Frau Loesing will jetzt eine Schule gründen, in Ostfriesland. Dort betreibt ihre Familie einen Hof mit 120 Kühen und genauso vielen Schafen. Die vergangenen Jahre musste sie die Landwirtschaft in Pogum an der Ems dem Ehemann und den Schwiegereltern überlassen. Sie selbst hatte ihren Sohn zu einer Schule am anderen Ende der Republik begleitet, nach Oberjoch, dem höchsten Bergdorf Deutschlands. 1200 Meter über dem Meeresspiegel liegt hier eine Rehaklinik, in der Kinder mit Herz- und Lungenleiden behandelt werden. Während der Kur besuchen sie die zum Krankenhaus gehörende Sophie-Scholl-Schule. Gewöhnlich vier bis acht Wochen dauern Behandlung und Schulbesuch. Außerdem gibt es eine Handvoll sogenannter Langzeitschüler. Das hört sich nicht besonders spektakulär an. Aber ihrem Sohn Peter, der jetzt elf ist, habe der Aufenthalt das Leben gerettet, sagt Dagmar Loesing – und zwar in der Schule, nicht im Krankenhaus. Das sei ein Wunder. Und weil dort in kurzer Zeit auch andere Kinder aufblühen und große Erfolge beim Lernen erzielen, beschloss die Jury des Deutschen Schulpreises, in diesem Jahr ihren Hauptpreis an die Sophie-Scholl-Schule zu vergeben.

Es ist eine kleine Schule für 200 Kinder und Jugendliche aus allen 16 Bundesländern. Elf Lehrer unterrichten sie, vom Erstklässler bis zum Abiturienten. In Oberjoch gehen sie in gemeinsame Klassen. Hier ist für sie fast alles anders. Eine Schule, wie sie von den meisten Menschen in Deutschland nicht für möglich gehalten wird oder zumindest für hoffnungslos ineffektiv. »Doch es geht«, sagt Jury-Mitglied Michael Schratz. »Wie gut gemeinsamer Unterricht von Hochbegabten und Lernbehinderten funktioniert, davon konnten wir uns überzeugen.«

Jeden zweiten Donnerstag kommen neue Kinder, um ihre Kur anzutreten. Es beginnt mit einem Ritual. Die von der Heimatschule präparierten Ranzen und Rucksäcke werden im Flur vor dem Lehrerzimmer abgestellt. Darin sind Berichte über die Schüler und über den aktuellen Stoff, Hefte und Schulbücher. Übers Wochenende studiert ein Lehrerteam diese Lernbiografie und erstellt für jeden Schüler einen Wochenplan. Die jeweiligen Klassenlehrer sollen möglichst viel über ihren neuen Schützling erfahren – nur nicht, von welcher Schulart er kommt. Dabei sind die Sophie-Scholl-Lehrer immer wieder überrascht, wie wenig die Kollegen der Heimatschulen ihre Schüler kennen, obwohl sie diese häufig seit Jahren unterrichteten. Manche Spalte auf dem von der Schule verschickten Fragebogen bleibt leer. So gibt es selten Auskunft über das Hörvermögen und dessen mögliche Beeinträchtigungen. Stattdessen steht da: »Bin ich vielleicht der Arzt?« Doch mit solchen Kleinigkeiten beginnt die viel beschworene »Individualisierung des Lernens«: die Schüler wahrnehmen, sie kennenlernen, sich für sie interessieren. Dafür hat die Sophie-Scholl-Schule wenig Zeit. Die Kinder sind ja nur Gäste. Aber aus dieser Not hat die Schule ihre Tugend gemacht. Sie ist zu einem Gasthaus des Lernens geworden.

Morgens arbeitet jeder für sich an seinen Aufgaben. Wer nicht weiterweiß, muss erst mal Hilfe bei anderen Kindern suchen. Die Pädagogen halten sich zurück. Das führe in den ersten Tagen regelmäßig zu Beschwerden, erzählt die Schulleiterin Angela Dombrowski. Schüler beklagen sich, dass die Lehrer nicht arbeiten. Auf die freie Arbeit folgen Projekte, zum Beispiel Chinesisch. Alles ist da erst mal für alle neu. Mit der Lehrerin Susanne Pöhlmann werden Wörter geübt. Das ist schwer. Aber die Regeln der Grammatik sind einfach. Weisheiten von Konfuzius werden studiert. Und plötzlich kommt Neugierde auf.

Zwischendurch müssen die Schüler den Unterricht zu Anwendungen in der Klinik verlassen. Sobald sie zurückkommen, geht es weiter. In den Tagen und Wochen werden die Kinder immer hungriger darauf, was die Schule zu bieten hat. Auch anfängliche Sorgen der Eltern (die meisten Kinder werden zur Kur begleitet), hier lerne man nicht richtig, verdunsten wie der Morgentau in den Kalkalpen, auf die man von der Schule blickt.

Leistung steht bei den sechs Kriterien des Schulpreises an erster Stelle. Laut Jury sind die Schüler nach ihrer Rückkehr häufig mit dem aufgegebenen Stoff weiter als jene in der Heimatschule. Michael Schratz fragt sich: »Obwohl hier so viel anderes gemacht wird – oder weil?« Es gebe Kinder, berichtet Schulleiterin Dombrowski, die nach Jahren erneut zur Kur kommen und sich noch genau an Einzelheiten aus dem Unterricht erinnern.