Dirigent Daniel Barenboim "Wo ist die jüdische Intelligenz?"Seite 5/5

ZEIT: Warum interessiert sich die israelische Gesellschaft nicht für die Palästinenser?

Barenboim: Es gibt in Israel keine Neugierde. Die Leute sind einfach total selbstbezogen.

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ZEIT: Aber woher kommt das?

Barenboim: Edward Said war einer der intelligentesten Menschen, die ich je getroffen habe, er hat mir diese Frage tausend Mal gestellt, und ich konnte das nie beantworten. Wie ist das möglich? Bei einem Volk, das Spinoza und Maimonides und Martin Buber hervorgebracht hat? Es sind alles intelligente Menschen; wenn du mit ihnen über Beethoven oder über Shakespeare oder über Karl Marx sprichst, dann haben sie rationale Argumente, aber wenn du auf das Thema Palästinenser kommst, werden sie total blind. Das ist nicht zu erklären… 

ZEIT: Und was ist die Aussicht? Glauben Sie noch an eine Zukunft mit einem jüdischen und einem palästinensischen Staat, friedlich Seite an Seite? Oder gar an einen gemeinsamen Staat für Juden und Palästinenser?

Barenboim: Zunächst einmal stellt sich diese Alternative zurzeit gar nicht, die aktuelle Lage ist viel zu verzweifelt. Wenn man sich aber zwei Staaten vorstellt, so wissen wir seit Jahren, wie die Lösung aussehen müsste: Ost-Jerusalem wird palästinensische Hauptstadt, die Siedlungen müssen weg, und dann muss noch ein bisschen Gebietsaustausch zwischen Israel und Palästina stattfinden.

ZEIT: Und was wird aus dem Rückkehrrecht der Palästinenser, die auf heute israelischem Territorium zu Hause waren und als Flüchtlinge im Libanon, in Jordanien, in Syrien leben?

Barenboim: Wenn wir nicht über Israel und Palästina sprechen würden, sondern über irgendein Land in der Welt, würden Sie denen dann wirklich das Rückkehrrecht bestreiten? Man kann es ihnen nicht verweigern. Das ist unmenschlich. Man kann aber über die Implementierung des Rückkehrrechts verhandeln. Das Problem ist: Die Araber wollen eine pragmatische Lösung dieses Konflikts, und Israel will eine ideologische.

ZEIT: Wieso ideologisch? Sie meinen, Israel will nicht abrücken vom Prinzip, dass es ein jüdischer Staat ist? Finden Sie das wirklich illegitim?

Barenboim: Zumindest so, wie es heute praktiziert wird, hat es keine Berechtigung. Die Welt von 2010 ist nicht mehr die von 1948. Und die Zeit arbeitet nicht für Israel. Die Hegemonie der Vereinigten Staaten ist im Niedergang begriffen. Wir sehen neue Weltmächte aufsteigen – China, Indien oder Brasilien. Vielleicht sind Sie besser informiert als ich, aber ich kenne keine jüdische Lobby in Peking oder Neu-Delhi. Wer wird in zehn oder zwanzig Jahren für Israel sprechen?

ZEIT: Haben Ihre Kinder noch so eine starke Verbindung zu Israel wie Sie?

Barenboim: Nein. Meine Söhne haben einen Vater, der einen argentinischen, einen spanischen, einen israelischen und einen palästinensischen Pass hat. Sie haben eine Mutter, die in Moskau geboren ist, seit Jahren in Deutschland lebt und einen deutschen Pass hat. Und meine Söhne sind beide in Frankreich geboren. Beide fahren ab und zu nach Israel – der eine, weil er Geige spielt auf einem wunderbaren Kammermusikfestival, das meine Frau dort leitet, der andere kommt hin und wieder zu Besuch.

ZEIT: Die beiden leiden nicht mehr mit und um Israel?

Barenboim: Doch. Der eine hat allerdings vor ein paar Tagen gesagt: "Ich habe jetzt die Nase voll. Was habe ich mit Israel zu tun? Wir werden dauernd dafür verantwortlich gemacht, nur weil wir Juden sind. Das ist nicht in Ordnung."

