Als Noam Kohen am 16. April mit dem Regionalzug aus Naumburg zurückkehrt, ist sein Leben in Deutschland noch in Ordnung. Es ist 18 Uhr, er kommt vom Friseur, alles sieht nach einem ganz gewöhnlichen Abend aus. Ein paar seiner Schulfreunde sitzen an der Bushaltestelle vor dem Bahnhof in Laucha, Sachsen-Anhalt. Noam setzt sich zu ihnen. Kurz darauf kommt Alexander P. vorbei. Er ist 20 und trägt Glatze. Ohne Warnung schlägt er Noam ins Gesicht und brüllt: »Geh zurück, wo du hergekommen bist. Du Judenschwein!«

Noam versucht zu fliehen, rennt die Straße hinunter. Alexander P. verfolgt ihn, zerrt an der Jacke des Jungen, wirft ihn zu Boden, schlägt und tritt ihn. Sechs Zeugen sehen dabei zu, sie versuchen den Täter stoppen – »verbal«, wie es später im Polizeideutsch heißen wird. Sie greifen nicht ein. Bis ein Autofahrer anhält und Noam rettet.

Noam ist vor acht Jahren mit seiner Mutter und seinem Bruder aus Israel nach Laucha gezogen. Seine Mutter hatte sich während eines deutsch-israelischen Sportleraustausches in den Deutschen Olaf Osteroth verliebt. Noam ist nicht der richtige Name ihres Sohnes, den echten will sie nicht in der Zeitung lesen. Noam ist 17. Und seine Mutter hat Angst um ihn.

Olaf Osteroth, Noams Stiefvater, sitzt in seinem Jeep vor dem Bahnhof und zeigt auf den Tatort. Es regnet, graue Häuser säumen die Straße. Menschen sind nicht zu sehen. Laucha liegt an der Unstrut, mitten im Weinanbaugebiet, die Landschaft ist lieblich. Osteroth will gerade weiterfahren, als ein Auto vor seinem Jeep stoppt. Ein Mann in einem blauen Arbeitsanzug steigt aus. Der Elektromeister von Laucha. Der Mann kommt auf Osteroth zu und beginnt zu reden, klagt über zu wenig Arbeit, zu wenig Aufträge, zu wenig Geld. Den Angriff auf Osteroths Stiefsohn erwähnt er mit keinem Wort. »Hast du gehört, was passiert ist?«, fragt Osteroth ihn schließlich. »Ja«, sagt der Elektriker und schaut weg. Er kennt die Familie des mutmaßlichen Täters schon lange, einmal hatte er einen Auftrag von einer der Töchter. »Die hat die Rechnung sofort bezahlt, da kannste nicht meckern«, sagt er. Darauf wird geachtet in der Kleinstadt. Dass alles ordnungsgemäß läuft. Osteroth sieht irritiert aus. Für ihn hat sich alles verändert, für den Elektromeister ist alles gleich geblieben. Seit eine israelische Zeitung über den Angriff auf Noam berichtete, klingelt bei Osteroth zu Hause andauernd das Telefon. Verwandte seiner Frau aus Israel fragen, was in Deutschland los sei. Warum sie dort blieben.

Wie sollen Osteroth und seine Frau erklären, dass in Deutschland im Jahr 2010 ein Junge auf der Straße verprügelt wird, weil er Jude ist?

»Lutz Battke«, sagt Osteroth. Immer wieder fällt dieser Name in Laucha: Battke. Alexander P., der Name des mutmaßlichen Täters, rückt dabei fast in den Hintergrund. Für Osteroth ist Battke die heimliche Hauptfigur im Ort. Der Mann, der ein Klima geschaffen hat, in dem der Angriff auf Noam möglich wurde.

Lutz Battke ist Bezirksschornsteinfeger und sitzt als Parteiloser für die NPD im Stadtrat und im Kreistag. Die NPD kam bei den letzten Kommunalwahlen 2009 in Laucha auf 13,5 Prozent, das beste Ergebnis in ganz Sachsen-Anhalt.

Außerdem trainiert Battke die Fünf- bis Siebenjährigen beim Lauchaer Fußballklub BSC 99, auch Alexander P. spielte für den Verein. Osteroth zieht eine direkte Verbindung zu Battke: »Die Saat ist aufgegangen.«

Auf der Internetseite des Klubs halten mehrere Spieler eine Fahne in Rot, Weiß und Schwarz hoch. Es sind die Farben des Vereins – und der Reichskriegsflagge. Auf der Fahne steht das Wort audorea , lateinisch für Sieg. Zweimal pro Woche hat Alexander P. bis vor Kurzem im Klub trainiert, am Wochenende hatte er Spiele. Alexander P. gehörte gemeinsam mit Battkes Adoptivsohn zur ersten Mannschaft.

Landesweit bekannt wurde Battke, als das Landesverwaltungsamt versuchte, ihm aufgrund seiner politischen Einstellung den Kehrbezirk zu entziehen, damit aber vor Gericht scheiterte. Die Begründung: Battkes politische Überzeugungen hätten sich nicht auf seine Berufspflichten ausgewirkt. Jeder in Laucha kennt Battke, als Schornsteinfeger kommt er in jedes Haus. Viele sind durch den Fußballverein mit ihm verbunden. Auch der Elektromeister sagt: »Ich komme mit dem klar. Zum Geburtstag ruft er mich an.« Und seine rechtsradikalen Ansichten? »Von dem Scheiß will ich nichts wissen.« Den Angriff auf Noam könne man Battke nicht anlasten.