Berliner Stadtschloss Rasen betreten verboten

In den neunziger Jahren war es richtig, das Berliner Stadtschloss wieder aufbauen zu wollen. 2010 ist es richtig, es nicht zu tun. Eine Meinungsänderung

Jetzt wissen wir: Der bedeutendste deutsche Pop-Art-Künstler heißt Wilhelm von Boddien. Als er im Jahre 1993 in der Mitte Berlins für hundert Tage eine riesige Plastikfolie aufspannte, die die Fassade genau jenes Berliner Stadtschlosses zeigte, das hier einst gestanden hatte, gelang ihm ein Werk, das in seiner Beschwörung der Hülle nur den legendären Brillo-Boxen von Andy Warhol vergleichbar ist. Die Reproduktion entfachte eine derartige Sehnsucht, dass diese selbst zum Inhalt wurde – so wie auch die Brillo-Kartons von Warhol kein Brillo-Putzmittel im Inneren mehr brauchten, weil das Konsumversprechen allein Füllung genug war. Siebzehn Jahre lang füllte sich der Raum auf dem Schlossplatz hinter der Folie mit neuen Debatten, neuen Argumenten, neuen Sehnsüchten. Und dann nahm die Sehnsucht nach Geschichte, nach Schönheit, nach städtebaulicher Verortung scheinbar Gestalt an.

Doch selbst als es am 4. Juli 2002 den Bundestagsbeschluss gab, das Stadtschloss wieder aufzubauen, konzentrierte man sich fatalerweise ausschließlich darauf, eine Art gigantische Brillo-Box zu bauen. Festgelegt wurde nur, dass es eine historische Fassade geben sollte und dass die ganze Kiste mit der ehemaligen Kubatur des Schlosses gebaut werden sollte. So waren wir alle, ohne es zu merken, Andy Warhol und der Pop-Art ein letztes Mal in die Falle gegangen: Eine Hülle ist eine Hülle ist eine Hülle.

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Nichts in jenen siebzehn Jahren seit 1993 ist je so überzeugend gewesen wie die Plastikfolienreproduktion. So überraschend und neuartig das Konzept war, das wieder aufgebaute Schloss zu einem Drittel mit dem Museum für außereuropäische Kulturen zu bespielen, zu einem Drittel mit der Landesbibliothek und zu einem Drittel mit den Sammlungen der Humboldt-Universität – es blieb immer eine Kopfgeburt, der keiner der Initiatoren je Leben einhauchen konnte. Die Idee, die Mitte der Republik in einen Ort der »Neugierde, des Wissens und Sammelns« zu verwandeln, litt immer darunter, dass sie zu konstruiert wirkte – und zu sehr aus der Defensive entwickelt war, im Zentrum Deutschlands auf keinen Fall kulturelle Überheblichkeit zeigen zu wollen. Darum die Indianerboote am Schlossplatz 1.

Vielleicht hätte das Projekt, dieses grand projet der Bundeskulturpolitik, auch durch eine mitreißende architektonische Lösung das nötige Begehren auslösen können. Diese Chance aber wurde vertan, als man sich mit Franco Stella für die ödeste und unsinnlichste Variante entschied. Als nun Anfang Mai der Bundesbauminister sagte, vielleicht könne man ja aus Kostengründen zunächst auf die historische Fassade verzichten, war das Projekt endgültig erledigt. Denn die historische barocke Hülle war ja das Einzige, was es noch zusammenhielt. Nun hat die Bundesregierung am 7. Juni 2010 entschieden, als Teil des großen Sparpaketes den Baubeginn des Stadtschlosses auf das Jahr 2014 zu verschieben. Es ist damit, wenn nicht alles täuscht, beerdigt. Das ist gut. Denn es wird momentan von niemandem wirklich gebraucht.

So bauen nun, da das Schicksal des Schlosses nach der Sprengung durch Ulbricht im Jahre 1950 ein zweites Mal besiegelt wurde, fleißige Arbeiter an einem kleinen Betonkubus. Sie werden weiterbauen, denn die Mittel sind längst bewilligt. Das kleine Haus war als temporärer Vorbote geplant, in der die drei Drittel der künftigen Bewohner zeigen sollten, was sie vorhaben. Es ist angesichts der Geschichte der Brillo-Boxen und des Triumphs der Hülle über jede Form von Inhalt eine wunderbare Ironie der Geschichte, dass dieses kleine Haus, das für immer an die Hülle und nicht an das Schloss erinnern wird, ganz im Sinne Warhols den Namen »Humboldt-Box« trägt. Man hätte hellhörig werden sollen…