Die Fragen stellten Carolin Emcke und Jan Ross

 
Leser-Kommentare
  1. Ab und an keimt etwas Hoffnung, die Nicht-Verrückten könnten doch eines Tages zusammen dafür sorgen, dass Idioten und Verblendete nichts mehr zu sagen haben.

    Danke für dieses Interview.

    • colca
    • 11.06.2010 um 15:16 Uhr

    Vor einem Mann wie Barenboim kann man nur respektvoll den Hut ziehen.
    Ein außergewöhnlich gutes Interview, welches wohl nur ein Mensch seines Formats geben kann.

    Leider scheinen die Stimmen der Vernunft immer schwächer zu werden, zumal sie fast ausschließlich von reiferen Jahrgängen vertreten werden. So ist zumindest meine Wahrnehmung.

    Wen alles so weitergeht wie in den letzten Jahrzehnten, wird Israel vermutlich seinen 100. Geburtstag nicht erleben.
    Es wäre nicht der erste und wohl auch nicht der letzte Staat, der in dieser Region scheiterte.
    Fragt sich nur, zu welchem Preis...

  2. "Wenn ein Palästinenser, dessen Familie ein Haus in Jaffa oder in Nazareth seit dem 11. Jahrhundert besitzt...."

    Ein Lob für die besonders stabile Bauweise dieser Häuser, die ja nun schon 1000 Jahre stehen. Gerade auch unter Berücksichtigung, dass die Araber in Palestina seit der Unterwerfung durch die Osmanen in der Mehrheit arme Pachtbauern waren und mehr oder weniger armselig hausen mussten, auf Gedeih und Verderb feudalistischen Großgrundbesitzern ausgeliefert.

    Ich sehe keinen Anspruch, der sich aus der Geschichte ableitet, weder für die Araber als auch die Israelis. Man sollte also auf beiden Seiten dazu übergehen, die Probleme endlich im Hier und Heute zu lösen.

    Meine Familie hatte übrigens über Jahrhunderte ein Haus in Pommern. Wer würde mir da ein Rückkehrrecht einräumen?

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    • jumamo
    • 11.06.2010 um 15:32 Uhr

    Kommt drauf an, wie ideologisch oder pragmatisch Sie Ihr Rückkehrrecht nach Pommern definieren.
    In Pomorze können Sie sich als EU -Bürger jederzeit niederlassen.
    Es sollte halt nicht gerade unter Abspielung des Badenweiler Marschs passieren.
    Doch selbst dann wäre im heutigen Polen wohl nur ein kleines Bussgeld fällig.

    Ich Stimme @andyCGN zu. In der europäischen Union herrscht Freizügigkeit. Sie können jederzeit in Pommern investieren, ein Haus erwerben und/oder ein Geschäft etablieren. Dies ist der Effekt eines langjährigen europäischen Aussöhnungsprozess, der im Nahen Osten noch aussteht. Im Übrigen werden Sie bei einer Reise nach Pommern,Oberschlesien oder die Masurischen Seen feststellen können, wie viele einstmals vertriebene Deutsche Bewohner und deren Kinder heute wieder ihren Urlaub in diesen Regionen verbringen, Stätten der Vergangenheit aufsuchen und, ganz ab von jeglicher medialer Aufmerksamkeit, enge Kontakte zu unseren polnischen Nachbarn pflegen.

    • jumamo
    • 11.06.2010 um 15:32 Uhr

    Kommt drauf an, wie ideologisch oder pragmatisch Sie Ihr Rückkehrrecht nach Pommern definieren.
    In Pomorze können Sie sich als EU -Bürger jederzeit niederlassen.
    Es sollte halt nicht gerade unter Abspielung des Badenweiler Marschs passieren.
    Doch selbst dann wäre im heutigen Polen wohl nur ein kleines Bussgeld fällig.

