Kandidat im Gespräch Können Sie das, Herr Wulff?

Christian Wulff erklärt, warum er lieber Bundespräsident als Kanzler wäre – und warum die Kritik an seiner Kandidatur eigentlich anderen gilt

Will sich als Bundespräsident zurücknehmen: Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff

Will sich als Bundespräsident zurücknehmen: Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff

DIE ZEIT: Herr Ministerpräsident, Johannes Rau und Horst Köhler sind als Bundespräsidenten oft unglücklich gewesen. Beide haben darunter gelitten, dass sie kaum gehört wurden. Was reizt Sie an diesem Amt?

Christian Wulff: Ich habe viele fröhliche Bundespräsidenten vor Augen. Und dabei denke ich nicht nur an Walter Scheel mit Hoch auf dem Gelben Wagen! Karl Carstens, Theodor Heuss, Richard von Weizsäcker – sie alle haben Freude im Amt gehabt. Das galt lange Zeit auch für Horst Köhler. Am Ende war er offenbar unglücklich, dass er nicht in seinem Sinne gehört wurde. Aber Rückschläge und Enttäuschungen, auch das Gefühl von Ohnmacht habe ich zuweilen auch als Ministerpräsident empfunden. Da gilt der Satz: Wem es in der Küche zu heiß ist, der sollte nicht Koch werden.

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ZEIT: In der Küche, in der der Bundespräsident kocht, wird es höchstens zu kalt!

Wulff: Ich teile diese Skepsis nicht. Viele Bürger freuen sich über einen Bundespräsidenten, der wichtige Themen anspricht, etwa die Kinderfreundlichkeit unserer Gesellschaft oder die Situation der Älteren, der Ängste ernst nimmt und Orientierung gibt.

ZEIT: Dennoch wollen Sie ein Amt, in dem Sie gestalten können, gegen einem Amt, in dem Sie nur reden können, eintauschen. Warum machen Sie das? Sie sind doch noch so jung!

Wulff: Es hat seinen Reiz, wenn auch mal ein Vertreter der mittleren Generation in dieses Amt kommt. Jemand, der seine Erfahrungen mit Kindern im schulpflichtigen Alter einbringen kann. Oder mit der Rolle seiner Frau, die als Alleinerziehende versucht hat, Beruf und Karriere miteinander zu vereinbaren.

ZEIT: Horst Köhler hatte mehr internationale Kompetenz als Sie, Ihr Gegenkandidat, Joachim Gauck, ist durch seine Biografie tiefer in der deutschen Geschichte verwurzelt. Was qualifiziert Sie?

Wulff: Das Interesse an Landespolitikern ist in Deutschland nicht sehr ausgeprägt. Ich habe Niedersachsen in den vergangenen Jahren international aufgestellt. Ich habe mich sehr für den Dialog der Religionen, für die Integration von Migranten, für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen engagiert. Ich habe als Ministerpräsident jedes Jahr zum 20. Juli eine Rede über Aspekte des Widerstandes im Dritten Reich gehalten. Das alles ist von den Betroffenen zwar positiv registriert worden, aber verständlicherweise nur selten bundesweit.

ZEIT: Man könnte auch sagen: Sie haben es nicht geschafft, die Menschen zu interessieren. Warum gelingt das anderen Ministerpräsidenten, etwa Roland Koch?

Wulff: Wer aus der Landespolitik heraus Aufmerksamkeit erregen will, muss provozieren, zuspitzen und dabei auch Verletzungen in Kauf nehmen. Das habe ich für mich immer abgelehnt. Das Interesse an einem Bundespräsidenten ist anders als das an einem Ministerpräsidenten, der als Landespolitiker wahrgenommen wird.

ZEIT: Also müssen Sie sich gar nicht ändern, müssen nicht an sich arbeiten?

Wulff: Sie werden auch das erleben.

Leser-Kommentare
  1. ...die Journalisten der Zeit das so sehen, muss Wulff kein schlechter Präsident sein. Mir wäre Frau von der Leyen auch lieber gewesen, aber Christian Wulff ist für das Amt sicher sehr geeignet. Aus meiner Sicht besser als Joachim Gauck, der im Volk nur wegen seines Namens bekannt ist und außerdem mit 70 Jahren meiner Meinung nach einfach zu alt.

  2. 2. Wulff

    Ist ein Mensch ohne klare Positionierung.

    Er wirkt zu charakterlos und richtet seine Aussagen eher an die politischen Erfordernisse des Moments als an seiner eigenen Meinung aus.

    Das ist bei Gauck ganz anders. Er ist ein echter Charaktertyp und positioniert sich klar.

    Das schlimmste, was den Deutschen (nach Westerwelle als Außenminister und Merkel als Kanzlerin) passieren kann, ist ein Präsident Wulff.

    Wahrscheinlich ruft Wulff dann jeden Morgen erstmal Frau Merkel an und fragt, was er denn sagen soll.

    Eine jahrelange CDU Mitgliedschaft in der Form, wie sie Herr Wulff erlebt hat, steht tatsächlich im Gegensatz zu einem Freidenker, den Deutschland als Präsidenten braucht.