Wir Befürworter des Stadtschlosses haben uns geirrt. Wir verwechselten die Notwendigkeit der Debatte über eine zeitgemäße Verankerung der Berliner Republik in der Geschichte mit der Notwendigkeit, das gesprengte Stadtschloss von Schlüter wieder aufzubauen. Für die intellektuelle Gründungsphase des wiedervereinigten Landes war die zwölfjährige Debatte darüber elementar, um nach der Umtopfung der Regierung von Bonn nach Berlin Grundwasser für die historischen Wurzeln zu suchen. Und es ging in den neunziger Jahren um eine Befreiung der Ästhetik aus der Umklammerung der Moral – er fände es »schön«, auf das Schloss zu blicken, sagte Gerhard Schröder seinerzeit. Das war mentalitätsgeschichtlich ebenso gewagt wie die Agenda 2010. Gemeinsam mit Michael Naumann stand Schröder dafür, dass das Schloss »ein Sieg der Schönheit über die Tristesse« sei und »die manifeste Sehnsucht nach einem historischen Identifikationspunkt«. So richtig diese Symbolpolitik zur Zeit der Jahrhundertwende war, als es darum ging, ein durcheinandergewirbeltes Land neu zu verwurzeln, so überflüssig erscheint sie heute. Der beschworene »Identifikationspunkt«, er war da – und er hat seine Funktion, wie ein Stützrad beim Kinderfahrrad, komplett erfüllt. Die aktuellen Fahrradausflüge Deutschlands gehen nicht in die Mark Brandenburg, sondern in den sogenannten Euro-Raum und die globale Finanzkrisenregion. Wir haben, kurz gesagt, ganz andere Probleme.

Leser-Kommentare
  1. Wolltet ein Schloß bauen, das eure "schöne, fast vollendete" preußische "Selbstwerdung Gottes" in der "Mitte der Republik" wiederspiegelt.
    Dabei seid ihr hoch verschuldet und Berlins Mitte zur Zeit nicht gerade vom Volk geliebt und nach wie vor hochnäsig wie eh und je. Seit 65 Jahren befindet sich die Mitte der Republik übrigens woanders.

    Schön, dass die Geschichte wieder einmal diesmal mittels der Globalisierung einschreitet und euch brutal von eurem hohem Ross heruntergrätscht.

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    ... war immer so und wird immer so bleiben. Ironischerweise wird Bonn vorgeworfen eine "provinzielle" ("Provinz" und "provinziell" sind Wertungen die man eigentlich gehäuft nur aus berliner Mündern hört) Bundeshauptstadt gewesen zu sein. Dabei wirkten dort echte Visionäre und Charakterköpfe wie Karl Schiller, Willy Brandt, Helmut Schmidt und wie sie alle heißen. Die alte Bundesrepublik war der freiste, coolste und demokratischste deutsche Staat den es jemals gab.

    Heute residiert die "Berliner Republik" inmitten von Prunk, auf dem düsteren Parlamentsgebäude mit dem Namen der mir Schaudern bereitet ("Reichstag") flattern hingegen die Flaggen auf den vier Festungstürmen, per Inschrift über dem Eingang wird völkischer Pathos bemüht. Und alles kann nicht groß und wichtig und hochglänzend genug sein, fernsehnachrichtengerechter als das White House oder Kreml. Nur wird die Republik heute so provinziell - im Geiste - regiert wie zu keiner Zeit als Bonn noch Bundeshauptstadt war. So ist das eben mit Sein und Schein.

    • th
    • 10.06.2010 um 13:14 Uhr

    die "Residenz" rekonstruiert?

    Und woher kam der ganze Mist - ich sage mal nur "Feldherrnhalle" ...

    • Otto2
    • 10.06.2010 um 21:22 Uhr

    wussten Sie eigentlich, dass Strauß selbst einst öffentlich sagte, wie wichtig seiner Meinung nach Preußen war und dass die Bayern bereit sein sollten, die künftigen Preußen zu sein?
    Also Herr Bayer/Preuße satteln sie Ihr Pferd, aber halten sie sich fest, nicht alle mögen das.

    Wo befindet sich denn die Mitte der Republik? In Bonn? Oder in der Stadt der Hochfinanz, in Frankfurt? Kulturell zumindest kann keine deutsche Stadt Berlin das Wasser reichn mit deren Museumsszene der Philhermonie und drei (!) UNESCO-Weltkulturerbetiteln.

