Jetzt wissen wir: Der bedeutendste deutsche Pop-Art-Künstler heißt Wilhelm von Boddien. Als er im Jahre 1993 in der Mitte Berlins für hundert Tage eine riesige Plastikfolie aufspannte, die die Fassade genau jenes Berliner Stadtschlosses zeigte, das hier einst gestanden hatte, gelang ihm ein Werk, das in seiner Beschwörung der Hülle nur den legendären Brillo-Boxen von Andy Warhol vergleichbar ist. Die Reproduktion entfachte eine derartige Sehnsucht, dass diese selbst zum Inhalt wurde – so wie auch die Brillo-Kartons von Warhol kein Brillo-Putzmittel im Inneren mehr brauchten, weil das Konsumversprechen allein Füllung genug war. Siebzehn Jahre lang füllte sich der Raum auf dem Schlossplatz hinter der Folie mit neuen Debatten, neuen Argumenten, neuen Sehnsüchten. Und dann nahm die Sehnsucht nach Geschichte, nach Schönheit, nach städtebaulicher Verortung scheinbar Gestalt an.

Doch selbst als es am 4. Juli 2002 den Bundestagsbeschluss gab, das Stadtschloss wieder aufzubauen, konzentrierte man sich fatalerweise ausschließlich darauf, eine Art gigantische Brillo-Box zu bauen. Festgelegt wurde nur, dass es eine historische Fassade geben sollte und dass die ganze Kiste mit der ehemaligen Kubatur des Schlosses gebaut werden sollte. So waren wir alle, ohne es zu merken, Andy Warhol und der Pop-Art ein letztes Mal in die Falle gegangen: Eine Hülle ist eine Hülle ist eine Hülle.

Nichts in jenen siebzehn Jahren seit 1993 ist je so überzeugend gewesen wie die Plastikfolienreproduktion. So überraschend und neuartig das Konzept war, das wieder aufgebaute Schloss zu einem Drittel mit dem Museum für außereuropäische Kulturen zu bespielen, zu einem Drittel mit der Landesbibliothek und zu einem Drittel mit den Sammlungen der Humboldt-Universität – es blieb immer eine Kopfgeburt, der keiner der Initiatoren je Leben einhauchen konnte. Die Idee, die Mitte der Republik in einen Ort der »Neugierde, des Wissens und Sammelns« zu verwandeln, litt immer darunter, dass sie zu konstruiert wirkte – und zu sehr aus der Defensive entwickelt war, im Zentrum Deutschlands auf keinen Fall kulturelle Überheblichkeit zeigen zu wollen. Darum die Indianerboote am Schlossplatz 1.

Vielleicht hätte das Projekt, dieses grand projet der Bundeskulturpolitik, auch durch eine mitreißende architektonische Lösung das nötige Begehren auslösen können. Diese Chance aber wurde vertan, als man sich mit Franco Stella für die ödeste und unsinnlichste Variante entschied. Als nun Anfang Mai der Bundesbauminister sagte, vielleicht könne man ja aus Kostengründen zunächst auf die historische Fassade verzichten, war das Projekt endgültig erledigt. Denn die historische barocke Hülle war ja das Einzige, was es noch zusammenhielt. Nun hat die Bundesregierung am 7. Juni 2010 entschieden, als Teil des großen Sparpaketes den Baubeginn des Stadtschlosses auf das Jahr 2014 zu verschieben. Es ist damit, wenn nicht alles täuscht, beerdigt. Das ist gut. Denn es wird momentan von niemandem wirklich gebraucht.

So bauen nun, da das Schicksal des Schlosses nach der Sprengung durch Ulbricht im Jahre 1950 ein zweites Mal besiegelt wurde, fleißige Arbeiter an einem kleinen Betonkubus. Sie werden weiterbauen, denn die Mittel sind längst bewilligt. Das kleine Haus war als temporärer Vorbote geplant, in der die drei Drittel der künftigen Bewohner zeigen sollten, was sie vorhaben. Es ist angesichts der Geschichte der Brillo-Boxen und des Triumphs der Hülle über jede Form von Inhalt eine wunderbare Ironie der Geschichte, dass dieses kleine Haus, das für immer an die Hülle und nicht an das Schloss erinnern wird, ganz im Sinne Warhols den Namen »Humboldt-Box« trägt. Man hätte hellhörig werden sollen…

Wir Befürworter des Stadtschlosses haben uns geirrt. Wir verwechselten die Notwendigkeit der Debatte über eine zeitgemäße Verankerung der Berliner Republik in der Geschichte mit der Notwendigkeit, das gesprengte Stadtschloss von Schlüter wieder aufzubauen. Für die intellektuelle Gründungsphase des wiedervereinigten Landes war die zwölfjährige Debatte darüber elementar, um nach der Umtopfung der Regierung von Bonn nach Berlin Grundwasser für die historischen Wurzeln zu suchen. Und es ging in den neunziger Jahren um eine Befreiung der Ästhetik aus der Umklammerung der Moral – er fände es »schön«, auf das Schloss zu blicken, sagte Gerhard Schröder seinerzeit. Das war mentalitätsgeschichtlich ebenso gewagt wie die Agenda 2010. Gemeinsam mit Michael Naumann stand Schröder dafür, dass das Schloss »ein Sieg der Schönheit über die Tristesse« sei und »die manifeste Sehnsucht nach einem historischen Identifikationspunkt«. So richtig diese Symbolpolitik zur Zeit der Jahrhundertwende war, als es darum ging, ein durcheinandergewirbeltes Land neu zu verwurzeln, so überflüssig erscheint sie heute. Der beschworene »Identifikationspunkt«, er war da – und er hat seine Funktion, wie ein Stützrad beim Kinderfahrrad, komplett erfüllt. Die aktuellen Fahrradausflüge Deutschlands gehen nicht in die Mark Brandenburg, sondern in den sogenannten Euro-Raum und die globale Finanzkrisenregion. Wir haben, kurz gesagt, ganz andere Probleme.