Marlene Dietrich weint. In Maximilian Schells Filmporträt von 1984 versagt ihr die Stimme, als sie es vorliest, dieses berühmteste Liebesgedicht des Dichters: "O lieb, solang du lieben kannst! / O lieb, solang du lieben magst! / Die Stunde kommt, die Stunde kommt, / Wo du an Gräbern stehst und klagst! // [] Und hüte deine Zunge wohl, / Bald ist ein böses Wort gesagt! / O Gott, es war nicht bös gemeint, – / Der andre aber geht und klagt." Als Marlene Dietrich abbricht, fährt Maximilian Schell fort: "Der Mund, der oft dich küsste, spricht / Nie wieder: Ich vergab dir längst!" Da bricht es aus der Schauspielerin heraus: "Ich kann das nicht sagen, ich muss nur heulen… Entschuldigung… Das sagen doch so viele Leute: ›Es war nicht bös gemeint‹ … Und was die schönste Zeile ist: ›Der andre aber geht und klagt.‹"

Die Gedichte des Ferdinand Freiligrath, sie haben ihre seltsam suggestive Kraft bewahrt. Das gilt für seine Liebespoesie wie für seine politische Lyrik. Und wenn sein Name auch aus manchem Schullesebuch verschwunden sein mag, seine Verse leben auf vielfältige Art weiter, wie nicht nur diese ergreifend rätselhafte Szene aus Schells Dietrich-Film zeigt.

Freiligrath war neben Heinrich Heine und Georg Herwegh der populärste deutschsprachige Lyriker zur Mitte des 19. Jahrhunderts, sein Einfluss immens. Seine Gedichte konnte ganz Deutschland auswendig; Schumann, Mendelssohn Bartholdy, Liszt und Carl Loewe haben sie vertont. Und wie in seinem Werk zwischen biedermeierlicher Romantik und revolutionärem Agitprop, so spiegelt sich in seinem ganzen Schicksal die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts.

Geboren vor 200 Jahren, am 17. Juni 1810, als Sohn eines Schulmeisters in Detmold, der Residenz des kleinen Fürstentums Lippe, muss der "Bücherfresser" Ferdinand kurz vor dem Abitur die Schule abbrechen. Gemeinsam mit seinem Vater – die Mutter ist früh gestorben – sattelt er um. Beide wollen sich fortan den Lebensunterhalt als Kaufleute erwerben. Der 15-Jährige kommt zu einem Onkel in die Lehre, der im westfälischen Soest mit Kolonialwaren handelt. Nebenher setzt er sein Sprachenstudium fort, was ihm später nicht nur als Handelsmann und Banker, sondern auch als Übersetzer und Dichter nützlich werden soll.

Früh beginnt er, Verse zu schreiben. Sein erstes erhaltenes Gedicht ist dem isländischen Moostee seiner Stiefmutter gewidmet, mit dem er sein Halsweh besiegte. Die Wirkung dieses Zaubertranks scheint heftig gewesen zu sein. In kraftvollen Versen besingt der 16-Jährige die Insel der Geysire und Vulkane samt der germanischen Götterwelt. Freiligraths "Debüt" beeindruckt noch heute und fehlt in keiner Werkausgabe.

Die heilkundige Stiefmutter hat ihre Schwester mit in die Familie Freiligrath gebracht, und der junge Handelslehrling entwickelt schnell eine große Zuneigung zu der zehn Jahre älteren Karoline Schwollmann. Seine Liebe wird erwidert. Als sein Vater im Sterben liegt, schreibt der 18-Jährige nicht nur das berühmte O lieb, solang du lieben kannst, sondern verspricht ihm auch, Karoline zu heiraten.

Zunächst jedoch tritt Ferdinand seine erste Stelle in einem Amsterdamer Bank- und Großhandelshaus an. Aus der so reichen und doch so engen Welt des Kontors, umgeben von Teppichen, Tabak, Tee, Gewürzen, träumt er sich in Urwälder, Prärien, Palm-Oasen: "Sieh den Tiger mit dem Leoparden ringen!"