Dieses Ölgemälde, gemalt von Johann Peter Hasenclever, zeigt Ferdinand Freiligraths im Jahr 1851

Marlene Dietrich weint. In Maximilian Schells Filmporträt von 1984 versagt ihr die Stimme, als sie es vorliest, dieses berühmteste Liebesgedicht des Dichters: "O lieb, solang du lieben kannst! / O lieb, solang du lieben magst! / Die Stunde kommt, die Stunde kommt, / Wo du an Gräbern stehst und klagst! // [] Und hüte deine Zunge wohl, / Bald ist ein böses Wort gesagt! / O Gott, es war nicht bös gemeint, – / Der andre aber geht und klagt." Als Marlene Dietrich abbricht, fährt Maximilian Schell fort: "Der Mund, der oft dich küsste, spricht / Nie wieder: Ich vergab dir längst!" Da bricht es aus der Schauspielerin heraus: "Ich kann das nicht sagen, ich muss nur heulen… Entschuldigung… Das sagen doch so viele Leute: ›Es war nicht bös gemeint‹ … Und was die schönste Zeile ist: ›Der andre aber geht und klagt.‹"

Die Gedichte des Ferdinand Freiligrath, sie haben ihre seltsam suggestive Kraft bewahrt. Das gilt für seine Liebespoesie wie für seine politische Lyrik. Und wenn sein Name auch aus manchem Schullesebuch verschwunden sein mag, seine Verse leben auf vielfältige Art weiter, wie nicht nur diese ergreifend rätselhafte Szene aus Schells Dietrich-Film zeigt.

Freiligrath war neben Heinrich Heine und Georg Herwegh der populärste deutschsprachige Lyriker zur Mitte des 19. Jahrhunderts, sein Einfluss immens. Seine Gedichte konnte ganz Deutschland auswendig; Schumann, Mendelssohn Bartholdy, Liszt und Carl Loewe haben sie vertont. Und wie in seinem Werk zwischen biedermeierlicher Romantik und revolutionärem Agitprop, so spiegelt sich in seinem ganzen Schicksal die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts.

Geboren vor 200 Jahren, am 17. Juni 1810, als Sohn eines Schulmeisters in Detmold, der Residenz des kleinen Fürstentums Lippe, muss der "Bücherfresser" Ferdinand kurz vor dem Abitur die Schule abbrechen. Gemeinsam mit seinem Vater – die Mutter ist früh gestorben – sattelt er um. Beide wollen sich fortan den Lebensunterhalt als Kaufleute erwerben. Der 15-Jährige kommt zu einem Onkel in die Lehre, der im westfälischen Soest mit Kolonialwaren handelt. Nebenher setzt er sein Sprachenstudium fort, was ihm später nicht nur als Handelsmann und Banker, sondern auch als Übersetzer und Dichter nützlich werden soll.

Früh beginnt er, Verse zu schreiben. Sein erstes erhaltenes Gedicht ist dem isländischen Moostee seiner Stiefmutter gewidmet, mit dem er sein Halsweh besiegte. Die Wirkung dieses Zaubertranks scheint heftig gewesen zu sein. In kraftvollen Versen besingt der 16-Jährige die Insel der Geysire und Vulkane samt der germanischen Götterwelt. Freiligraths "Debüt" beeindruckt noch heute und fehlt in keiner Werkausgabe.

Die heilkundige Stiefmutter hat ihre Schwester mit in die Familie Freiligrath gebracht, und der junge Handelslehrling entwickelt schnell eine große Zuneigung zu der zehn Jahre älteren Karoline Schwollmann. Seine Liebe wird erwidert. Als sein Vater im Sterben liegt, schreibt der 18-Jährige nicht nur das berühmte O lieb, solang du lieben kannst, sondern verspricht ihm auch, Karoline zu heiraten.

Zunächst jedoch tritt Ferdinand seine erste Stelle in einem Amsterdamer Bank- und Großhandelshaus an. Aus der so reichen und doch so engen Welt des Kontors, umgeben von Teppichen, Tabak, Tee, Gewürzen, träumt er sich in Urwälder, Prärien, Palm-Oasen: "Sieh den Tiger mit dem Leoparden ringen!"