    ... war immer so und wird immer so bleiben. Ironischerweise wird Bonn vorgeworfen eine "provinzielle" ("Provinz" und "provinziell" sind Wertungen die man eigentlich gehäuft nur aus berliner Mündern hört) Bundeshauptstadt gewesen zu sein. Dabei wirkten dort echte Visionäre und Charakterköpfe wie Karl Schiller, Willy Brandt, Helmut Schmidt und wie sie alle heißen. Die alte Bundesrepublik war der freiste, coolste und demokratischste deutsche Staat den es jemals gab.

    Heute residiert die "Berliner Republik" inmitten von Prunk, auf dem düsteren Parlamentsgebäude mit dem Namen der mir Schaudern bereitet ("Reichstag") flattern hingegen die Flaggen auf den vier Festungstürmen, per Inschrift über dem Eingang wird völkischer Pathos bemüht. Und alles kann nicht groß und wichtig und hochglänzend genug sein, fernsehnachrichtengerechter als das White House oder Kreml. Nur wird die Republik heute so provinziell - im Geiste - regiert wie zu keiner Zeit als Bonn noch Bundeshauptstadt war. So ist das eben mit Sein und Schein.

    • th
    • 10.06.2010 um 13:14 Uhr

    die "Residenz" rekonstruiert?

    Und woher kam der ganze Mist - ich sage mal nur "Feldherrnhalle" ...

    • Otto2
    • 10.06.2010 um 21:22 Uhr

    wussten Sie eigentlich, dass Strauß selbst einst öffentlich sagte, wie wichtig seiner Meinung nach Preußen war und dass die Bayern bereit sein sollten, die künftigen Preußen zu sein?
    Also Herr Bayer/Preuße satteln sie Ihr Pferd, aber halten sie sich fest, nicht alle mögen das.

    Wo befindet sich denn die Mitte der Republik? In Bonn? Oder in der Stadt der Hochfinanz, in Frankfurt? Kulturell zumindest kann keine deutsche Stadt Berlin das Wasser reichn mit deren Museumsszene der Philhermonie und drei (!) UNESCO-Weltkulturerbetiteln.

  2. ...und Übertreibungen scheint man ebenfalls zu mögen. Manches Toben was man dieser Tage aus Berlin hört erinnert mich an ein quängelndes Kind was mit dem Fuß aufstampft und sagt "Ich will aber!" nachdem die Mama gerade gesagt hat es gibt kein weiteres Zuckerl mehr heute. Aber wenn etwas ein "Armutszeugnis" ist dann das eine Stadt, die sich in ermüdender Häufigkeit zur "Metropole" krönt, nicht in der Lage ist bzw. es sich nicht zuzutrauen scheint diese Leerstelle im Zentrum mit zeitgenössischen Mitteln zu gestalten. Stattdessen muss es reaktionäre Romantik sein, eine nostalgische Pseudorekonstruktion die an die wenigen Generation rückbesinnt als Berlin mal bedeutend war. Das verkürzte Geschichtsbewusstsein hierzulande vergisst ja gern dass als politische und kulturelle Zentren im Deutschen Reich viel mehr Wien, Hamburg, Köln, München, ja auch Frankfurt und das inzwischen oft vergessene Leipzig den Ton angaben. An die kurze Episode des autokratischen sog. Kaisertums (die echte Kaiserkrone lag freilich weiterhin in Wien, wo sie Kaiser Franz niederlegte).

    Was war Bonn doch für eine erfrischende Stadt. Inzwischen wird "Provinz" mit dem Unterton der Verachtung ausgesprochen, die preußische Großmannssucht ist wieder tonbestimmend. Man sehnt sich wieder nach menschenverkleinernden Prachtstraßen, Prunk, Pathos, Flaggengeflatter. Bonn war Understatement pur. Das Bundeskanzleramt hätte auch ein Gymnasium sein können, davor kein grimmiger General auf einem Sockel sondern moderne Kunst.

  3. ... war immer so und wird immer so bleiben. Ironischerweise wird Bonn vorgeworfen eine "provinzielle" ("Provinz" und "provinziell" sind Wertungen die man eigentlich gehäuft nur aus berliner Mündern hört) Bundeshauptstadt gewesen zu sein. Dabei wirkten dort echte Visionäre und Charakterköpfe wie Karl Schiller, Willy Brandt, Helmut Schmidt und wie sie alle heißen. Die alte Bundesrepublik war der freiste, coolste und demokratischste deutsche Staat den es jemals gab.

