Bundespräsidentenwahl… und keiner wacht auf

Leben wir noch in einer Demokratie, oder überlassen wir die Politik lieber einer kleinen Führungselite?

»Es ist schwierig, einem Menschen etwas begreiflich zu machen, wenn sein Gehalt darauf beruht, es nicht zu begreifen.« Dieser zeitlose Satz des amerikanischen Essayisten und Schriftstellers Upton Sinclair manifestiert das Fiasko nicht nur seiner Zeit. In die Politik gefallen und wieder hinausgeschleudert, beschwerte er sich 1935 bitter über die Realität politischer Systeme und ihrer Machenschaften. Denn auch für die Demokratie gilt: Lebenserfahrung ist meist kaum mehr als die Parodie der Idee. Die Parallelen zur Gegenwart sind unübersehbar. Zwar war Horst Köhler gewiss nicht der Inbegriff eines Idealisten, auch wenn er sich am jähen Ende seiner Amtszeit so sah. Aber immerhin hat nicht sein Rücktritt das Amt des Bundespräsidenten beschädigt. Die Beschädigung erfolgte bereits durch die Art und Weise, mit der er vor fünf Jahren ins Amt gebracht worden war. Dieselbe nämlich, in der auch sein gewünschter Nachfolger ausgeklüngelt wurde.

Es ist schwierig, Angela Merkel etwas begreiflich zu machen, wenn ihr Machterhalt darauf beruht, es nicht zu begreifen. Ein geeigneter Kandidat für das höchste Amt im Staate für Merkel – das ist nicht der Integerste, der Begabteste, der Klügste, der Eigenständigste, Umsichtigste, der Brillanteste. Ein geeigneter Kandidat ist der aus Sicht der Kanzlerin geeignetste Kandidat. Das heißt: nicht der Integerste, der Begabteste, der Klügste, der Eigenständigste, der Umsichtigste oder der Brillanteste. Man muss Christian Wulff nichts Schlechtes nachsagen, um seine Kandidatur zu verurteilen: Ein Mann von Größe würde sich so ja gar nicht ins Amt klüngeln lassen! Erkoren allein von Frau Merkel, ohne ernsthafte Rücksprache mit dem Koalitionspartner und gegen den begreiflichen, allzu begreiflichen Wunsch nicht nur der Opposition nach einem überparteilichen Kandidaten. Wer so Bundespräsident werden will – höchster Repräsentant einer Demokratie –, der beweist in actu, dass er der falsche Mann für das Amt ist.

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Warum haben die schwarz-gelben Koalitionäre den Ernst der Lage nicht erkannt? Sicher, man kann sagen: So etwas gab es doch noch immer. Bundespräsidenten werden ins Amt gemauschelt, vom Kanzler ernannt. Schon Adenauer hatte seine Macht schamlos missbraucht. So wurde Heinrich Lübke Präsident statt Carlo Schmid, so blieb Hildegard Hamm-Brücher später so chancenlos wie Jens Reich, und so wurde auch Horst Köhler Präsident. Der zähflüssige Bernstein schlechter Gewohnheiten konserviert vieles – aber er legitimiert es nicht. Und unselige Gebräuche setzen nicht ihre Fortsetzung ins Recht. Wenn das Land sich ändert und seine Probleme, so muss auch die Politik sich ändern.

Die Aufgabe, die auf einen künftigen Präsidenten zukommt, ist mit keiner zuvor vergleichbar. Das Land hat die mutmaßlichen Grenzen seiner wirtschaftlichen Expansion erreicht. Was ansteht, ist der geordnete Rückzug aus dem Wachstumswahn. Sparzwänge und Verteilungskämpfe nie gekannten Ausmaßes werden das Klima in der Bundesrepublik verändern. Die Luft wird dünner, der Tonfall rauer. Wir wissen nicht, wie lange es noch Parteien in Deutschland gibt, aber allesamt arbeiten sie ungebremst an ihrem Verschwinden. Die Wahlbeteiligungen sinken dramatisch, das Ansehen unserer Politiker ist auf dem Tiefstand. Niemand kann sagen, ob es in zehn Jahren noch eine Europäische Union geben wird – und wenn ja, wie viele? Vielleicht wird es auch keinen Euro mehr geben und gewiss keinen Menschen mehr, der, ohne rot zu werden, unverblümt behauptet, die Renten seien sicher.

In dieser Lage erleben wir einen Vertrauensverlust für die Politik, beispiellos in der Geschichte des Landes. Ein Abwinken gegenüber dem Personal wie gegen seinen Jargon, der auch verlorene Wahlen schönredet, Gesetze nicht mehr korrigiert, sondern »nachbessert« und das Volk nicht nur über den Krieg in Afghanistan belügt. Unsere politische Führungskaste, versteckt hinter den schönen neuen Märchenhecken des Regierungsviertels, wird nicht mehr als Lösung betrachtet, sondern als das Problem.