Der junge Autor hat einen phänomenalen Erfolg

Die bunte "Wüsten- und Löwenpoesie" der frühen Jahre sei bereits Ausdruck seines Freiheitsdrangs und seiner demokratischen Ansichten gewesen, erklärt Freiligrath später. Tatsächlich finden sich in den Versen jener Zeit exotisch verfremdet Parolen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Er beklagt die Sklaverei, sympathisiert mit aufständischen schwarzen Fürsten und ruft den Indianern Amerikas zu: "Heult den Kriegsruf, werft den Speer! / Schüttelt ab die – Europäer! / Schüttelt ab das Raupenheer! // […] Zürnend ihren Missionären / Aus den Händen schlagt das Buch; / Denn sie wollen euch bekehren, / Zahm, gesittet machen, klug!"

Der junge Autor hat einen phänomenalen Erfolg; er wird eine Art früher Karl May der Lyrik. Seine Verse erscheinen bald in überregionalen Journalen, in Cottas Morgenblatt und im Deutschen Musenalmanach . Bekannte Kollegen wie Gustav Schwab und Clemens Brentano sind begeistert. Auch Adelbert von Chamisso, dem weit gereisten, gefällt das fantasievolle lyrische Geschichtenerzählen: "Seit dieser zu singen begonnen hat, sind wir anderen Spatzen."

1838 erscheint bei Cotta der Band Gedichte, nahezu jedes Jahr folgt eine neue Auflage. Auch als kongenialer Übersetzer – George Byron, Victor Hugo, Walter Scott, Robert Burns – macht Freiligrath sich einen Namen. Und außergewöhnlich in dieser Zeit: Seit 1839 kann er bereits von der Feder leben. Er zieht in das Städtchen Unkel, südlich von Bonn. Hier verfertigt er, inspiriert vom Ort, allerlei rhein- und weinselige Poesie, die das Publikum entzückt, heute aber zu Recht vergessen ist.

Privat geht es bewegter zu. Nach langem Zaudern hat er die Verlobung mit Karoline gelöst. 1841 heiratet er die zehn Jahre jüngere Ida Melos aus Weimar. Nach einer kurzen Zeit in Darmstadt kehrt er an den Rhein zurück und lässt sich in St. Goar nieder. Hier kehrt mancher romantische Rheinreisende bei ihm ein. Justinus Kerner und Hoffmann von Fallersleben gehören zu den Gästen, aber auch der amerikanische Dichter Henry Longfellow und Hans Christian Andersen.

Noch hält sich Freiligrath aus den politischen Kämpfen in Deutschland und Europa heraus. Die Pariser Julirevolution, der Polenaufstand, das Hambacher Fest – das alles ist nicht sein Thema. 1841 schreibt er ein Gedicht (Aus Spanien) auf die Hinrichtung des umstrittenen Putschisten Diego de León. Das Publikum reagiert verstört. Freiligrath hat der Kritik schon vorgebaut: "Der Dichter", heißt es in der Elegie, "steht auf einer höhern Warte, / Als auf den Zinnen der Partei."

Es hagelt Erwiderungen. "Partei! Partei!", schmettert ihm der sieben Jahre jüngere Herwegh aus dem Schweizer Exil entgegen, "Wer sollte sie nicht nehmen / Die noch die Mutter aller Siege war!" Mit seinen im selben Jahr 1841 erschienenen Gedichten eines Lebendigen, die innerhalb weniger Monate die für die Zeit gigantische Auflage von 20000 Exemplaren erreichen, ist Herwegh über Nacht zum Sänger der Opposition geworden. Seine Verse sind Parole: "Reißt die Kreuze aus der Erden! / Alle sollen Schwerter werden, / Gott im Himmel wird’s verzeihn."

Während Herwegh ins Exil ausweichen muss, erhält Freiligrath 1842 gemeinsam mit dem ohnehin als obrigkeitsfromm bewährten Emanuel Geibel (Der Mai ist gekommen) von Preußens König Friedrich WilhelmIV. ein "Ehrengehalt". Der junge Ehemann kann die stattlichen 300 Taler gut gebrauchen – allerdings muss sich der "königlich pensionierte Poet" allerlei Häme gefallen lassen.