    Ich Stimme @andyCGN zu. In der europäischen Union herrscht Freizügigkeit. Sie können jederzeit in Pommern investieren, ein Haus erwerben und/oder ein Geschäft etablieren. Dies ist der Effekt eines langjährigen europäischen Aussöhnungsprozess, der im Nahen Osten noch aussteht. Im Übrigen werden Sie bei einer Reise nach Pommern,Oberschlesien oder die Masurischen Seen feststellen können, wie viele einstmals vertriebene Deutsche Bewohner und deren Kinder heute wieder ihren Urlaub in diesen Regionen verbringen, Stätten der Vergangenheit aufsuchen und, ganz ab von jeglicher medialer Aufmerksamkeit, enge Kontakte zu unseren polnischen Nachbarn pflegen.

  3. Vielen Dank für Ihre Stellungnahme. Und noch mehr Dank für das West-Eastern Divan Orchestra. Während Kultur so oft belächelt, ihr Sinn bezweifelt und ihre Mittel beschnitten werden - die Wichtigkeit Ihrer Initiative der Begegnung und gemeinsamen Arbeit ist sowas von naheliegend. Danke für Ihr 'einfaches' Denken.

    • jumamo
    • 11.06.2010 um 15:32 Uhr

    Kommt drauf an, wie ideologisch oder pragmatisch Sie Ihr Rückkehrrecht nach Pommern definieren.
    In Pomorze können Sie sich als EU -Bürger jederzeit niederlassen.
    Es sollte halt nicht gerade unter Abspielung des Badenweiler Marschs passieren.
    Doch selbst dann wäre im heutigen Polen wohl nur ein kleines Bussgeld fällig.

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  4. daß nun alle Juden der Welt wissen: Es ist einer da, der ihnen hilft, wenn es erforderlich wird. Und der sie aufnimmt, wenn sie verfolgt werden.

    Ich glaube, daß gerade die jüdische Intelligenz um diesen Gedanken weiß, und deshalb nur sehr begrenzt gegen Israel Stellung bezieht.

    Ich kann es nachvollziehen.

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    Lassen wir mal die "jüdische Intelligenz" in Israel beiseite - das Land führte 1969 in Sachen Bildung die Welt an, heute steht Israel auf Platz 46 in der Pisastudie da. Herr Barenboim hat das Hauptproblem genannt: Hamas und Isr. Regierung reden nicht miteinander. Wie kann es da zu einer Verständigung kommen. 60 Jahre und kein Ende? Mittlerweile leben in Israel 7.5 Millionen Menschen, Juden, Moslems und Christen. Mitnichten wollen 99 Prozent dieser Bürger Feindseligkeit. Auch das Palästinensische Volk will den Frieden. Wäre ich Israelische Ministerpräsident, dann würde ich auch mit der Hamas verhandeln. Anererkennung hier Anerkennung dort - da steht jemand vor der Deutschen Bank und schreit, du Bank, ich erkenne dich nicht an. Anschliessend geht derselbe rein und beantragt ein Kredit. Genau so ist der Trotz der Hamas zu sehen. Als Katalysator des Palästinensischen Unmuts haben sie keine anderen Werkzeuge. Erwarten aber trotzdem Strom, Wasser und Telefonleitungen von Israel. Also würde ich als Isaeli Größe demonstrieren und über dieses kleingeplänkel hinwegschauen, verhandle mit ihnen, dort wo ihre Forderungen nicht zu akzeptieren sind, biete ich ihnen als cleverer Politiker eine andere Lösung und gemeinsam wird die Region anschließend zu einem Monaco und Singapur in wenigen Jahren aufgebaut. Die Chancen sind um ein vielfaches Höher als der derzeitige Verderb. Wer das nicht erkennt, muss halt weiterleiden. West - Ost - Israel als Tor zum Nahen Osten steckt genau in der Mitte.