In einer Lage wie dieser also braucht das Land an seiner repräsentativen Spitze eine Person, die all dies fühlt und versteht. Eine Person, die ihre moralische Eignung nicht aus der Länge von Amtszeiten und dem Einfluss von Seilschaften zieht. Doch mit welchem Argument sollte ausgerechnet ein langjähriger Berufspolitiker diesem Profil entsprechen, aufgefallen durch seine Unauffälligkeit? Mit Entsetzen beobachtet man die schamlose Instrumentalisierung der Köhler-Keule: »Man sieht ja, einer von außen hält das nicht durch!« Welch eine Erleichterung in der politischen Kaste, nun immerfort einen der Ihren begünstigen zu dürfen!

Das verwischt nicht nur die Tatsache, dass Horst Köhler lange Beamter, nämlich Büroleiter und Staatssekretär im Bundesfinanzministerium war. Das ist, viel schlimmer noch, eine unerträgliche Arroganz gegenüber der Bevölkerung, vielleicht einer Oligarchie gemäß, aber einer Demokratie unwürdig. Eine Unverschämtheit dazu gegenüber den vielen infrage kommenden Persönlichkeiten jenseits des Parteiengeklüngels, die man damit pauschal abqualifiziert. Personen, die allesamt gute Bundespräsidenten wären: Menschen wie Meinhard Miegel, Jens Reich, Richard Schröder – oder eben auch: Joachim Gauck. Aber zu viel Moral, Intelligenz und Brillanz ist nicht gewollt. Und zu viel eigenständiges Denken schon gar nicht. Noch in der breiten Zustimmung zu Köhlers Rücktritt in der Bevölkerung, die weniger die Person meint als die Geste, spiegelt sich der Verdruss der Bürger über die Parteien und die Regierenden. Ein wachsender Unmut zugleich gegenüber Politikern, die immer gewitzter darin werden, ihre Macht zu erhalten, und immer gleichgültiger darin, was sie damit für das Land anfangen wollen. Gewiss, das war schon länger so. Bei Schwarz-Gelb jedoch bekommt es idiosynkratische Züge.

Leserkommentare
  1. es wird sich erst wieder etwas verbessern wenn Köpfe rollen. Real, nicht im übertragenen Sinn. Traurig, wenn man bedenkt, dass die Demokratie eine Verbesserung gegenüber Monarchien oder Diktaturen sein sollte.

    Aber wie sagte schon Einstein? Zwei Dinge sind unendlich. Das Universum und die menschliche Dummheit. Wobei, beim Universum bin ich mir nicht sicher...

    Eine Leserempfehlung
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    ...Köpfe sollten rotieren: Die der Bürger und Wähler und zwar auf Hochtouren. Um wieder besere Politiker zu wählen. Durch Wahlverweigerung ist das nicht zu erreichen.

    • Hickey
    • 24.06.2010 um 13:07 Uhr

    Jaja so eine wäre wohl leider vonnöten um in vielen Köpfen eine Änderung beizuwirken.

    Nur sind die Deutschen ja schon zu faul/uninteressiert auf die Straße zu gehen, so wie in Frankreich und mal Proteste zu starten.

    ...Köpfe sollten rotieren: Die der Bürger und Wähler und zwar auf Hochtouren. Um wieder besere Politiker zu wählen. Durch Wahlverweigerung ist das nicht zu erreichen.

    • Hickey
    • 24.06.2010 um 13:07 Uhr

    Jaja so eine wäre wohl leider vonnöten um in vielen Köpfen eine Änderung beizuwirken.

    Nur sind die Deutschen ja schon zu faul/uninteressiert auf die Straße zu gehen, so wie in Frankreich und mal Proteste zu starten.

  2. der das, was ich denke in höflicheren Worten wiedergibt.

  3. In Berlin geht es ja wieder zu wie beim ZK der SED 1989!
    Frau Merkel nähert sich zusehends Frau und Herrn Honnecker an.
    Sie geht zur Damentoilette und zieht den Wulff anschließend aufs Podiumals Kandidat für den Posten des Bundespräsidenten.
    Das ist keine Kandidat Deutschlands, sondern ein Kandidat einer Parteien-Bundesversammlung mit Fraktionszwang!
    Pfui!!
    Wie weit ist dieser Staat in den letzten 20 Jahren gesunken!!
    Alles faul !!

  4. Ihr Artikel von Richard David Precht ist großartig geschrieben. Vielen Dank Herr Precht, spiegelt doch der Inhalt alles, was die Menschen momentan bewegt.

  5. Horst Köhler hatte recht mit seinem Hinweis auf den fehlenden Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten. Die Art, wie Frau Merkel und die Parteien schon vor der Konstituierung der Bundesversammlung den Bundespräsidenten etablieren wollen, bestätigt es. Die Wahl des Bundespräsidenten steht ausschliesslich dem besonderen Verfassungsorgan Bundesversammlung zu. Das hat jeder zu respektieren. Die Realität sieht anders aus.

