»Wir hatten die Schweiz den andern erklärt. Wir hatten die Schweiz den andern immer wieder erklärt. Das war sehr schwer, den andern die Schweiz zu erklären. Wir gaben uns sehr Mühe. Niemand durfte behaupten, wir hätten uns zu wenig Mühe gegeben. Wir verteidigten uns immer wieder. Es war unser Recht, uns zu verteidigen. Es war nicht unsere Schuld, dass uns niemand mehr zuhörte. Wir hatten unsere Schweiz nicht selbst kaputtgemacht. Die Welt war selber schuld daran, dass sie keine Schweiz mehr hatte.« Peter Bichsel, »Das war die Schweiz«, 1980

1Der Auf- und Ausbau eines Finanzzentrums, auf dem heute mehr als 3000 Milliarden Franken ausländische Vermögen liegen, ist ein zentrales Strukturmoment der schweizerischen Gesellschafts- und Staatsentwicklung. In diesem Kontext könnte die Formulierung Switzerland for sale das Bild eines Landes evozieren, das ungemütlich im internationalen Schaufenster steht und seinen eigenen Ausverkauf betreibt. Dass dann aber dasselbe Land in internationalen Sympathieskalen ganz oben rangiert, ja dass wir in der Presse schmachtende Headlines wie Neue Liebe zur Schweiz lesen dürfen, hängt mit der Fähigkeit der international orientierten Wirtschaft zusammen, sich mit begehrten Angeboten zu profilieren. Und dies auf seriöser Grundlage. So entdecken inzwischen die Deutschen und andere Nachbarn den schweizerischen Finanzplatz neu – und bringen angesichts der Euro-Krise auch korrekt versteuertes Geld in die Alpenrepublik mit ihrer robusten Währung.

For sale bedeutet also nicht mehr die symbolische Statusdegradierung eines käuflichen Kleinstaates, sondern die kompetente Nutzung kompetitiver Vorteile durch ein Land, das in wirtschaftlicher Hinsicht gar nicht so klein ist, wie es in seiner folkloristischen Drapierung erscheint. Mehr noch: For sale erweist sich als elementares Drehmoment in der historischen Dynamik der schweizerischen Gesellschaft. Die Schweiz wurde das, was sie ist, weil sie immer einiges zu verkaufen hatte, was andere interessierte. Ergo gilt: Ohne Verkauf kein Wohlstand.

2Dieser Sachverhalt war im latenten Bewusstsein der Schweiz immer präsent – auch wenn sich das politisch Imaginäre von solch schnöden Grundlagen staatlicher Existenz zu emanzipieren und in die Sphäre sakraler Rechtfertigungsmuster abzuheben versuchte. Dies zeigte sich ein erstes Mal im ausgehenden 19. Jahrhundert, als sich die Schweiz als »historische Willensnation« neu erfand, den Bundesbrief von 1291 zur Nationalreliquie erklärte, den 1. August zum Nationalfeiertag erhob und den Mythos der »immerwährenden Neutralität« schuf.

Ein weiterer Schub nationalstaatlicher Ideologiebildung lässt sich in den späten 1930er Jahren erkennen. Nun wurde – wie der Historiker Oliver Zimmer herausgearbeitet hat – die seit dem 18. Jahrhundert erkennbare »Nationalisierung der Natur« durch eine »Naturalisierung der Nation« ergänzt. In den Schweizer Bergen sah man den Überlegensgarant der bedrohten Nation. Der Gotthard rückte ins Zentrum eines mentalen Dispositivs, das ganz zwanglos den Weg ins Reduit, welchen die Armee nach 1940 einschlug, präparierte. In der Botschaft des Bundesrates »über die Organisation und die Aufgaben der schweizerischen Kulturwahrung und Kulturwerbung« vom 9. Dezember 1938 – zu Recht auch Magna Charta der Geistigen Landesverteidigung genannt – werden diese Topoi entfaltet: »Der schweizerische Staatsgedanke ist nicht aus der Rasse, nicht aus dem Fleisch, er ist aus dem Geist geboren. Es ist doch etwas Grossartiges, etwas Monumentales, dass um den Gotthard, den Berg der Scheidung und den Pass der Verbindung, eine gewaltig grosse Idee ihre Menschwerdung, ihre Staatwerdung feiern durfte, eine europäische, eine universelle Idee: die Idee einer geistigen Gemeinschaft der Völker und der abendländischen Kulturen!«

Ein so vorgestelltes Land hat selbstverständlich nichts zu verkaufen, hier geht es um Verteidigung, um Landesverteidigung, um geistige Landesverteidigung im emphatischen Sinne des Wortes.

Nun hatte allerdings selbst ein Politiker wie Bundesrat Philipp Etter, der den zitierten Text verfasst hat, eine differenzierte Sicht. Einerseits versuchte er mit einer Rhetorik der Erhabenheit den Staat zum politisch-ästhetischen Gesamtkunstwerk zu machen. Andererseits verfügte er sehr wohl über ein Sensorium für die Relevanz wirtschaftlicher Austauschbeziehungen. Etter beklagte nämlich den Zustand, dass die Schweiz bisher auf eine kulturelle Außenpolitik zugunsten einer »Handels- und Verkehrspropaganda« verzichten zu können glaubte. Das wollte er ändern. »Wir müssen, ohne aufdringlich und überheblich zu werden, dem Ausland zeigen, dass wir nicht nur ein Land der Industrie, des Handels und des Fremdenverkehrs sind, dass die Schweiz vielmehr auch ein Land ist von hoher Kultur, von alter, bodenständiger und eigenartiger Zivilisation, und dass wir zu allen Zeiten unsern eigenwertig-schweizerischen Beitrag an die Gesamtkultur Europas und der Welt geleistet haben.« Diese Aussage lässt sich so lesen, dass die Schweiz als Konglomerat kommerzieller Unternehmen im Ausland bestens bekannt ist, während das, was an ihr für sie selbst wichtig ist, das »nationale Selbstverständnis«, erst noch kommuniziert werden muss.