    Heute residiert die "Berliner Republik" inmitten von Prunk, auf dem düsteren Parlamentsgebäude mit dem Namen der mir Schaudern bereitet ("Reichstag") flattern hingegen die Flaggen auf den vier Festungstürmen, per Inschrift über dem Eingang wird völkischer Pathos bemüht. Und alles kann nicht groß und wichtig und hochglänzend genug sein, fernsehnachrichtengerechter als das White House oder Kreml. Nur wird die Republik heute so provinziell - im Geiste - regiert wie zu keiner Zeit als Bonn noch Bundeshauptstadt war. So ist das eben mit Sein und Schein.

  4. und ein Italiener hat das Siegerprojekt für den Wiederaufbau. Aber ich würde dafür plädieren, es nicht zu tun. Neue Projekte, innovative Ansätze können wesentlich mehr!

  5. Das jetzt wiede Stimmen spriessen, die gegen einen Wiederaufbau sprechen.

    "Es ist damit, wenn nicht alles täuscht, beerdigt. Das ist gut. Denn es wird momentan von niemandem wirklich gebraucht."

    Beerdigt wohl ja, der Rückhalt war nie nennenswert, lediglich gerade für einen Beschluss ausreichend. Nicht gebraucht ? Subjektiv..
    Wer braucht schon historische Gebäude ? Ein Schelm der böses dabei denkt.

    Zerbombte Kirchen werden wiederaufgebaut, wohlgemerkt mit Spenden & anderen finanziellen Zuschüssen. Die Kriche hingegen hält sich schön zurück, erstickt im Geld aber wozu sich beteiligen. Soll der Staat mal zusehen.
    Und nun zerbombte (nicht NS belastete) historische Staatsarchitektur ?

    In Zeiten finanzieller "Not", würde das Volk ein Verschieben des Baubeginns begrüßen. Wohl weil es hofft, die Millionen oder gar Milliarden fliessen in nützliche Projekte bzw. dienen dem Sparen. Aber Gott sei dank, hat uns Frau Merkel die Illusion schon genommen in ihrer kürzlich gehaltenen Ansprache zum Thema Sparpolitik.

  6. Ich bin erleichtert, dass es j e t z t nicht gebaut wird. Das hatte doch nun wirklich nichts mit Rekonstruktion zu tun. Auf lediglich drei Seiten barocke Fassade und nicht mal Geld für die Kuppel, im Inneren was ganz anderes.

    Man hätte nur riskiert, dass spätere Generationen ewig damit hadern, dass wir im Gegensatz zu anderen Hauptstädten diese Anomalie haben.
    Man hätte es ja dann schlecht wieder abreißen und durch eine echte Rekonstruktion ersetzen können. Dann wäre es nur um die bereits verbauten Spendengelder der Bürger schade gewesen.

    Mich regen nur die auf, die dagegen sind, weil wir ja sparen müssen. Die haben dabei anscheinend gar nicht mehr vor Augen haben, dass gleichzeitig dutzende Milliarden "alternativlos" ans Ausland gehen. Dabei wäre es auch wegen des Tourismus von Vorteil, wieder eine echte europäische Hauptstadt zu haben. Nicht das nur von Krieg, Sozialismus und den Glaspalästen des heutigen Neoliberalismus gezeichnete Berlin.

    An einen Vorposter: Auch der "grimmige General" auf einem Sockel vor einem historischen Gebäude ist Teil der internationalen Normalität ;).
    Und wenn man die wirklich will und nicht nur auf ewig ein abschreckendes Beispiel dafür sein möchte, was passiert, wenn die Geschichte einen falschen Verlauf nimmt…

  7. ... dass ich hier nicht der einzige bin, der sich an diesem abstrusen Artikel stört.

    Wenn der Autor von der "natürliche[n] nationale[n] Identität" schreibt, und zwar im gleichen Atemzug mit Preußen, dann hat er Deutschland nicht verstanden.

    Zum Glück ist Preußen untergegangen. Außer den Ex-Preußen tut das keinem leid. Da müssen wir es nicht in Berlin wieder aufleben lassen.

    Außerdem, Herr Illies, schreiben Sie: "Dass nun das Stadtschloss eingespart wird, weil die Sozialkosten explodiert sind,..." - Wie bitte? Was hat das mit den Sozialkosten zu tun? Oder verbuchen Sie Banken- und Konjunkturrettungspakete unter Sozialausgaben!?

    Sie scheinen mir reichlich verwirrt.