    Wir Bürger sind aber auch nicht besser. Wir kritisieren schnell und gerne. Aber selbst Initiative ergreifen? Vor der Wiederwahl von Horst Köhler hatte ich auf einem Bürgerforum eine Umfrage angeregt, wen die Bürger unabhängig von den Parteien vorschlagen. Die Reaktion war sehr mässig. Wir sind es einfach nicht gewohnt, konkret Stellung zu beziehen.

    Auch bei der jetzigen Wahl des Bundespräsidenten habe ich nirgends Vorschläge zu Wunschkandidaten als Bundespräsident gesehen.

    Die Medien sind nicht ausgenommen. Es wird fast nur berichtet, was bereits in den Medien präsent ist, dann aber auch mit kritischen Tönen. Sie werden es nicht erleben, dass auch nur über einen unbekannten Aspiranten als Quereinsteiger berichtet wird. So wie bei geeigneten Persönlichkeiten eine Hemmschwelle besteht, sich selbst anzubieten, besteht eine Hemmschwelle der Medien, über diese als Erste zu berichten. Man könnte ja verrissen werden.

    Helmut Rohe
    www.hrohe.de

  6. möglichst unstammtischhaft aber ich tues.

    Tatsächlich wäre es nun Zeit für die erste demokratisch erneuernde Umwälzung von Gesamtdeutschland.
    Gerade die Nicht-Stammtischler und Nicht-Verschwörungstheorethiker sollten jetzt dafür sorgen, dass Veränderung nicht von Rechts oder von Links sondern aus der Mitte kommt.
    Es werden von dieser Regierung und dem verbandelten, oligarischen deutschen Geld, Institutions und Beziehungsadel neben dem unteren Rand vor allem die Pfeiler der Gesellschaft vernachlässigt und nicht ernst genommen, ja sogar ausgebeutet.
    Man muss zunächst sich selbst wieder ernst nehmen, dann das Gemeinwesen und dann die Freiheit, die nicht umsonst zu bekommen und nicht ohne Anstrengung des Einzelnen zu behalten ist.
    Das bedeutet für viele auch wahrzunehmen, das man selber viel weiter unten steht, als man sich vielleicht eingestehen möchte.
    Man hat aber das Recht und die Pflicht einzutreten, für einen Platz, Durchlässigkeit und das Gefühl ehrlich vertreten zu werden.
    In Zeiten von Lobbyismus und geschwürhaft wuchernder PR-Beratung kommt "Change" nicht von oben sondern unbequemerweise von unten...

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    ...dann das Gemeinwesen und dann die Freiheit, die nicht umsonst zu bekommen und nicht ohne Anstrengung des Einzelnen zu halten ist." Ein toller Kommentar für den ich danke. Er sollte in jedem Büro, in jeder Wohnung hängen.

    ...dann das Gemeinwesen und dann die Freiheit, die nicht umsonst zu bekommen und nicht ohne Anstrengung des Einzelnen zu halten ist." Ein toller Kommentar für den ich danke. Er sollte in jedem Büro, in jeder Wohnung hängen.

  7. wird ihr Fett abkriegen.

    Für Herrn Wulff tut es mir leid, dass er sich so hat instrumentalisieren lassen.

    • Debatz
    • 22.06.2010 um 20:47 Uhr

    Was wir brauchen ist nicht nur ein politischer Wandel. Der muss auch statt finden, doch auch in den Köpfen der Menschen muss es "klick" machen. Die Masse muss endlich begreifen, dass es nicht mehr so weiter geht. Unsere Politik schläft was das reale politische Geschehen angeht und sie beschäftigt sich wirklich nur noch mit sich selbst. Dieser Artikel ist gut, ich kann mich dem anschließen. Weiter so, ich hoffe es wird endlich ein Raunen durch die Massen gehen, und zwar nicht weil wir kein Weltmeister werden, sondern weil wir uns ändern müssen und weil wir der Elite die uns vertreten soll und offensichtlich kein Interesse an uns mehr hat zur eigentlichen Gesinnung zurückführen müssen. Immerhin sind sie diejenigen, die ein Überleben in der Gemeinschaft sichern müssen, sowohl nach innen als auch mit den anderen Gemeinschaften (Nationen) dieser Welt. Wenn sie weiter so machen, bürgert sich der Gedanke ein, dass wir auch ohne die Elite auskomen, denn die bringt uns sowieso nicht weiter. Und das ist der Weg den viele gerade einschlagen. Zu sagen "die können nichts" - und sie haben nicht einmal Unrecht. Denn sie können nicht über ihren eigenen Schatten springen und sich von partei-interessen oder Lobbyisten lossagen um dem Volk zu helfen. Wir brauchen starke Politiker, die gleichzeitig Verständnis für das Volk haben und endlich wieder soetwas wie Persönlichkeit spüren lassen. Pures Phrasendreschen hilft niemandem. Nur um des Redens willen zu reden ist keine Politik.

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