  3. Das ist der WUlff, wie wir ihn in Niedersachsen kennen, charakterlos, anbiedernd und floskelschwingend.

    "Mir liegt es, aus der Tiefe des Raumes zu kommen."
    Was sollen solche Floskeln? Kann der Mann nicht einfach konkret was sagen?
    WUlff soll gefälligst zu irgendeiner Firma gehen und Pressesprecher werden, als Bundespräsident erwarte ich ein bisschen mehr Rückgrat und Charakter.
    Wulff wird der Politikverdrossenheit der Deutschen noch weiteren Aufwind geben und das Amt wird witer an Bedeutung verlieren.
    Mal ehrlich wer braucht denn schon einen, der als Antwort abblockt und immer das politisch am korrektesten sagt?

  4. ...von Herrn Wulffs persönlicher oder charakterlicher Eignung wird ihm immer der Makel anhaften, ein
    Präsident von Merkels Gnaden
    (um nicht zu sagen "Machtgier") sein! - Und das ist des Amtes und des Amtsinhabers schlichtweg unwürdig! Ein Mensch von Ehre sollte eine Kandidatur für dieses Amt unter diesen Voraussetzungen ablehnen!

  5. Wulff ist der "Wasserträger" der CDU und nicht der Präsident alles Deutschen. Schon als MP in Niedersachsen war er im Aufsichtsrat von VW. Er hat damit gelänzt udn ein Video gibt es dazu auch, dass er seinen Job nicht wahr nimmt.
    Er war ud wird es immer sein, ein Plakatkleber der "Jungen Union".

  6. ...und damit wird der Bundespräsident eben auch nicht direkt gewählt. Hierfür gibt es Pro- und Contra-Argumente, aber es ist eben derzeit so. Wenn ich mir die letzten Wochen so anschaue, wie Gauck (den ich schätze) von der Presse hochgeschrieben wird, dann bin ich froh, dass die Bundesversammlung wählt. Natürlich ist die Wahl dort alles andere als frei von parteipolitischen Erwägungen. Und? War sie es bei irgendeiner Bundespräsidentenwahl? Also immer schön locker bleiben. Ein 50jähriger Bundespräsident hat seine Finger sicher mehr am Puls der Zeit, als ein 70jähriger. Der im übrigen vor Kurzem noch auf eine entsprechende Frage antwortete, dass er wohl schon etwas zu alt für ein weiteres öffentliches Amt wäre. Recht hat er.

  7. Wenn man sich mit der Argumentation des Herrn Wulff tatsächlich auseinandersetzt und sie nicht sogleich mit einem Fehlschluss namens „ad hominem“ "entwertet", so fällt seine Schwerpunktsetzung auf. Sie spiegelt genau das wieder, was unsere Gesellschaft in naher Zukunft beschäftigen wird. Und dann sehen wir auch ein mehrwinkliges Denken, einen integrativen Stil und frische Ideen. Das macht Herrn Wulff zu einem sehr interessanten Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten.

    Aber auch Herr Gauck ist eine sehr interessante Persönlichkeit. Wir sollten uns darüber freuen, dass in diesem Land kein Mangel an Menschen mit Ideenreichtum, Visionen und Courage herrscht. Die Bundesversammlung möge entscheiden.

  8. "Ich habe", so Frau Merkel heute in der Bild am Sonntag, "meinen eigenen Stil". In der Tat! Und wie der aussieht, demonstriert sie in einer erstaunlichen Passage in einem Faz-Interview vom 11.6.: "Ich unterstütze", heisst es dort," aus voller Überzeugung Ministerpräsident Christian Wulff für das Amt des Bundespräsidenten.(...) Er lebt auf der Grundlage fester Werte und ist der Zukunft zugewandt." Undnoch einmal im gleichen Text: "Er steht für eine der Zukunft zugewandte Gesellschaftspolitik." Starke Worte - nur: die Lobeshymmne auf Kandidat Wulff - ein typischer Fall von
    double bind - ist vergiftet. Frau Merkel, die in der ihr eigenen Mischung aus Hilf-
    losigkeit und Zynismus offenbar ganze Teilbereiche ihrer Persönlichkeit aus den
    Augen verloren hat, zitiert, ohne es zu wissen, ohne es zu wollen, den Anfang des SED-Deutschlandlieds: "Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt". Wie dichtete einst Adalbert von Chamisso? "Wie ist mir eine Stimme doch erklungen / Im tiefsten Innern,/ Und hat mit Einemmale mir verschlungen/
    All mein Erinnern." Der unbewusste Rückgriff auf die Jubel-Rhetorik der verflossenen DDR, mit dem Frau Merkel den Anspruch auf Zukunftsorientiertheit
    und ethische Bindung ihres Kandidaten zu untermauern sucht, legt offen, was sie selbst klammheimlich von dem Herrn hält, den sie für das höchste Amt im
    Staat prädestiniert sieht: viel ist es nicht.

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