    Lassen wir mal die "jüdische Intelligenz" in Israel beiseite - das Land führte 1969 in Sachen Bildung die Welt an, heute steht Israel auf Platz 46 in der Pisastudie da. Herr Barenboim hat das Hauptproblem genannt: Hamas und Isr. Regierung reden nicht miteinander. Wie kann es da zu einer Verständigung kommen. 60 Jahre und kein Ende? Mittlerweile leben in Israel 7.5 Millionen Menschen, Juden, Moslems und Christen. Mitnichten wollen 99 Prozent dieser Bürger Feindseligkeit. Auch das Palästinensische Volk will den Frieden. Wäre ich Israelische Ministerpräsident, dann würde ich auch mit der Hamas verhandeln. Anererkennung hier Anerkennung dort - da steht jemand vor der Deutschen Bank und schreit, du Bank, ich erkenne dich nicht an. Anschliessend geht derselbe rein und beantragt ein Kredit. Genau so ist der Trotz der Hamas zu sehen. Als Katalysator des Palästinensischen Unmuts haben sie keine anderen Werkzeuge. Erwarten aber trotzdem Strom, Wasser und Telefonleitungen von Israel. Also würde ich als Isaeli Größe demonstrieren und über dieses kleingeplänkel hinwegschauen, verhandle mit ihnen, dort wo ihre Forderungen nicht zu akzeptieren sind, biete ich ihnen als cleverer Politiker eine andere Lösung und gemeinsam wird die Region anschließend zu einem Monaco und Singapur in wenigen Jahren aufgebaut. Die Chancen sind um ein vielfaches Höher als der derzeitige Verderb. Wer das nicht erkennt, muss halt weiterleiden. West - Ost - Israel als Tor zum Nahen Osten steckt genau in der Mitte.

    • WuDang
    • 11.06.2010 um 15:50 Uhr
    7. Genau!

    Mehr muss ich zu diesem Interview nicht sagen.

  5. Er erzählt von der Erfahrung auf dem Schiff.
    http://www.youtube.com/wa...

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    Sympathisches Kerlchen, dieser Friedensaktivist. Ich frage mich, wie es um die Intelligenz jener Menschen steht, die sich ins Boot solcher Leute setzen.

    Ganz allgemein ist mir in der letzten Zeit aufgefallen, dass man mehr über die Friedensaktivisten und ihre Motivation erfährt, wenn man Al Jazeera und CNN Türk schaut, als wenn man die «Zeit» oder sonst eine deutschsprachige Zeitung liest. Die O-Töne von diesen Friedensaktivisten finden leider nie Zugang in die hiesigen Medien, stattdessen beschränkt man sich auf Interviews mit Musikern und Krimiautoren.

    Was für ein "Friedensaktivist", der da schreit und pöbelt.

    Mit solchen Leuten hat es die israelische Regierung zu tun!
    Und das Millionenfach. Da wär mir aber als Israeli ein Barenboim egal.

    Soviel Hass und Vernichtungswillen des "Friedensaktivisten" ist mit intelligenten Gesprächen nicht beizukommen. Die verstehen jede Annäherung als Schwäche!

    Sympathisches Kerlchen, dieser Friedensaktivist. Ich frage mich, wie es um die Intelligenz jener Menschen steht, die sich ins Boot solcher Leute setzen.

    Ganz allgemein ist mir in der letzten Zeit aufgefallen, dass man mehr über die Friedensaktivisten und ihre Motivation erfährt, wenn man Al Jazeera und CNN Türk schaut, als wenn man die «Zeit» oder sonst eine deutschsprachige Zeitung liest. Die O-Töne von diesen Friedensaktivisten finden leider nie Zugang in die hiesigen Medien, stattdessen beschränkt man sich auf Interviews mit Musikern und Krimiautoren.

    Was für ein "Friedensaktivist", der da schreit und pöbelt.

    Mit solchen Leuten hat es die israelische Regierung zu tun!
    Und das Millionenfach. Da wär mir aber als Israeli ein Barenboim egal.

    Soviel Hass und Vernichtungswillen des "Friedensaktivisten" ist mit intelligenten Gesprächen nicht beizukommen. Die verstehen jede Annäherung als Schwäche!

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