Das Wetter über dem Schulgelände führt an diesem Nachmittag tolle Kämpfe auf: Es ist gleichzeitig Frühsommer und mieser November. Die Sonne sticht. Es dampft unter den Apfelbäumen. Am Himmel balgt sich das große Grau mit dem Blau.

Eine Gemeinheit des Missbrauchsskandals , der seit Monaten Deutschlands bekanntestes Internat beschäftigt, liegt darin, dass er ein Klischee bestätigt, nach dem das Grauen sich stets die friedlichen, die idyllischen Orte aussucht.

Und tatsächlich, diese Schule sieht unheimlich schön aus: wie sich das Ensemble der Schulhäuser in das Auf und Ab der Wiesen, Waldzungen und Wege legt. Da steht das lustige, weil eine grobe Unwahrheit behauptende Warnschild: "Die Odenwaldschule ist rauchfrei". Eine gelbe Telefonzelle. Den Beachvolleyballplatz, oberhalb vom Speisesaal gelegen, hat der Bad Homburger Verlagskaufmann und Kunstsammler Adrian Koerfer gespendet. Er ist in den siebziger Jahren auf die Schule gegangen und jahrelang missbraucht worden – und hat doch eine Tochter auf der Schule. Sie macht gerade Abitur.

Es sind, hier oben auf dem Schulgelände im südhessischen Oberhambach, dramatische Wochen: Am Wochenende tagt der Trägerverein. Bei der Vorstandswahl werden sich, zum Glück für die Schule, jene Kräfte durchsetzen, die für Aufklärung, Öffnung, Erneuerung einstehen. Die Direktorin hat in den letzten Monaten so oft das Wort "Aufklärung" beschworen, dass sie allein davon ganz erschöpft sein muss. Immer wieder belagern die Übertragungswagen des Fernsehens die Einfahrt. Und noch ist nicht raus, ob die Schule, die im Juli ihren 100. Geburtstag feiert, die Missbrauchsskandale, die zwanzig bis vierzig Jahre zurückliegen, überleben wird. In einer großen Tageszeitung war zu lesen, dass der Kampf verloren sei, weil das Misstrauen gesiegt habe.

Wenig scheint in diesen Wochen so schwierig, so heikel, wie mit den Schülern der Odenwaldschule, jener "traumatisierten Institution" (Direktorin Margarita Kaufmann), ins Gespräch zu kommen. Und dann ist es, natürlich, doch ganz einfach: Man stellt sich neben das Blockhaus genannte Clubhaus, oben im Schulgebiet gelegen. Das Blockhaus, die schuleigene Kneipe und Diskothek, hat am Samstagabend bis Mitternacht geöffnet. Der Raucherplatz hat immer auf, weil er vor dem Blockhaus liegt. Hier kommen jene Schüler hin, die den Tabak von Javaanse Jongens rauchen, und die, die nicht rauchen, kommen auch, weil der Raucherplatz das soziale Zentrum der Schule darstellt.

Wie ist die Stimmung an der Basis? Gibt es an dieser Schule überhaupt noch eine Normalität, einen Alltag? Welches Mittagessen ist der größte Horror? Sind alles so Fragen. Des Reporters Hoffnung ist es, dass das Miterleben von fünf Minuten Alltag, die oben am Raucherplatz am Blockhaus stattfinden, mehr über Gegenwart und Zukunft der Odenwaldschule erzählt als die Beschwörung all der hehren Ideale des Schulgründers Paul Geheeb. Die Schüler der Odenwaldschule machen in diesen Tagen ihr mündliches Abitur.

Ein "Brazil"-T-Shirt, ein Polohemd, eine BMW-Motorsport-Jacke. Es gibt den Timberland-Schüler und den Vans-Turnschuhe-Schüler. Das Langhaarige, Fusselbärtige, gekonnt Ungewaschene des modernen Schülers. Die sehen hier auch nicht anders aus als an anderen deutschen Schulen. Der Reporter glaubt eine gewisse Markenskepsis auszumachen (was nichts anderes als das am höchsten entwickelte Markenbewusstsein ist, klar). Ein Schüler erklärt: Als Kind reicher Eltern habe man es auf dieser Schule auch nicht leichter als ein Kind aus durchschnittlich wohlhabendem Elternhaus. Eher: im Gegenteil. Unter den Haarsträhnen erkennt der Reporter die Zivilisiertheit, Kultiviertheit und Arriviertheit großbürgerlicher Elternhäuser.

Und? Wie schaut’s aus? Seid ihr gerade alle so richtig schön misstrauisch untereinander, deprimiert und desillusioniert?

Spöttisches Lächeln. Skepsis angesichts des Übermuts des Reporters. Die auffällig höfliche, bescheidene, klug abwartende Art des Odenwaldschülers. Einer erklärt: "Wir wollen nichts verharmlosen. Aber, Entschuldigung, so richtig deprimiert sind wir gerade nicht."

Unter den Schülern herrscht Einvernehmen darüber, dass der Missbrauchsskandal den Zusammenhalt eher gestärkt denn geschwächt habe. Anders sehe es bei den Lehrern aus: Die Lehrer, so die Schüler, könnten einem manchmal leidtun. Überhaupt seien die Nerven der Lehrkräfte stärker strapaziert als die der Schüler. Die Lehrer und Oberhäupter in den Häusern, so der mitfühlende Kommentar, müssten in diesen Wochen einen Spagat vollbringen – sie müssten gleichzeitig den Betrieb am Laufen halten und Aufklärung betreiben, keine leichte Aufgabe.