Freiligrath weiß, was ihm droht. Nun ist er auf der Flucht

Das Denken und Schreiben in Europa radikalisiert sich. In den Biedermeierstuben fliegen die Fenster auf, das Feuilleton wird frech, Metternichs Spitzel kommen nicht mehr nach. 1844 kündigt Freiligrath die fatale Pension, zugleich erscheint sein Gedichtband Ein Glaubensbekenntnis. Im Vorwort verabschiedet er sich von den "falschen Freunden": "Das Ärgste, was sie mir vorzuwerfen haben, wird sich zuletzt auf das eine beschränken: daß ich nun doch von jener ›höheren Warte‹ auf die ›Zinnen der Partei‹ herabgestiegen bin. Fest und unerschüttert trete ich auf die Seite derer, die mit Stirn und Brust der Reaktion sich entgegen stemmen! Kein Leben mehr für mich ohne Freiheit!"

Freiligrath weiß, was ihm droht. Von nun an ist er auf der Flucht. Sein königlicher Gönner in Berlin reagiert beleidigt und lässt die Gedichte verbieten. Doch die erste Auflage von 8000 Exemplaren ist bereits verkauft, die verfemten Verse fliegen durchs Land.

Freiligrath geht mit seiner Frau nach Belgien, in Brüssel schließt er Bekanntschaft mit Karl Marx. Dann zieht das Paar weiter in die Schweiz. Freiligraths Gedichte, in Anthologien und auf Flugblättern massenhaft verbreitet, schildern nicht mehr nur die politischen Missstände und die soziale Not, sondern fordern jetzt den Umsturz. Wieder gelingt es ihm, Geschichten und Sinnbilder zu finden, die sich in den Köpfen festsetzen und die Herzen der Leser ergreifen – wie in dem berühmten Gedicht vom Heizer, der den Kessel jenes Rheindampfers schürt, auf dem der preußische König spazieren fährt. "Du bist viel weniger ein Zeus als ich, o König, ein Titan!", murrt er zu seinem Herrscher auf dem Oberdeck hin. "Wir sind die Kraft! Wir hämmern jung das alte, morsche Ding, den Staat, / Die wir von Gottes Zorne sind bis jetzt das Proletariat!"

Das waren unerhörte, gewaltige Töne. 1846 erscheint in einem Schweizer Exilverlag die Sammlung Ça Ira . Der Titel nimmt offensiv eine Losung der Französischen Revolution auf. Marx und Engels allerdings sind skeptisch. Im "Kopfe unseres Freiligrath" gerät ihnen die Revolution doch etwas zu enthusiastisch, zu leicht und zu flott.

Nach der Pariser Februar-Erhebung 1848 überschlagen sich die Ereignisse. Auch in Deutschland bricht sich jetzt die neue Zeit Bahn. In der Nacht des 18. März stehen in Berlin Bürger und Arbeiter gemeinsam auf den Barrikaden. Das Militär wird zum Rückzug aus der Hauptstadt gezwungen. Kronprinz Wilhelm, der spätere Kaiser Wilhelm I., nimmt Reißaus und flieht nach England, der König duckt sich weg. Es gibt Wahlen, in Frankfurt am Main konstituiert sich die Nationalversammlung. Freiligrath, der die Schweiz verlassen und sich in London niedergelassen hat, wo er als Korrespondent eines deutschen Handelshauses arbeitet, bejubelt die Volkserhebungen in den deutschen Staaten. "Pulver ist schwarz, / Blut ist rot, / Golden flackert die Flamme!" – so besingt er die deutsche Trikolore.

