Ferdinand Freiligrath Wir sind das Volk!
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Der nach 1871 einsetzende Einheitsrausch bleibt ihm fremd

Seine – wie der Schriftsteller Herbert Eulenberg 1948 meinte – »glücklicherweise nur dünnen« Jubel-Verse entzücken die hurrapatriotische Leserschaft. Sie erlauben Freiligraths Werken die Rückkehr in die auflagenstarken Schullesebücher und Goldschnittalben. Er ist nicht der einzige alte Achtundvierziger, der den Kriegsbeginn feiert. Wenige Monate später indes sieht er den fatalen Fehler ein. Entsetzt wendet er sich – zum Beispiel in einem Brief an den Schriftstellerkollegen Berthold Auerbach – von den Schrecken des Krieges ab. In dem Gedicht Die Trompete von Gravelotte beklagt er die Toten auf beiden Seiten. »Über den Patriotismus die Menschlichkeit!« fordert er in einer Entgegnung auf ein blutrünstiges Gedicht von Julius Wolf und wirbt nach Kriegsende zusammen mit dem Publizisten Karl Blind vehement für die Versöhnung mit dem französischen Volk.

Der nach 1871 einsetzende Einheitsrausch bleibt ihm fremd. Es falle ihm nicht ein, »das Reich für das Höchste« zu halten. Ernüchtert über die autoritäre Atmosphäre im neuen Deutschland, findet Freiligrath zu seinem Weltbürgertum zurück und zitiert mehr als einmal Heinrich Heine: »Bedenk ich die Sache ganz genau, so brauchen wir gar keinen Kaiser.« Ein weiteres Zeichen setzt Freiligrath schließlich mit seiner Teilnahme an der Totenfeier für den »Preußenhasser« Georg Herwegh im Frühjahr 1875 in Baden-Baden. Dabei wird der letzte Wille des Rivalen und Mitstreiters bekannt gegeben: Sein Sarg soll in die Schweiz überführt werden, da er nicht in der Erde eines Landes begraben sein will, in dem noch Fürsten regieren.

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Ein Jahr später, 1876, stirbt er selbst, Ferdinand Freiligrath, der Dichter der Liebesschmerzes und der Freiheitslust, in Stuttgart-Bad Cannstatt. Es ist der 18. März.

Der Autor ist Schriftsteller und lebt in Neckargemünd. Mehr zum Thema zeigen Ausstellungen der Landesbibliotheken in Dortmund (bis 30. 7.; Tel. 0231/5023206) und Detmold (2. 9. bis 29. 10.; Tel. 05231/926600). Zur Detmolder Ausstellung erscheint eine neue Gedicht-Auswahl, die Winfried Freund und Detlev Hellfaier herausgegeben haben: »Im Herzen trag’ ich Welten«; 286 S., 25,– €; ISBN 978-3-9806297-2-0

 
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