 

Vor- und zurücktreten. Neue Zigarette kurbeln. Nichts sagen. Grinsen. Ausspucken. Einen Rauchring blasen. Da liegen vor dem Blockhaus die Pizzakartons und Bierflaschen der letzten Nächte. Die viele Zeit, die es in der Abgeschiedenheit der Schule totzuschlagen gilt, hat aus einigen Internatsschülern wahre Kommunikationsgroßmeister gemacht: das unendliche Debattier- und Argumentiertalent, das der Schüler beim Rumstehen und Durch-die-Gegend-Labern entwickelt. Eine Kunst hier oben am Blockhaus besteht darin, ganz viel zu sprechen und dabei absolut nichts zu sagen.

Ein paar Krücken wandern von Schüler zu Schüler: Schau an, mit Krücken kann man auch Spaß haben. Ein Handy spielt einen monotonen Melodieloop: "Die Vögel", Techno aus Berlin. Der Odenwaldschüler, der etwas erleben möchte, geht stundenlang im Wald spazieren. Oder er fährt mit dem Sammeltaxi nach Heppenheim: Süßigkeiten kaufen bei Netto. Ein Zeit-Kill-Spiel ist der Hacky-Sack, ein weiteres weitgehend sinnfreies Spiel das Ins-Loch-Gucken: Der Schüler bildet mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis. Wer da hineinguckt, kriegt eins auf die Schulter gehauen.

Vielleicht ist das ja – vor dem Hintergrund anders lautender Berichte – eine Nachricht wert: Auf der Odenwaldschule machen Schüler ziemlich gute Witze. Andere Schüler, die ebenfalls nicht sonderlich deprimiert wirken, lachen darüber. Diese Schule besteht auf einen Alltag.

Abendessen im Speisesaal: Es gibt Schupfnudeln. Der Schock, dass die Direktorin hier wirklich Margarita genannt wird. Lehrer und Schüler duzen sich auf der Odenwaldschule. Während des Essens wird die Magie des "Alkoholanmeldens" erörtert: Der Schüler über 16 darf bei seinem Familienoberhaupt eine geringe Menge Alkohol, also ein, zwei Flaschen Bier, die er auf dem Zimmer trinkt, anmelden: eine rührende Regel, eine zauberhafte Weltabgewandtheit, wie sie es nur im Internat geben kann (kurz wünscht sich der Reporter, er könnte in seinem Leben auch Alkohol anmelden). Nach dem dritten Gong macht der Schüler mit dem "Brazil"-T-Shirt eine Ansage vor versammelter Schülerschaft: Diejenigen, die das Graffito "VL" – es handele sich um ein Kürzel des Gangnamens "Vatos Locos" aus dem Film Blood In, Blood Out – auf die Steine vor dem Blockhaus geschmiert haben, mögen das bitte wegmachen. Sei die Schmiererei bis morgen Vormittag nicht beseitigt, bleibe das Blockhaus geschlossen. Tosender Applaus bei den Schülern.

Schulführung. Die Häuser, die in den zehner und zwanziger Jahren gebaut wurden, sehen innen nach siebziger Jahren aus: enge Gänge, niedrige Türen, Linoleum, Teppich über den Stufen, Raufaser, süßlicher Geruch. Auf einem unheimlich gemütlich aussehenden Treppenhausklo steht eine Tube Drei-Wetter-Taft-Haargel, die mit 33 Prozent mehr Inhalt. Der Reporter belauscht ein Gespräch zweier Jungs, die sich von Dusche zu Dusche unterhalten. Internatszauber.

Rhododendronbüsche, die mit den rosa Blüten. Hinter einem Fenster sitzen zwei Mädchen, Handtücher um die Köpfe gewickelt, Teeschalen in den Händen. In der Idylle und allgegenwärtigen Friedlichkeit der Szenerie fällt dem Reporter die Vollkatastrophe der Missbräuche wieder ein – der Gau für eine Schule. Der Abendhimmel über dem Herder-Haus bricht auf: das Haus der Tat. Dort, wo vor dreißig Jahren der Schulleiter Gerold Becker seine Opfer bedrängte, wohnt heute ein voll okayer, allseits beliebter Mathe- und Chemielehrer. Der Lehrer ist Hardcore-Fan vom FC St. Pauli, aus einem Fenster unter dem Dach hängt eine Totenkopf-Fahne.

Zwei Jungs mit kurzen Sporthosen sitzen da unter der Linde vor dem Goethe-Haus: Hintern auf dem Tisch, Schuhe auf die Bank gestellt. Warten, gucken.

Und, Jungs? Was geht ab?

"Wir philosophieren."

Echt?

 

"Nö."

Grinsen. Grüßen. Weiterlaufen. Freitagnacht auf der Odenwaldschule.

Der Reporter hüpft nun mit einigen Dreizehnklässlern und einem Bierkasten durch die Büsche im Schulgebiet: ziemlich lächerliche, lustige Sache. Oben vom Blockhaus ruft ein Lehrer mit schwäbischem Dialekt: "Jetzt isch aber Schluss!" 

Bei Bier Nummer drei gestehen die Schüler, während sie in den Büschen hocken, auf eine herzergreifende Art, wie sehr sie ihre Schule lieben: Das Korrektiv der Gemeinschaft habe sie zu Menschen gemacht. Immer wieder fällt der Satz: "Diese Schule hat mich gerettet."

Der Reporter überlegt kurz, ob er da dem Werbetext einer gefährdeten, einer von der Schließung bedrohten Schule aufsitzt. Nicht doch. Das sind kluge, ernste, angenehm angeheiterte Menschen.