Der "Trompeter der Revolution" will zurück in die Heimat. Doch er kommt – wie Marx es voraussah – zu spät. Die Flamme ist kleiner geworden, schon beginnt dem Frankfurter Parlament die Macht zu entgleiten. Freiligrath spürt die reaktionären Kräfte wiedererwachen. Trotzig stellt er dieser Entwicklung sein berühmtes Trotz alledem entgegen. Es soll, in Anlehnung an Verse des schottischen Volksdichters Robert Burns entstanden, sein bekanntestes politisches Gedicht werden – trostreich erinnert noch von den Eingekerkerten im KZ-Buchenwald, gern auch gesungen von den Liedermachern der siebziger Jahre, im Westen wie im Osten, und neu aufgegriffen 1989 in der DDR: "Nur, was zerfällt, vertretet ihr! / Seid Kasten nur, trotz alledem! / Wir sind das Volk, die Menschheit wir, / Sind ewig drum, trotz alledem! / Trotz alledem und alledem: / So kommt denn an, trotz alledem! / Ihr hemmt uns, doch ihr zwingt uns nicht – / Unser die Welt trotz alledem!"

Und noch ein weiteres berühmtes Gedicht entsteht in jenen Tagen. In seiner Mahnrede Die Toten an die Lebenden lässt er die in den Märzkämpfen gefallenen und vor dem Schloss aufgebahrten Berliner Barrikadenstreiter, vor denen Friedrich Wilhelm den Hut ziehen musste, auferstehen: "So war’s! Die Kugel in der Brust, die Stirne breit gespalten, / So habt ihr uns auf schwankem Brett auf zum Altan gehalten! / ›Herunter‹ – und er kam gewankt! – gewankt an unser Bette; / ›Hut ab!‹ – er zog – er neigte sich! (So sank zur Marionette, / Der erst ein Komödiante war!) / Bleich stand er und beklommen! / Das Heer indes verließ die Stadt, die sterbend wir genommen!" Am Ende fordern die Toten die Überlebenden auf, die halbe Revolution zur ganzen zu machen, die Throne in Flammen zu setzen, die Fürsten aus dem Land und übers Meer zu jagen.

Mit Marx, Engels und Georg Weerth redigiert Freiligrath die NRZ

Im August 1848 in Düsseldorf gedruckt, wird das Gedicht für einen Silbergroschen als Flugblatt in Tausenden von Exemplaren verbreitet. Freiligrath kommt umgehend in Haft, die Anklage wirft ihm "Aufreizung zum Widerstand gegen die Staatsgewalt" vor. Die Düsseldorfer Geschworenen jedoch sprechen den populären Dichter frei. Der stenografische Prozessbericht bleibt ein Lehrstück für die Interpretation politischer Lyrik.

Zusammen mit Marx, Engels und Georg Weerth redigiert Freiligrath jetzt in Köln die späterhin legendäre Neue Rheinische Zeitung. Als das Blatt im Mai 1849 sein Erscheinen einstellen muss, steht auf der Titelseite in roten Lettern Freiligraths trutziges Abschiedswort: "Wenn die letzte Krone wie Glas zerbricht, / In des Kampfes Wettern und Flammen, / Wenn das Volk sein letztes ›Schuldig!‹ spricht, / Dann stehn wir wieder zusammen!"

Freiligrath kann nicht länger in Deutschland bleiben. Wegen "Aufforderung zur Empörung und Majestätsbeleidigung" wird er steckbrieflich gesucht. Zusammen mit seiner Frau und den vier Kindern kehrt er über Umwege 1852 ins Londoner Exil zurück.

Während er Marx anfangs noch finanziell unterstützt haben soll und dessen Arbeit am Kapital vornehmlich als wissenschaftliche lobte (was Marx verdross), entfremdet er sich später dem Kampfgefährten. Freiligrath, in Köln Mitglied des Bundes der Kommunisten, wird Banker und hängt "seine Harfe an den Nagel". Den Lebensunterhalt für die Familie verdient er von 1858 an als englischer Generalbevollmächtigter der Banque Suisse. Er hat ohnehin keine Chance mehr, in Deutschland zu veröffentlichen. Nur selten liest man noch in Exilzeitschriften von ihm. Umso wichtiger werden seine Übersetzungen englischer Dichtung.

Das Publikum allerdings bleibt seinem Liebling treu. Und so kommt es gegen Ende der sechziger Jahre zu der beispiellosen Heimholung eines deutschen Dichters aus dem Exil. Freiligrath, inzwischen englischer Staatsbürger, befindet sich nach der Schließung der Londoner Filiale der Banque Suisse 1865 in einer sorgenvollen Lage. Eine adäquate Stellung für ihn zu finden ist nicht leicht. Es sei aber ein "Gerücht" und ein "Mißverständnis", so schreibt er selbst an die Deutsche Schillerstiftung, dass er "Hülfe" benötige.

