und weiterhin tun. Sehen Sie, man kann mit Blick auf die Palästinenser bezweifeln, ob sie wirklich das Existenzrecht Israels akzeptieren und ob sie wirklich mit den Juden zusammenleben wollen. Nur hat das, anders als eine verbreitete israelische Interpretation unterstellt, mit den Nazis und dem Holocaust nichts zu tun. Wenn ein Palästinenser, dessen Familie ein Haus in Jaffa oder in Nazareth seit dem 11. Jahrhundert besitzt, nun nicht mehr das Recht hat, dort zu leben, und dieser Mensch hasst dann die Israelis – das hat doch mit Adolf Hitler nichts zu tun.

ZEIT: Sie meinen, Israel verteidigt nicht sich selbst, sondern die eigene Besatzungspolitik?

Barenboim: Wenn die Blockade des Gaza-Streifens nicht da wäre, müsste man sie auch nicht auf diese übertriebene Weise sichern und aufrechterhalten. Ich würde heute hinfliegen, wenn ich wüsste, ich könnte hineinkommen und spielen.