    • th
    • 10.06.2010 um 13:12 Uhr

    Der Platz ist doch keineswegs "die Mitte der Republik" und erst recht nicht identitätsstiftendes Zentrum der deutschen Nation, sondern einfach nur die historische Mitte der Stadt Berlin, mit einer ziemlich klar bestimmbaren Funktion im Stadtgefüge.

    Die Funktion einer Schloss-Rekonstruktion ist einfach, das verbindende Gelenk zwischen Museumsinsel einerseits, und den Linden mit Zeughaus und Forum Fridericianum andererseits zu schaffen. Da ist die einfachste Lösung eben, wieder Barock hinzustellen, selbst als Imitation, wo mal Barock gestanden hat.

    Meinetwegen könnte an die Stelle ein Bau ("Showroom") von S.I.T.E. kommen, etwas völlig Verrücktes wie die Barockfassade mit einem Aquarium darin oder so ... aber mit einem leeren Platz oder einer Eiermann-Kaufhausfassade bzw. noch irgendeinem Beton/Glasklotz ist es gerade an dieser Stelle einfach nicht getan.

    Wir laufen doch auch nicht "aus Ehrlichkeit" mit großen Zahnlücken herum, oder mit popfarbenen Füllungen. Der Neubau eines Schloß-Ersatzes hätte doch keine andere Funktion, als Berlin ein Stück seines europäischen Gesichtes wiederzugeben - sozusagen Schönheitschirurgie. Dabei ist doch jedem klar, dass die alte Tante durch lifting nicht wirklich verjüngt wird - sie sieht halt nur etwas besser aus.

    Dass die Preussenkönige mal im Schloss gewohnt haben, ist fast belanglos: wer den Zwinger, den Louvre oder die Eremitage liebt, ist deshalb noch kein Monarchist, oder Chauvinist.

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    Ohne Frage ist das architektonische Ensemble um die Spree als Gesamtkunstwerk aufzufassen, das erst durch eine Rekonstruktion des Berliner Schlosses wieder komplettiert würde. Es wäre städtebaulich richtig, dem zerstörten Gebiß neue Schneidezähne einzusetzen, auch wenn der Betrachter erkennt, daß sie falsch sind. Florian Illies legt die Schwächen der Planungen für einen Wiederaufbau, der keinen wirklichen Rückhalt in der Bevölkerung hat, hinreichend dar. Die mangelnde Überzeugungskraft ist meines Erachtens auf eine Konzeption zurückzuführen, die mentalitätsgeschichtlich viel zu sehr im abgestandenen Fruchtwasser der untergegangenen Bonner Republik schwimmt, wo die gewollte Häßlichkeit im öffentlichen Raum sowohl Unterwürfigkeit gegenüber den westlichen Siegermächten als auch eine neu erworbene moralische Überlegenheit symbolisierte.

    • ach_
    • 12.06.2010 um 18:13 Uhr

    Wie kommen Sie darauf, daß ein Bau, der von der Größe nicht zur Museuminsel paßt und von der Ausrichtung nicht zu Unter den Linden ein verbindendes Gelenk werden könnte?

    Die Frage, ob die Preußenkönige in dem Schloß gewohnt haben, ist übrigens nicht uninteressant - die meisten haben nämlich das Ding gemieden.

    Ohne Frage ist das architektonische Ensemble um die Spree als Gesamtkunstwerk aufzufassen, das erst durch eine Rekonstruktion des Berliner Schlosses wieder komplettiert würde. Es wäre städtebaulich richtig, dem zerstörten Gebiß neue Schneidezähne einzusetzen, auch wenn der Betrachter erkennt, daß sie falsch sind. Florian Illies legt die Schwächen der Planungen für einen Wiederaufbau, der keinen wirklichen Rückhalt in der Bevölkerung hat, hinreichend dar. Die mangelnde Überzeugungskraft ist meines Erachtens auf eine Konzeption zurückzuführen, die mentalitätsgeschichtlich viel zu sehr im abgestandenen Fruchtwasser der untergegangenen Bonner Republik schwimmt, wo die gewollte Häßlichkeit im öffentlichen Raum sowohl Unterwürfigkeit gegenüber den westlichen Siegermächten als auch eine neu erworbene moralische Überlegenheit symbolisierte.

    • ach_
    • 12.06.2010 um 18:13 Uhr

    Wie kommen Sie darauf, daß ein Bau, der von der Größe nicht zur Museuminsel paßt und von der Ausrichtung nicht zu Unter den Linden ein verbindendes Gelenk werden könnte?

    Die Frage, ob die Preußenkönige in dem Schloß gewohnt haben, ist übrigens nicht uninteressant - die meisten haben nämlich das Ding gemieden.

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