Da hatten Freunde und Kollegen (darunter Herwegh) bereits zu einer "Volksdotation" für den als alt, verarmt und heimwehkrank vermuteten Dichter aufgerufen und – auch unter den Emigranten in England und Amerika – die gewaltige Summe von 60000 Talern gesammelt, die nach heutiger Kaufkraft 1,6 Millionen Euro entspricht. Nie zuvor und nie danach wurde ein deutscher Schriftsteller reicher beschenkt. So kehrt Freiligrath 1868 im Triumph heim, freilich nicht ins preußische Rheinland, sondern in das liberalere Württemberg. In Preußen gelten nach wie vor der Haftbefehl und die Anklage wegen staatsfeindlicher Gedichte.

Freiligrath erweist sich allerdings als etwas zu dankbar. Weniger dem "Volk" gegenüber als den Bürgern, die sich von Bismarcks Gewaltpolitik mitreißen lassen und sich anschicken, für die "Einheit" auf die Freiheit zu verzichten. Als deutsche Truppen nach Frankreich marschieren, stimmt Freiligrath mit ein in das nationalistische Pathos: "Hurrah, du stolzes schönes Weib, / Hurrah Germania!…"

Der nach 1871 einsetzende Einheitsrausch bleibt ihm fremd

Seine – wie der Schriftsteller Herbert Eulenberg 1948 meinte – "glücklicherweise nur dünnen" Jubel-Verse entzücken die hurrapatriotische Leserschaft. Sie erlauben Freiligraths Werken die Rückkehr in die auflagenstarken Schullesebücher und Goldschnittalben. Er ist nicht der einzige alte Achtundvierziger, der den Kriegsbeginn feiert. Wenige Monate später indes sieht er den fatalen Fehler ein. Entsetzt wendet er sich – zum Beispiel in einem Brief an den Schriftstellerkollegen Berthold Auerbach – von den Schrecken des Krieges ab. In dem Gedicht Die Trompete von Gravelotte beklagt er die Toten auf beiden Seiten. "Über den Patriotismus die Menschlichkeit!" fordert er in einer Entgegnung auf ein blutrünstiges Gedicht von Julius Wolf und wirbt nach Kriegsende zusammen mit dem Publizisten Karl Blind vehement für die Versöhnung mit dem französischen Volk.

Der nach 1871 einsetzende Einheitsrausch bleibt ihm fremd. Es falle ihm nicht ein, "das Reich für das Höchste" zu halten. Ernüchtert über die autoritäre Atmosphäre im neuen Deutschland, findet Freiligrath zu seinem Weltbürgertum zurück und zitiert mehr als einmal Heinrich Heine: "Bedenk ich die Sache ganz genau, so brauchen wir gar keinen Kaiser." Ein weiteres Zeichen setzt Freiligrath schließlich mit seiner Teilnahme an der Totenfeier für den "Preußenhasser" Georg Herwegh im Frühjahr 1875 in Baden-Baden. Dabei wird der letzte Wille des Rivalen und Mitstreiters bekannt gegeben: Sein Sarg soll in die Schweiz überführt werden, da er nicht in der Erde eines Landes begraben sein will, in dem noch Fürsten regieren.

Ein Jahr später, 1876, stirbt er selbst, Ferdinand Freiligrath, der Dichter der Liebesschmerzes und der Freiheitslust, in Stuttgart-Bad Cannstatt. Es ist der 18. März.

Der Autor ist Schriftsteller und lebt in Neckargemünd. Mehr zum Thema zeigen Ausstellungen der Landesbibliotheken in Dortmund (bis 30. 7.; Tel. 0231/5023206) und Detmold (2. 9. bis 29. 10.; Tel. 05231/926600). Zur Detmolder Ausstellung erscheint eine neue Gedicht-Auswahl, die Winfried Freund und Detlev Hellfaier herausgegeben haben: "Im Herzen trag’ ich Welten"; 286 S., 25,– €; ISBN 978-3-9806297-2-0